Die Kunsthalle Zürich freut sich, mit Intermezzo die erste institutionelle Einzelausstellung des in Tallinn lebenden Künstlers Kaarel Kurismaa (geb. 1939, Pärnu, Estland) ausserhalb seiner Heimat zu präsentieren. Ausgangspunkt der Ausstellung ist eine Auswahl von Klangskulpturen, die Kurismaa in den späten 1990er-Jahren entwickelte, und die in den Räumlichkeiten der Kunsthalle Zürich erstmals in Dialog miteinander gesetzt werden.
Kurismaa ist vor allem für seine kinetischen Objekte bekannt, die er meist aus massengefertigten Materialien wie gefundenen Möbelteilen, Küchenutensilien und elektronischen Motoren Mitte der 1960er-Jahre zu fertigen begann. Nachdem er 1957 an der Musikschule in Tartu abgelehnt wurde, schrieb er sich zunächst an der dortigen Kunsthochschule ein und studierte wenige Jahre später Monumentalmalerei am Staatlichen Kunstinstitut in Tallinn. Parallel zu seinem Studium arbeitete Kurismaa als Künstler-Dekorateur im 1960 eröffneten Tallinna Kaubamaja – dem ersten Selbstbedienungs-Warenhaus im sowjetischen Estland, das sich bewusst an westlichen Handelsketten orientierte. Die Tätigkeit im Kaufhaus ermöglichte es ihm, mit Readymade-Materialien und industriell produzierten Formen zu experimentieren. Vor diesem Hintergrund entstand 1966 seine erste, aus einem Kaminrost und Küchenutensilien gefertigte Skulptur, die als erstes kinetisches Objekt der estnischen Kunstgeschichte gilt, heute jedoch nicht mehr erhalten ist.
Inmitten der Stagnation der 1970er-Jahre – einer Phase ideologischer Verhärtung und kultureller Unterdrückung, die einen Höhepunkt in der seit den 1940er-Jahren bestehenden sowjetischen Besatzung bildete – standen die estnischen Künste, insbesondere die Avantgarde, unter intensiver Beobachtung. Kurismaa verlagerte seinen Schwerpunkt auf Aufträge für Kunst im öffentlichen Raum und arbeitete zudem als Bühnenbildner und Regisseur bei Tallinnfilm, dem ältesten noch bestehenden Filmstudio Estlands. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und deren nachlassenden Kontrolle über die Sowjetrepubliken Mitte der 1990er-Jahre wandte sich Kurismaa schliesslich wieder verstärkt seiner eigenen Praxis zu. Es entstanden zunehmend raumgreifende Skulpturen, die sich an der Schnittstelle von Instrument und Maschine bewegen.
Die Ausstellung entlehnt ihren Titel der gleichnamigen Arbeit Intermezzo, die 1997 in zweifacher Ausführung von Kurismaa entwickelt und im Rahmen seiner Ausstellung in der Kunsthalle Zürich in einer dritten Auflage realisiert wurde. Bestehend aus winzigen Becken, die auf gefalteten Metallstreifen montiert und von kleinen Holzhämmern gespielt werden, sind die am Boden platzierten Arbeiten von Wechselstrommotoren angetrieben. Mehrere nicht synchronisierte Motoren sind dabei gleichzeitig in Betrieb und erzeugen ein sich stetig wandelndes klangliches Gefüge, das Kurismaas anhaltendes Interesse an mechanischer Perkussion verdeutlicht.
Den kleinformatigen Variationen von Intermezzo gegenübergestellt, ist Alma’s Railroad, 1997 – eine grossformatige Skulptur in drei Teilen, die an Hightech-Maschinen oder Raumfahrzeuge erinnert und elektronisch verstärkt wird. Ihre dumpfen, durch violette Karton- und Kunststoffröhren geleiteten Töne verbinden sich mit den hellen Klängen von Intermezzo, 1997/2026, zu einer vielschichtigen Klanglandschaft. Während die Titel seiner Arbeiten meist musikalische Bezüge aufweisen, bewegt Alma’s Railroad sich zwischen persönlicher Erinnerung und Wortspiel und verweist zugleich auf Kurismaas Tante Alma sowie auf das estnische Wort «allmaa» (Untergrund).
Den Anfangs- und Schlusspunkt der Ausstellung bildet Kurismaas einzig bekannte Videoarbeit Racing the Waves, 2001, die den Künstler an der Küste Tallinns bei einer Performance dokumentiert. Der Titel – eine wörtliche Übersetzung des estnischen Originals Lainetega võidu – beschreibt eine parallele Bewegung, in der Kurismaa mit an Wellen erinnernden Messingblechen um die Wette springt; jenes Material, das er bereits wenige Jahre zuvor bei der Arbeit an Intermezzo verwendete. Während «Intermezzo» im musikalischen Sinne ein Zwischenspiel bezeichnet, verweist der Begriff zugleich auf einen relationalen Moment des Übergangs und der Verknüpfung – eine Erfahrung, die sich nicht zuletzt in der Kunsthalle Zürich entfaltet, wenn die Klänge von Kurismaas Arbeiten sich überlagern und ein visuelles wie akustisches Ensemble formen.
Kuratiert von Fanny Hauser.
Kaarel Kurismaas Ausstellung wird ermöglicht durch die Unterstützung des Eesti Kultuurkapitals und des estnischen Kulturministeriums.
Mit besonderem Dank an Tom Engels, Mari Kurismaa, Erik Liiv und Temnikova & Kasela, Tallinn.
Kaarel Kurismaa arbeitet mit Sound, Skulptur, Malerei, Design und Kinetik. Seine Werke wurden in Einzelausstellungen im Tartu Art House, Tartu; im Kunstmuseum Kumu, Tallinn; im Retretti Kunstmuseum, Punkaharju; und in der Temnikova & Kasela Galerie, Tallinn, präsentiert. Darüber hinaus waren seine Arbeiten Teil zahlreicher Gruppenausstellungen u.a. an der 15. Baltic Triennial: Same Day, Vilnius (2024); in der Halle für Kunst Steiermark, Graz (2021); im Garage Museum für zeitgenössische Kunst, Moskau (2018); an der Akademie der Künste, Berlin (2018); in der SALT Galata Galerie, Istanbul (2013); und im Zimmerli Art Museum, New Jersey (2011).

