Ab dem 22. November stehen gleich zwei Bauernsäulen im Atrium des vorarlberg museum: Marko Lehankas Skulptur Bauernsäule Remix 19, 2019, antwortet auf Albrecht Dürers Bauernsäule-Denkmalentwurf zum Bauernkrieg von 1525. Aus Kannen, Eimern und Werkzeugen baut Marko Lehanka, angelehnt an den Entwurf des deutschen Renaissancekünstlers, eine wackelige Siegessäule, gekrönt von einer kleinen Figur, die gelassen raucht. Sie wird so zum Gegendenkmal: eine Erinnerung an den Aufstand von 1525, an das Scheitern der Befreiung und an die Würde jener, die in den Archiven der Geschichte kaum eine Stimme haben – hier aber, zwischen Milchkannen, Hufeisen und einer Perücke, ihr widerspenstiges Denkmal erhalten haben.
»Als ich die Zeichnung sah, hat mich die Idee, Alltagsobjekte zu einer Säule zu stapeln, fasziniert. Ich habe sie frei interpretiert und mit eigenen Elementen versehen, darunter ein Text, ein Auszug meiner computergenerierten Texte aus den 1990er Jahren. In diesem spielen ein Landwirt, eine Wirtin und weitere Personen die Hauptrollen«, sagt Marko Lehanka, mit Blick auf Dürers Entwurf, und ergänzt mit Schalk: »...denn schließlich ist mein Bauer obendrauf der Einzige, der im Museum rauchen darf!«
In der Installation im Atrium des vorarlberg museum werden Lehankas Werk historische Bezüge aus der Region gegenübergestellt. In den Quellen zeigt sich, dass auch in Vorarlberg um das Jahr 1525 der Funke der Empörung glomm: Es gab den Wunsch nach der freien Wahl der Pfarrer, Beschwerden über Abgaben und Nutzungsrechte bis hin zu Solidaritätsaktionen mit aufständischen Allgäuer Bauern. Die Erinnerung an diese Unruhen – an Macht, Unterdrückung und Hoffnung – wurde in der Landesgeschichte meist einseitig überliefert. Heute, 500 Jahre später, ist sie Anlass zur kritischen Reflexion über soziale Gerechtigkeit, politische Teilhabe und Erinnerungskultur.
vorarlberg museum Direktor Michael Kasper: »Der Bauernkrieg von 1525 ist Teil unserer Geschichte – auch in Vorarlberg. Die Erinnerung an diesen Aufstand erzählt nicht nur von Unterdrückung, sondern auch vom Streben nach Gerechtigkeit und Teilhabe. Mit der Bauernsäule schaffen wir einen Ort, an dem Geschichte, Kunst und Gegenwart in Dialog treten – und Fragen nach Macht, Widerstand und Hoffnung neu gestellt werden.«
»Dürers Bauernkriegsmonument ist durchaus doppeldeutig. Erinnert es an die Besiegten oder feiert es die Sieger?« sagt KUB Direktor Thomas D. Trummer »Marko Lehankas Arbeit verwandelt Dürers Pathos in Fragilität, Zufall und Humor. Die Bauernsäule Remix 19, 2019, wird so zum Gegendenkmal: eine Erinnerung an jene, die in den Archiven der Geschichte kaum eine Stimme haben.«
1525 entwirft Albrecht Dürer nach der Erhebung der Bauern im selben Jahr ein Denkmal. Der Holzstich, den er als Illustration in seine theoretische Schrift Underweysung der Messung aufgenommen hat, zeigt eine Säule. Ihr Aufbau ist durch Maßzahlen gegliedert, als wolle Dürer den Aufruhr in eine geometrische Ordnung bannen. Die Säule besteht aus gestapelten Alltagsgegenständen: einem Ofen, einer Kanne, einem Bündel Getreide, landwirtschaftlichen Geräten, gekrönt von einer sitzenden Figur, einfach gekleidet, den Hut tief ins Gesicht gezogen, der Rücken von einem Schwert durchbohrt. Dürers Bauernkriegsmonument ist durchaus doppeldeutig. Erinnert es an die Besiegten oder feiert es die Sieger? Ist es eine Mahnung an den unterdrückten Bauernstand, für seine Rechte aufzustehen oder ein Sinnbild für die restaurierte Macht von Kirche und Adel nach der Niederschlagung des Aufstands?
Fast fünf Jahrhunderte später – 1999 und 2019 – greift der deutsche Künstler Marko Lehanka Dürers Entwurf in zwei Versionen auf. Er verwandelt ihn in seiner »Bauernsäule« in eine fünf Meter hohe Skulptur – humorvoll und kritisch zugleich. Auch hier türmen sich Kannen, Eimer, ein Fass und Fundstücke, darüber eine Getreidegarbe. Ganz oben sitzt eine kleine, groteske Gestalt, die gelassen eine Zigarette raucht, als hätte sie die Geschichte überlebt und dabei ihre Bitterkeit in Gleichmut verwandelt.
Wo Dürer die Gewalt der Geschichte in ein Maßsystem bannte, zeigt Lehanka deren surrealen Nachhall in einer Welt aus Resten und bäuerlichen Artefakten. Seine Arbeit ist zugleich Hommage und Umdeutung: Sie verwandelt das Pathos der Säule – Symbol von Sieg, Ewigkeit und Macht – in Fragilität, Zufall und Humor. Die bäuerliche Figur ist kein Held, sondern ein Überlebender, ein mythisch-schrulliger Zeuge einer vergangenen Welt. Die Bauernsäule Remix 19, 2019, wird so zum Gegendenkmal: eine Erinnerung an den Aufstand von 1525, an das Scheitern der Befreiung und an die Würde jener, die in den Archiven der Geschichte kaum eine Stimme haben – hier aber, zwischen Milchkannen, Hufeisen und einer Perücke, ihr widerspenstiges Denkmal erhalten haben.
Thomas D. Trummer, 6. Oktober 2025

