Wie lässt sich das Unsichtbare darstellen? Lange bevor im Surrealismus durch die Beschäftigung mit Traum und Unterbewusstsein eine neue, übergeordnete Wirklichkeit Einzug in die Kunst hielt, erschlossen Künstler die Welten des Albtraums, der Vision, des Fantastischen und Spirituellen. Als Prolog zur großen Surrealismus-Ausstellung der Staatsgalerie verfolgt die Graphik-Kabinett-Ausstellung »Albtraum und Vision. Zwischen Schatten und Erleuchtung« in rund 40 Werken die Ursprünge dieser Bildwelten.
In Grafiken und Gemälden des 18. und 19. Jahrhunderts, darunter sind Highlights wie Francisco de Goyas »Der Schlaf der Vernunft« oder Max Klingers Variante von Arnold Böcklins »Toteninsel«, scheint ein Zwielicht der Halluzinationen, Metamorphosen und inneren Bilder. Die Ausstellung verortet die Werke in einer längeren europäischen Bildtradition. Seit der Renaissance beschäftigten sich Künstler mit Dämonen, Volksglauben, Alchemie und mystischen Offenbarungen. Mit dem Zeitalter der Aufklärung verschwanden diese Vorstellungen keineswegs. Sie wurden vielmehr zu Gegenwelten der Vernunft, in denen sich Ängste, Wünsche und die verborgenen Kräfte der menschlichen Psyche verdichteten.
Anstatt diese Künstler lediglich als Vorläufer des Surrealismus zu präsentieren, versteht die Ausstellung sie als Teil einer gemeinsamen Geschichte der Imagination. André Breton erkannte in vielen von ihnen geistige Weggefährten – Künstler, die den sichtbaren Dingen eine verborgene Wirklichkeit entgegensetzten und damit den Boden für eine der bedeutendsten künstlerischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts bereiteten. »Albtraum und Vision. Zwischen Schatten und Erleuchtung« eröffnet so einen neuen Blick auf die Ursprünge des Surrealismus.