Für Silver Lining präsentiert Alexandra Bircken (geb. 1967 in Köln) eine dreiundzwanzig Meter lange Collage, die aus Fotografien, Zeitungsausschnitten und Magazinseiten, Screenshots, Readymades sowie eigenem Material besteht, das die Künstlerin seit den frühen 90er-Jahren zusammengetragen und selbst hergestellt hat. Zwischen persönlicher und populärer Kultur angesiedelt, eröffnet dieses visuelle Archiv den Besucherinnen und Besuchern einen Rundgang durch das Universum der Künstlerin.
Silver Lining bildet einen Gegenpol zu Birckens viel beachteter skulpturaler Praxis. Während ihre dreidimensionalen Arbeiten Fragen nach Materialität, Körperlichkeit und gesellschaftlichem Leben aufwerfen, entfaltet Silver Lining diese Auseinandersetzung über eine Vielzahl einzelner Fragmente. In ihrem stetigen Fluss lassen sich sechs wiederkehrende Konstellationen ausmachen: Ornamentale Ordnung: Wiederholung, Raster und symmetrische Anordnungen – Strukturen, die zugleich als System und als Ornament gelesen werden können. Kommerzialisierte Weiblichkeit: Kosmetik, Schmuck, redaktionelle Fotografien und sexualisierte Körperfragmente, die auf Produkt und Oberfläche reduziert werden. Rohe Materie: Unverarbeitete organische Materialien und Texturen, die sich der Glätte und Perfektion ihrer Umgebung widersetzen. Zirkulierende Krise: Nachrichtenbilder, Werbung und Unternehmensdarstellungen, in denen wiederkehrende, ungelöste Probleme auf derselben Seite neben der geschmeidigen Sprache von Industrie und Beständigkeit erscheinen. Rekonstruierte Körper: Mechanische, orthopädische und cyborgartige Formen – Körper, die durch Strukturen neu aufgebaut, erweitert oder ersetzt werden. Häusliche Absurdität: Alltagsgegenstände und private Schnappschüsse, die durch Übersteigerung oder Verschiebung ins Befremdliche kippen.
Diese Konstellationen sind keine voneinander abgegrenzten Kategorien, sondern vielmehr Anziehungspunkte innerhalb eines Universums von Bildern – eines Universums, in dem Bedeutungen zwischen unterschiedlichen Zentren wandern.
Jenseits dieser Konstellationen gibt es weder eine Hierarchie der Bilder und Objekte noch eine Chronologie. Material aus drei Jahrzehnten steht gleichberechtigt nebeneinander und wird nicht durch eine zeitliche Abfolge, sondern durch Ähnlichkeiten miteinander verbunden: ein formales Echo, eine wiederkehrende Struktur, eine gemeinsame Textur. Bircken beschreibt die einzelnen Bildmotive als eindeutig und auf den ersten Blick lesbar. In ihrer Gesamtheit jedoch nimmt die Ansammlung den Charakter einer Abstraktion an: Bedeutung entsteht aus der Nähe und dem Aufeinandertreffen der Bilder, nicht aus einem einzelnen Bild.
Silver Lining hinterfragt zugleich eine Vorstellung, die traditionell mit der Skulptur verbunden ist: dass sie für sich allein stehen müsse. Jedes Fragment wurde ausgewählt, weil es Bircken aus sich heraus interessierte. Die Collage stellt somit die Beziehung über die Eigenständigkeit, das Netzwerk über das abgeschlossene Objekt und rückt damit den Akt der Auswahl ins Zentrum. Zugleich ist die Arbeit nicht abgeschlossen. Bircken beschreibt den Prozess als einen metabolischen: Ständig wird neues Material aufgenommen, und die Arbeit bleibt – in den Worten der Künstlerin – technisch gesehen unvollendet.
Auch der Titel trägt mehrere Bedeutungen zugleich. Silver bezeichnet das Material des fotografischen Bildes, das Silberhalogenid, mit dem Licht einst auf Papier fixiert wurde. Ein Lining wiederum ist die verborgene innere Schicht eines Kleidungsstücks, die ihm seine Form verleiht. Zusammengenommen beschreiben die beiden Begriffe die Beschaffenheit dieser fortwährenden Arbeit: Fotografisches Material verdichtet sich über Jahre hinweg zu einer Einheit, während eine darunterliegende Struktur durch die Ansammlung zunehmend sichtbar und lesbar wird. Zugleich tritt darin Birckens ganz eigene Art hervor, sich mit jener Bildkultur auseinanderzusetzen, die parallel zu unserer Existenz verläuft.
Kuratiert von Nadim Samman
Alexandra Bircken wurde 1967 in Köln geboren. Sie studierte Modedesign am Central Saint Martins College of Art and Design in London, wo sie anschließend im Masterstudiengang Fashion lehrte. Während ihrer Zeit in London entwickelte sie ihr eigenes Modelabel und arbeitete später als Designerin für verschiedene Modehäuser in Paris. Nach ihrer Rückkehr nach Köln eröffnete sie den Laden »Alex«, in dem sie Objekte und Accessoires schuf. Darüber hinaus absolvierte sie Atelieraufenthalte bei der Imhoff Stiftung, im Studio Voltaire in London und an der National Gallery in Harare. Bircken war 2019 an der 58. Biennale di Venezia beteiligt. Ihre Einzelausstellungen wurden unter anderem in der Secession in Wien, im Fridericianum in Kassel, im Museum Brandhorst in München und im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin gezeigt. Ihre jüngste Ausstellung SomaSemaSoma war anschließend im Culturgest in Lissabon, im Kunsthaus Biel, im Capc musée d’art contemporain de Bordeaux und im Marta Herford zu sehen. Von 2018 bis 2023 hatte Bircken eine Professur an der Akademie der Bildenden Künste München inne. Seit 2023 lehrt sie an der Kunstakademie Düsseldorf. Alexandra Bircken lebt und arbeitet in Berlin und Düsseldorf.