Die bildende Künstlerin und Autorin Anna Schapiro entwickelt eine ortsspezifische Arbeit für den historischen Betsaal der ehemaligen Synagoge in Rendsburg. Ausgangspunkt ist der Raum selbst und die widersprüchliche Geschichte des Hauses: Einst das religiöse Zentrum der Gemeinde, nach 1938 als Fischräucherei entwürdigt und dann ab den 1980er Jahren als Museum genutzt. Heute erinnert der Raum als bewusste Leerstelle an Verfolgung und Vernichtung und steht zugleich vor der Frage, wie jüdische Geschichte aus der Gegenwart heraus erzählt und weitergedacht werden kann.
Auf Grundlage von Recherchen im Archiv und Gesprächen vor Ort schafft Schapiro eine temporäre Raumarbeit, für die sie in tuschegetränktes Reispapier und Pigmente nutzt. In einer nicht-invasiven Technik, die Elemente von Malerei, Druck und Skulptur verbindet, legt sie neue Schichten über den Boden. Die Arbeit lotet das Verhältnis von Bewahren und Verändern sowie von Erinnerung (-skultur) und Gegenwart (-sbewältigung) aus. Statt Geschichte festzuschreiben, fragt Anna Schapiro mit ihrem ortsspezifischen und kritischen erinnerungskulturellem Ansatz nach den Spuren, die Menschen, Zeiten und Nutzungen in einem Raum hinterlassen – und danach, welche neuen Spuren hinzukommen können.
Anna Schapiro gehört als Tochter jüdischer Zugewanderten aus Moskau zu einer jungen jüdischen Generation, die sich gegen Vereinnahmung und Stereotypisierung wehrt. Sie ist Mit-Herausgeberin der Zeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart, ein Magazin, in dem mehrheitsgesellschaftliche Deutungsmuster hinterfragt und gleichzeitig Möglichkeiten der Allianzbildung aufzeigt werden. Mit ihren Arbeiten zeigt Schapiro ihre gekonnte Verknüpfung von Fragen nach Erinnerung, Machtstrukturen, Migration und historischen Schichten. So hat sie mit dem Werk Offene Geheimnisse im Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die historischen Schichten des Raumes sicht- und spürbar gemacht.
Die Ausstellung ist Ausgangspunkt für ein Offenes Museumsatelier im angrenzenden Julius-Magnus-Haus. Besucher:innen, Schulklassen und Kulturakteur:innen können dort kreativ werden, Workshops besuchen, eigene Angebote entwickeln und miteinander ins Gespräch kommen. So sind sie nicht nur Besucher:innen, sondern gestalten das kulturelle Angebot des Museums mit. Geplant sind offene Workshops, Begegnungen mit jüdischen Communities aus Schleswig-Holstein und Hamburg sowie Kooperationen mit Vereinen, Initiativen und Kulturakteur:innen.