Aura ist »ein sonderbares Gespinst aus Raum und Zeit, einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag«.
Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
Während BECOMING PAULA, mit der das Jubiläumsjahr startete, die Entwicklung von der jungen Kunststudentin Paula Becker zur heute gefeierten Künstlerin nachzeichnete, greift die zweite Jubiläumsausstellung einzelne ikonische Bildnisse heraus, anhand derer die verschiedenen Werkebenen von der unmittelbaren Wiedergabe des Gesehenen bis zu einer symbolischen Verdichtung erschlossen werden.
Von Walter Benjamin stammt der einflussreiche Text aus dem Jahr 1936 »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«, der sich u.a. mit dem Verfall des Auratischen im Zuge einer beispielsweise fotografischen Vervielfältigung des Originals beschäftigt. Benjamins Annahmen sind teilweise revidiert, doch bleibt die Frage nach der Aura von Kunstwerken nach wie vor aktuell, stellt sich gar im Zuge von Digitalisierung und KI umso mehr.
Paula Modersohn-Beckers Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag besitzt eine große Anziehungskraft, dem Bild wird eine besondere Aura zugeschrieben. Doch worauf beruht diese? Zu diesem Zweck befragen wir in der Ausstellung das wohl berühmteste »Rätselbild« der Kunstgeschichte, Leonardos Mona Lisa. Neben der enormen Zahl der Besuchenden, die das Original jährlich im Louvre aufsuchen, zeugen zahlreiche Kopien und Adaptionen von der anhaltenden Faszination des Leonardo-Bildes. Niemand wird bestreiten, dass das Original eine Aura besitzt. Wie aber steht es um die Kopie?
2024 stand das berühmte Selbstbildnis im Zentrum eines Experiments. In der 3Sat-Reihe »Das Geheimnis der Meister« fertigte der Maler Tim Ernst eine Kopie des Bildes. Abschluss und Höhepunkt des Beitrags war der Vergleich der Kopie mit dem Original in Bremen. Für die Ausstellung wiederholen wir diese Gegenüberstellung. Neben einer Beschäftigung mit der Maltechnik eröffnet sich so unmittelbar die aufschlussreiche Gelegenheit eines Vergleichs.
Weitere Bildnisse, die aus privaten wie öffentlichen Sammlungen erstmals im Paula Modersohn-Becker Museum gezeigt werden, vertiefen die Auseinandersetzung mit der auratischen Anmutung. Hier sind es vor allem die Darstellungen von Kindern, die befremdlich wie berührend wirken. Wer sind diese Kinder und welche Vorstellung von Kindheit will Modersohn-Becker vermitteln?
Im letzten Raum schließt sich eine weitere prominente Motivgruppe an. Bis auf sich selbst hat Paula Modersohn-Becker keine andere Person häufiger gezeichnet und gemalt als Anna »Mutter« Schröder, eine Worpsweder Armenhausbewohnerin. Mindestens zwölf Gemälde zwischen 1898 und 1907 zeigen Anna Schröder. Darüber hinaus gehen Dutzende Zeichnungen einer alten Frau im Garten auf die Armenhäuslerin zurück. Das Paula Modersohn-Becker Museum besitzt mit der Alten Armenhäuslerin im Garten mit Glaskugel und Mohnblumen das letzte Bild, das die Malerin von Anna Schröder schuf, sowie eine Gruppe vorbereitender Zeichnungen. Anlässlich der Ausstellung AURA planen wir, die Gruppe der verfügbaren Armenhäuslerin-Bilder erstmals zusammen zu zeigen.
AURA. Paula Modersohn-Becker. Die Bildnisse kann als eine Fortsetzung der Ausstellung Berührend (Paula Modersohn-Becker Museum, 2020) gesehen werden. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie verhandelte diese mit Werken vom Mittelalter bis heute die Bedeutung der Berührung für den Menschen.
Die Betrachter werden sich die Frage stellen, ob die Aura eines Kunstwerks nur im direkten Gegenüber vor dem Original erfahrbar ist. Schließlich ist zu erörtern, welche Rolle der Ort – also hier das Museum – für die Wahrnehmung spielt.