Carl Grossberg (1894–1940) gehört zu den spannendsten deutschen Künstlerpersönlichkeiten der Klassischen Moderne. In Elberfeld, heute zu Wuppertal gehörig, geboren, lebte er nach seiner Ausbildung am Weimarer Bauhaus von 1921 bis 1940 als freischaffender Künstler in Sommerhausen bei Würzburg. Innerhalb von nur 20 Jahren schuf er ein einzigartiges Werk, in dem er sich vor allem auf Architektur- und Industriemotive konzentrierte. Menschenleere, wie still gestellt wirkende Stadt- und Dorfansichten sind in ungewöhnlichen Blickwinkeln erfasst. So zeigte Grossberg in seinem »Brückenkopf an der Alten Mainbrücke in Würzburg« bewusst nicht die berühmte steinerne Brücke selbst mit ihren Heiligenfiguren und dem Blick über den Fluss, sondern die verschachtelten Bauten am Brückenkopf. Dabei erhält die kristallklare Architektur in scharf voneinander abgegrenzten, glatt leuchtenden Farbflächen eine fast irreale Prägnanz. Grossbergs Gemälde und Aquarelle aus Städten wie Amsterdam, Köln und Wuppertal ebenso wie aus fränkischen Dörfern gehören zu den Schlüsselwerken der »Neuen Sachlichkeit«.
Sein Alleinstellungsmerkmal fand Grossberg als Maler von Technik und Industrie. Mit einem vom neuen Medium der Fotografie geprägten Blick gab er Maschinenhallen wie einzelne technische Details – Pressen, Walzen, Druckmaschinen – in seinen Bildern wieder. So verlieh er der Faszination für die atemberaubenden technischen Entwicklungen seiner Zeit Ausdruck, ohne ihre verstörende Seite zu leugnen. In ihrer fremdartigen Schönheit wirken die industriellen Anlagen zugleich vage bedrohlich und werfen die Frage nach ihrer Beherrschbarkeit durch den Menschen auf – eine Frage, die auch heute noch und vielleicht mehr denn je aktuell ist.
Dem Unbehagen an der Entwicklung der Moderne, der sich der Bauhaus-Schüler zugleich tief verpflichtet fühlte, verlieh Carl Grossberg vor allem in seinen »Traumbildern« Ausdruck. Bereits 1925 hatte der Kunsthistoriker Franz Roh den Begriff des »Magischen Realismus« für ähnliche Tendenzen der zeitgenössischen Kunst geprägt. Auch Grossbergs glatte, in Präzision und Blickwinkel oft fotografisch wirkende Darstellungen sind nur auf den ersten Blick rein »sachlich« – darunter lauert Unheimliches und Unergründliches.
Mit seiner Technik-Malerei fand Grossberg ein Thema, mit dem er auch in der NS-Zeit noch Ausstellungsmöglichkeiten hatte; für die Ausstellung „Deutsches Volk – Deutsche Arbeit“ 1934 malte er sogar ein großes Wandgemälde. Zu fragen ist daher auch nach den Bedingungen künstlerischen Arbeitens in der NS-Zeit und Grossbergs Weg zwischen künstlerischer Autonomie und Anpassungszwang.
Die Ausstellung »Carl Grossberg – sachlich, magisch, visionär« ist die erste Retrospektive seit über 30 Jahren. Mehr als 80 Gemälde und Arbeiten auf Papier sind erstmals nach Jahrzehnten wieder öffentlich in Europa zu sehen, darunter zahlreiche Werke aus einer amerikanischen Privatsammlung.
Die Ausstellung ist eine Kooperation des MiK mit dem Von der Heydt-Museum Wuppertal. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
Die Ausstellung wird gefördert durch die Ernst von Siemens Kunststiftung, die Unterfränkische Kulturstiftung, den Kulturfonds Bayern, die Sparkasse Mainfranken, die Würzburger Kulturstiftung und den Freundeskreis Kulturspeicher e.V.

