Jonathas de Andrade mit Walter Ballhause, Pol Cassel, Erhard Hippold, Carl Lohse, Sepp Mahler, Oskar Nerlinger, Albert Renger-Patzsch, Alexander Rodtschenko, Hans Schulze, Fritz Tröger
Die Ausstellung verknüpft zwei Videoinstallationen des brasilianischen Künstlers Jonathas de Andrade mit Fotografie, Grafik und Malerei aus der Sammlung des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst.
Zwei Videoarbeiten des brasilianischen Künstlers Jonathas de Andrade (geb. 1982, lebt und arbeitet in Recife) bilden den Kulminationspunkt der Ausstellung. Ausgehend von de Andrades profundem Interesse an gesellschaftlichen Fragen wie beispielsweise den Sichtbarkeiten und Einschreibungen sozialer Hierarchien in öffentlichen Räumen oder Machtkonstruktionen durch ökonomische Systeme, Gemeinschaftsbildungen sowie historischen Entwicklungen sozio-politischer Gefüge, verknüpft die Ausstellung seine filmischen Arbeiten mit neu-sachlicher Malerei und Fotografie aus der Sammlung des BLMK. Jene Werke entstanden in den 1920er/30er Jahren, einer Zeit massiver politischer und wirtschaftlicher Krisen und Umbrüche. Sie stehen für Kunst, die explizit als ästhetischer Ausdruck engagiertem gesellschaftlichen Handelns begriffen wird. Denn jene künstlerischen Avantgarden entwickelten über kritische Blicke auf Alltagswirklichkeiten und spezifische, formale Gesten eine soziale Imagination zwischen Realitäten und Fiktion, die auf positiv konnotierte Utopien der Selbstermächtigung abzielten.
Die Ausstellung schlägt einen zeitlichen Bogen, der nicht nur Kunstwerke der Gegenwartsreflexion mit künstlerischen Blicken einer 100 Jahre zurückliegenden Vergangenheit verbindet. Vielmehr verweisen die verschiedenen Epochen und Werke auch auf wiederkehrende globale, gesellschaftliche und ökonomische Bedingungen einerseits, jedoch andererseits auch auf Gesten der Selbstermächtigung im Umgang mit jenen Konditionen menschlicher Existenz. Mit klaren filmischen Bildern, die auch immer das Verhältnis von Nähe und Distanz ausloten, rücken die präsentierten Videoarbeiten von Jonathas de Andrade soziale Debatten ins Zentrum.
O caseiro / The Housekeeper, 2016 (Video. 8 min, Loop)
Angelegt als Split Screen-Projektion entspinnt sich zwischen den beiden parallellaufenden Filmteilen eine Art von Dialog zwischen zwei Zeiten und Geschichten, die in ein und demselben Haus spielen. Auf der linken Leinwandhälfte wird Joaquim Pedro de Andrades Kurzfilm Mestre de Apipucos aus dem Jahr 1959 präsentiert. Kondensiert auf acht Minuten zeigt jener Dokumentarfilm einen Tag im Leben des brasilianischen Soziologen und Anthropologen Gilberto Freyre. Beginnend mit dem Aufwachen des Protagonisten begleitet ihn die Kamera beim Frühstück mit seiner Frau, beim Spaziergang durch den Garten sowie anderen Aktivitäten seines Alltags. Hierzu gehört auch die Interaktion mit dem Hauspersonal. Auf der rechten Leinwandhälfte fällt dem gegenwärtigen Hausverwalter des inzwischen zum Museum verwandelten Wohnhauses die Hauptrolle zu. Die Filmsequenzen zeigen seinen Alltag im Haus und dessen Garten im Jahr 2026. Die synchronisierten Schnitte zwischen den beiden Filmteilen stellen Parallelen her, die Kontraste von Klasse und Rasse hervorheben und die Auswirkungen der Zeit auf die Architektur sowie auf Freyres Ideen und die historische Figur selbst sichtbar machen.
Voyeurístico / Voyeuristic, 2018 (Video, 4:24 min, Loop)
Präsentiert auf einem kleinformatigen Flachbildschirm, dessen Größe analog zu den um 1920 entstandenen Fotografien inmitten deren er hängt angelegt ist, eröffnet die ca. vierminütige Videoarbeit einen geradezu intimen (Ein)Blick in Geldbörsen, Handtaschen etc. Gefilmt mit einer Handykamera in den Straßen von Recife zeigt der Film, dessen Handlung in langsamen, geradezu sorgsam tastenden Bewegungen vollzogen wird, wie Menschen ihre Portemonnaies öffnen und deren Innenleben zeigen, ohne grenzüberschreitend die Details preiszugeben.
Eine gleichnamige, zeitgleich im Schloss Bad Muskau stattfindende Ausstellung stellt Videoinstallationen sowie skulpturale Werke von Jonathas de Andrade Fotografien der 1970er Jahre von Helga Paris aus der Sammlung des BLMK gegenüber.
Der grelle Schein der Ränder ist eine Kooperation zwischen dem Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst und dem Lausitz Festival sowie der Stiftung Fürst-Pückler-Park Bad Muskau.
Die Ausstellung wird kuratiert von Kobi Ben-Meir und Ulrike Kremeier