Der „Maler und Denker“ Eberhard Havekost (1967-2019) zählte zu den großen Hoffnungen der deutschen Gegenwartskunst und war seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts durch Ausstellungen und Ankäufe auch international im Fokus des Interesses öffentlicher Museen und renommierter Privatsammlungen. Seine Bildsprache verband in singulärer Weise die präzise Darstellung der sichtbaren Welt mit den Konditionen der Wahrnehmung selbst, insbesondere mit den digitalen „Benutzeroberflächen“ von Smartphones, Tablets und Bildbearbeitungsprogrammen. Dadurch wirken seine Arbeiten immer cool und überaus zeitgemäß, zugleich aber eignet ihnen eine visuelle Rätselhaftigkeit: durch Ausschnitte, Fokussierungen und gezielte „Blow-Up-Effekte“ irritieren sie vorschnelle Erwartungshaltungen und wirken mitunter wie malerische Tiefenbohrungen hinter den Fassaden der Digitalmoderne. Ausgebildet Mitte der 1990er Jahre an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, in Berlin und auf Reisen lebend, schließlich seit 2010 bis zu seinem frühen Tod als Professor lehrend an der Kunstakademie Düsseldorf, verband Havekost östliche und westliche Prägungen in souveräner Weise. Die Retrospektive im Museum Kurhaus Kleve versteht sich als erste große posthume Museumsschau, die das Oeuvre des innovativen Bildforschers in signifikanten Werkreihen einem hiesigen Publikum vertraut machen und seinen Rang innerhalb der jüngsten Kunstgeschichte durch Ausstellung, Publikation und Gesprächsreihen unterstreichen möchte.
Die Ausstellung gliedert sich in drei größere Hauptbereiche, die zum einen den chronologisch-biografischen Etappen des Künstlers entsprechen, zum anderen die bildstrategischen Entwicklungen innerhalb des Oeuvres nachvollziehbar machen. Das sind:
Prägungen im Umfeld der Hochschule für Bildende Künste Dresden 1995–2000
Nach den epochalen Umbrüchen im Zuge des Mauerfalls, einer abgeschlossenen Lehre als Steinmetz und kultigen Auftritten als DJ in Frankfurt am Main fand Havekost Mitte der 1990er Jahre in seiner Geburtsstadt Dresden ein produktives Klima der künstlerischen Standortbefragung vor, das sowohl die unterschiedlichen Paradigmen der Ost- und Westkunst betraf als auch grundsätzliche Überlegungen zur Gegenwartstauglichkeit der Malerei. Angeregt durch Person und Werk seines Lehrers Ralf Kerbach und in fruchtbarem Austausch mit seinen damaligen Kommilitonen Thomas Scheibitz und Frank Nitsche, die eine Zeitlang zu dritt unter dem Label Dresden Pop firmierten, entwickelte Havekost seine bildkritischen Reflexionen, die Alltagsgegenstände, Fotos, Magazine, Häuserfassaden und Fernsehbilder zu präzisen Sequenzen verarbeiteten. Damit begab er sich nolens volens in die Nachfolge des Kapitalistischen Realismus etwa von Gerhard Richter und fand zugleich eine ganz eigenständige Form der Ausschnitthaftigkeit von Sujets und Motivüberlagerungen.
Aufbruchsmetropole Berlin und expansive Welterfahrung 2000–2010
Wie ganz viele andere Künstler auch war Havekost während der sogenannten Nullerjahre von der Dynamik und den offenen Handlungsräumen Berlins fasziniert und fand in den ehemaligen Industriehallen Am Flutgraben ideale Atelierbedingungen vor. Durch den rasant einsetzenden kunstinternen und kommerziellen Erfolg wechselten Ausstellungen in internationalen Institutionen mit erfahrungsoffenen Reisen durch Europa, Asien und Nordamerika und zeitigten einen intensiven Weltzuwachs, der trotz des enormen Tempos und des steigenden Produktionsdrucks nicht zu flüchtigen, sondern im Gegenteil zu immer komplexeren Bildräumen führte. Insbesondere die veränderten Wahrnehmungen durch digitale Medien wurden nun thematisiert und erzeugten durch Einschübe, Barrieren, fensterartige Staffelungen und abstrahierende Schnitte ein Höchstmaß an bildinterner Reflexion.
Professur im Rheinland, globale Netzwerke, Blue-Chip-Artist? 2010–2019
Die Berufung Eberhard Havekosts an die renommierte Kunstakademie in Düsseldorf galt im nach wie vor westlich dominierten Kunstbetrieb durchaus als Sensation, verdeutlichte aber nun auch öffentlichkeitsrelevant die besondere Qualität seiner Arbeit, wie sie – mit vergleichbarem Herkunftshintergrund – nur noch bei Neo Rauch, Thomas Scheibitz oder Olaf Nicolai wahrgenommen wurde. Trotz wachsender Verpflichtungen und Nachfragen, etwa durch den erfolgreichen Einstieg in den transatlantischen Kunstmarkt, gelang Havekost eine konsequente Weiterentwicklung seiner Bildsprache und seiner schwer benennbaren Sujets. Urbane Randzonen, anonyme Figuren in Kapuzenpullis und Masken, Techno-Beats und exzessive Momente fanden dabei ebenso zur Darstellung wie nichtnarrative Oberflächen und Einschübe. Im Referenzgewebe zwischen eigenen Smartphone-Fotos, digitalen Bearbeitungen und wie gefroren wirkender malerischer Umsetzung entstanden so hybride Bildzeichen, die sich der sprachlichen Festlegung bewusst entziehen und vielleicht gerade deshalb eine visuelle Intensität entfalten, die in der Malerei des 21. Jahrhunderts nicht oft anzutreffen ist.
Idealerweise wird die Ausstellung circa 100 Arbeiten versammeln, wobei zu betonen ist, dass viele Werke als Serien konzipiert sind und auch als solche – möglichst vollständig – gezeigt werden sollen. Begleitet wird die Ausstellung durch eine anspruchsvolle Publikation im Hirmer-Verlag, circa 200 Seiten, mit Texten u.a. von Oliver Zybok, Florian Illies und Tim Sommer sowie einer Einleitung von Harald Kunde, in deutscher und englischer Sprache.

