Emilija Škarnulytė verwandelt das Kunstmuseum St. Gallen Lokremise in eine immersive Landschaft aus Film, Licht und skulpturalen Interventionen. Die Ausstellung schafft einen Erfahrungsraum, in dem Wissenschaft, Fiktion und Kunst miteinander verschmelzen – zwischen kosmischer Weite, technologischer Gegenwart und einer Zukunft, die zugleich verheißungsvoll und beunruhigend erscheint.
Die Künstlerin richtet ihren Blick auf Orte, an denen technologische Utopien, politische Geschichte und planetarische Zeitdimensionen aufeinandertreffen. Ein zentraler Bezugspunkt der Ausstellung ist das stillgelegte Kernkraftwerk Ignalina in Litauen, ein »Schwesterkraftwerk« von Tschernobyl, in dem Škarnulytė filmte. Im verlassenen Kontrollraum gleitet eine Python über die Knöpfe und Schalter des Bedienpults – ein Bild von gespenstischer Schönheit, in dem Natur, Technologie und das gebrochene Erbe des Atomzeitalters zusammenfinden.
Das Werk führt in eine Welt, in der der Mensch nicht länger als Zentrum erscheint, sondern als kleiner Teil eines weit größeren kosmischen und geologischen Systems. Es stellt Fragen nach Radioaktivität, Kontrolle, technologischen Versprechen und den langfristigen Spuren menschlicher Eingriffe in die Erde. Dabei entwirft die Ausstellung keine eindeutige Zukunftsvision. Vielmehr hält sie einen Schwebezustand offen: zwischen Staunen und Angst, Zuversicht und Kontrollverlust, Traum und präziser Diagnose der Gegenwart.
Die Künstlerin
Emilija Škarnulytė (* 2. Juni 1987 in Vilnius) ist eine international tätige Künstlerin und Filmemacherin aus Litauen. Ihre Videoarbeiten und Installationen bewegen sich zwischen Dokumentation und spekulativer Fiktion. Sie führen durch stillgelegte Kernkraftwerke, Dunkelzonen der Tiefsee, versunkene Städte und Phänomene in Zeit und Raum. Das Interesse der Künstlerin gilt der Erforschung einer «Tiefenzeit» und unsichtbarer Strukturen der kosmischen, geologischen, ökologischen und politischen Art.