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Mönchengladbach

ERWERBUNG DER ZEICHNUNG – Ernte (1911) von August Macke

Für die Sammlung des Museums Abteiberg wurde die Zeichnung Ernte von August Macke wiedererworben, die 1928 Teil der Mönchengladbacher Walter Kaesbach Stiftung war:

 

August Macke (1887–191)
Ernte, 1911
62,1 x 47,7 cm
Wachskreide auf Transparent-Zeichenpapier
Museum Abteiberg, Mönchengladbach, Inv.-Nr. 10755 [Werkverzeichnis-Nr. 864]

 

Im Jahr 1937 beschlagnahmten die Nationalsozialisten Kunstwerke in öffentlichen Museen als sogenannte »Entartete Kunst«, so auch die expressionistischen Werke der Walter Kaesbach Stiftung im damaligen Städtischen Museum Mönchengladbach, einschließlich Mackes Zeichnung. Die NS-Aktion »Entartete Kunst« bezeichnet die systematische Beschlagnahme moderner Kunstwerke durch das Regime ab 1937. Anders als im Fall von NS-Raubgut zog der Staat dabei überwiegend eigene Museumsbestände ein; durch ein NS-Gesetz erhielt er 1938 Verfügungsgewalt über die Kunstwerke. Nach dem Zweiten Weltkrieg hob der Alliierte Kontrollrat das Gesetz nicht auf. Es wurde beschlossen, dass keine Rückabwicklung stattfinden sollte. Die Besitzerwechsel im Zuge der Beschlagnahme sind bis heute juristisch anerkannt.

 

Der Ankauf wurde durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und die Kulturstiftung der Länder gefördert. Die Erwerbung der Zeichnung von August Macke ist sowohl von sammlungs- als auch von museumshistorischer Bedeutung: 1922/28 legte die Walter Kaesbach Stiftung in Mönchengladbach den Grundstein für ein Museum der Gegenwartskunst, als welches sich das Museum Abteiberg bis heute versteht.

 

 

Walter Kaesbach Stiftung 1922/28 – Aktion »Entartete Kunst« 1937

 

1922 stiftete der gebürtige Mönchengladbacher Walter Kaesbach (1879–1961) 97 expressionistische Kunstwerke von Lyonel Feininger, Erich Heckel, Heinrich Nauen, Emil Nolde und Christian Rohlfs an seine Heimatstadt. Zunächst ging die Stiftung an einen eigens gegründeten Kunstverein; 1928 schließlich erfolgte die Schenkung an die Stadt Mönchengladbach. Dabei reduzierte Kaesbach das Konvolut auf 76 Werke, erweiterte es zugleich um Positionen wie Ernst Ludwig Kirchner, Wilhelm Lehmbruck und August Macke mit dessen nun wiedererworbener Zeichnung – einem Geschenk von Alfred Hess. Unterstützt von Hess hatte Kaesbach den Expressionismus im Städtischen Museum in Erfurt etabliert, das er seit 1920 leitete. 1924 wurde Kaesbach Direktor der Kunstakademie Düsseldorf, wo er einflussreich für die Lehre der künstlerischen Avantgarde wurde und unter anderem Ewald Mataré und Paul Klee als Professoren berief. 1933 entließen ihn die Nationalsozialisten.

 

1937 wurde der Großteil der Kunstwerke aus der Stiftung Kaesbach in Mönchengladbach im Rahmen der NS-Aktion »Entartete Kunst« beschlagnahmt. Viele Werke gelten bis heute als verschollen. Nach 1945 erwarb das Museum zunächst drei Kunstwerke zurück: 1965 das Gemälde Roter Hirte mit Tieren von Heinrich Campendonk, als Dauerleihgabe des Landes Nordrhein-Westfalen, 1966 Christian Rohlfs‘ Gottvater, den ersten Menschen modellierend, mit Förderung des Westdeutschen Rundfunks, und 1979 das Bild Flandrische Ebene von Erich Heckel, mit Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen; 2024 konnte nun auch die Zeichnung von August Macke wieder in den Sammlungsbestand eingehen.

 

Das Museum Abteiberg erforscht seit vielen Jahren intensiv die Stiftung von Walter Kaesbach und deren Bedeutung für die Museums- und Sammlungsgeschichte. 2022 fand die Ausstellung 100 Jahre Stiftung Walter Kaesbach. Expressionismus am Museum Abteiberg statt. Sie zeigte die 1937 im Museum verbliebenen sowie die später zurückerworbenen Werke der Stiftung. Um den Verbleib der verschollenen Werke zu ermitteln, entstand eine Kooperation mit der Forschungsstelle »Entartete Kunst« am Institut für Kunstgeschichte der Freien Universität Berlin (Leitung Dr. Meike Hoffmann). Zum anderen zeigte die Ausstellung die neuen Ankäufe expressionistischer Kunst nach 1945. Angesichts der Fehlstelle in der Sammlung bemühte sich der erste hauptamtliche Direktor des Mönchengladbacher Museums Heinrich Dattenberg bis in die 1960er Jahre hinein, eine neue Expressionismus-Sammlung aufzubauen. 

 

 

August Mackes Ernte

 

Mackes Zeichnung Ernte, die 1911 in Kandern im Schwarzwald entstand, hat einen besonderen Stellenwert im Gesamtwerk des Expressionisten: Die Motivik aus dem ländlich-agrarischen Bereich ist in Mackes Œuvre im Verhältnis zu Motiven aus dem Stadtraum eine Besonderheit. Urbane Motive zeigen etwa die drei Bleistift- und Kohlezeichnungen aus den Jahren 1913 und 1914 von Macke, die 1954 für die Sammlung des Städtischen Museums Mönchengladbach erworben wurden. Die ungewöhnlich großformatige Zeichnung Ernte wird im Werkverzeichnis von Ursula Heiderich als Vorarbeit für das verschollene Gemälde Ernte beschrieben; zugleich kann die vollständig ausgeführte bildraumfüllende Zeichnung mit ihrer einnehmenden Dynamik als ein autonomes Kunstwerk innerhalb des umfangreichen zeichnerischen Werks des Künstlers betrachtet werden.

 

 

Provenienzforschung – »Objektbiografie« der Zeichnung Ernte

 

August Mackes Ernte ist ab dem 23. April 2026 im Studienraum Provenienzforschung als Teil der aktuellen Sammlungspräsentation des Museums Abteiberg zu sehen. Das Konzept des Studienraums geht auf eine Zusammenarbeit mit der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und dem dortigen Studiengang Kunstvermittlung und Kulturmanagement zurück und entstand 2022 im Rahmen der Ausstellung 100 Jahre Stiftung Walter Kaesbach. Der Studienraum Provenienzforschung erläutert den Hintergrund der nationalsozialistischen Propaganda-Aktion »Entartete Kunst«. Exemplarisch wird die Herkunftsgeschichte eines 1964 erworbenen Gemäldes von Ernst Ludwig Kirchner in der Museumssammlung veranschaulicht. In diesem Kontext wird nun auch Mackes Ernte gezeigt und die »Objektbiografie« dieser Zeichnung vermittelt.

 

Nach der Beschlagnahme 1937 wurde Mackes Werk zunächst im Schloss Schönhausen in Berlin aufbewahrt, wo die Nationalsozialisten »international verwertbare« Kunstwerke lagerten. 1939 erwarben es die Sammler Emanuel und Sofie Fohn, Rom/München, im Bildertausch vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, bis Sofie Fohn es 1958 auf dem Kunstmarkt verkaufte. Danach wechselte die Zeichnung mehrfach die Eigentümerschaft über Stationen im Kunsthandel und in privaten Sammlungen im In- und Ausland. Zuletzt konnte das Werk bis zur Erwerbung durch das Museum dank der Hilfe von Dr. Michael Reisen-Hall, Mönchengladbach, vor einem erneuten Weiterverkauf gesichert werden.

Im Studienraum Provenienzforschung kommt auch ein weiterer Themenkomplex ausführlich zur Sprache: der NS-Kunstraub an jüdischen Bürger:innen zwischen 1933 und 1945. Der NS-Staat entzog seit der Machtübernahme 1933 insbesondere jüdischen Bürger:innen systematisch ihre Rechte und ihr Eigentum. Von 2016 bis 2018 untersuchte das Museum Abteiberg in einem vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Forschungsprojekt die Herkunft von Kunstwerken in seiner Sammlung, die nach 1945 angekauft wurden, um einen möglichen NS-verfolgungsbedingten Entzug in ihrer Herkunftsgeschichte zu klären.

Diese Ausstellung endet in
20
Tage
13
Std
14
Min
10
Sek
Termine
Start23.04.2026
Ende25.10.2026
Öffnungszeiten
Montaggeschlossen
Dienstag11:00–17:00
Mittwoch11:00–17:00
Donnerstag11:00–17:00
Freitag11:00–17:00
Samstag11:00–18:00
Sonntag11:00–18:00