läuft
Köln

HIER UND JETZT im Museum Ludwig. De/Collecting Memories from Turtle Island

Mit der umfangreichsten Pop Art Sammlung außerhalb der USA, ist das Museum Ludwig für seinen Bezug zu den Vereinigten Staaten bekannt – einem Land, das 2026 das 250ste Jahr seiner Unabhängigkeit feiert. Im Zentrum dieser Ausstellung stehen darum zwei zeitgenössische, US-amerikanische Künstlerinnen: Marie Watt und Wendy Red Star.

 

Die fotografischen Selbstinszenierungen von Wendy Red Star (geb. 1981) greifen auf humorvoll-satirische Weise westliche Vorstellungen von Indigenität auf und laden uns dazu ein, differenzierter hinzuschauen. »Ich gehöre zur First Nation der Apsáalooke, ich komme aus einer bestimmten Gegend, und meine Kunst ist tief in der Geschichte der Apsáalooke verwurzelt. Aber im Museum fungiert ›Native Artist‹ nicht mehr als Beschreibung – es wird zur Schublade. […] Die Kategorie ›Native Artist‹ verändert das Kunstwerk, noch bevor jemand es überhaupt zu Gesicht bekommt. […]« Wendy Red Star, The Foe Manuscript (Auszug)

 

Marie Watt wurde 1967 in Seattle geboren, ist Mitglied der Seneca Nation und lebt heute in Portland, Oregon. In einigen indigenen Traditionen heißen die Amerikas, oder auch die Welt als Ganzes, Turtle Island. Diese individuellen Schöpfungsgeschichten werden von Generation zu Generation mündlich überliefert.

 

De/Collecting Memories from Turtle Island lädt uns dazu ein, Erinnerungen und gesammelte Bilder, Werke wie mentale Repräsentationen, zu überdenken und zu überschreiben.

 

Ausgangspunkt ist ein 2024 vom Museum Ludwig erworbenes Konvolut kitsch-bunter Fotochrome der Detroit Publishing Company. Viele der um 1900 produzierten Bilder gehen auf frühere Schwarzweißfotografien von William Henry Jackson zurück. Es sind oft die ersten Fotografien aus Gegenden, die heute weltweit als touristische Attraktionen bekannt sind: der Yellowstone Nationalpark etwa, oder der Grand Canyon. Die Fotochrome dienten als Wanddekoration oder Postkartenmotive und wurden in einer Auflage von bis zu sieben Millionen Exemplaren pro Jahr verkauft. Sie zeigen moderne Großstädte und weite Landschaften – auffällig menschenleere Landschaften. Diese an den Rändern der Kunst entstandenen Fotografien prägen das Bild der USA für viele Menschen bis heute.  Die Ausstellung setzt da an, wo die Postkartenmotive enden, bei dem, was sie nicht erzählen. Die vermeintlich unberührte Natur war Heimat vieler Menschen und Nationen – lange bevor die ersten Europäer:innen ankamen, Indigene Menschen unterdrückten und vor 250 Jahren die USA gründeten.

 

Die Bilder der Detroit Publishing Company neu zusammenzubringen mit zwei Positionen zeitgenössischer Indigener Künstlerinnen ist ein Versuch, den Blick auf die Konstruktion von Narrativen und das, was sie auslassen, zu schärfen. Es ist die Einladung, sich einzulassen auf multiple Erinnerungen und Vorstellungen von Turtle Island. Die Ausstellung ist Anlass, um die eigene Sammlung um Stimmen und Perspektiven der Indigenen Völker Amerikas zu ergänzen. 

 

Marie Watt hat für die Ausstellung im Museum Ludwig eine neue raumgreifende Arbeit entwickelt. Thirteen Moons besteht aus dreizehn hängenden Skulpturen, die sich aus Zinnschellen zusammensetzen. Schellenwolken schweben zwischen Himmel und Erde. Sie klingen nur durch Berührung mit anderen Schellen oder Dingen. Die Skulpturen dürfen berührt werden, die Zinnschellen dürfen in Bewegung versetzt werden und ein Klirren und Rauschen hörbar machen. Thirteen Moons entfaltet eine körperliche, visuelle und auditive Präsenz im Raum. Und sie beziehen sich auf indigene Traditionen.    

 

Die Schellen-Skulpturen sind, wie die Künstlerin schreibt, »eine Hommage an den Jingle-Dress-Tanz, der um 1900, während der Grippepandemie, als Heilungsritual bei den Ojibwe entstand. Die Idee für diesen Tanz kam einem Ältesten im Traum. Als er aufgeführt wurde, so die Vision, wurde ein junges Mädchen, das zu der Zeit krank war, gesund. Der Jingle-Dress-Tanz war auch ein radikaler Akt. Im Jahr 1883 verboten die Vereinigten Staaten traditionelle Versammlungen Indigener Gemeinschaften. Obwohl das Verbot erst 1978 mit dem American Indian Religious Freedom Act aufgehoben wurde, wurde der Jingle-Dress-Tanz während des jahrhundertlangen Verbots mit anderen Völkern geteilt. Heute ist er ein Pow-Wow-Tanz und wird weiterhin mit Heilung in Verbindung gebracht.« Für die Ausstellung wird Marie Watt mit der Jingle-Dress-Tänzerin Acosia Red Elk zusammenarbeiten. Sie ist Angehörige der Umatilla aus Oregon.

 

Mit De/Collecting Memories from Turtle Island findet 2026 die elfte Ausstellung in der Reihe HIER UND JETZT im Museum Ludwig statt. Mit der Ausstellungsreihe stellt das Museum Ludwig regelmäßig die eigene Arbeit auf den Prüfstand und hinterfragt die gewohnten Wege des Ausstellungsmachens.

 

Kurator:innen: Santi Grunewald, Miriam Szwast

Diese Ausstellung endet in
17
Tage
11
Std
27
Min
41
Sek
Termine
Start07.02.2026
Ende08.11.2026
Öffnungszeiten
Montaggeschlossen
Dienstag10:00–18:00
Mittwoch10:00–18:00
Donnerstag10:00–18:00, jeder 1. Donnerstag im Monat 10:00–22:00
Freitag10:00–18:00
Samstag10:00–18:00
Sonntag10:00–18:00
Veranstaltungsort
Museum Ludwig
Museum LudwigHein­rich-Böll-Platz, 50667 Köln

Am 5. Fe­bruar 1976 un­terzeich­neten das Ehe­p­aar Lud­wig und die Stadt Köln ei­nen Schenkungsver­trag: das Mu­se­um Lud­wig war ge­grün­det. Der Ver­trag bein­hal­tete, dass Peter und Irene Lud­wig 350 Werke mod­ern­er Kunst stiften und die Stadt Köln im Ge­gen­zug ein ei­genes »Mu­se­um Lud­wig« für die nach 1900 ent­s­tan­de­nen Ex­po­nate schaf­fen sollte. Konzipiert von den Köl­n­er Ar­chitek­ten Peter Bus­mann und God­frid Haber­er, eröffnete 1986 das ›Dop­pel­mu­se­um‹, das so­wohl das Wall­raf-Richartz-Mu­se­um als auch das Mu­se­um Lud­wig auf­nahm. 1994 entschied man sich für eine Tren­nung der bei­den In­sti­tute. Nun sollte das Ge­bäude an der Bis­chofs­garten­s­traße aussch­ließlich das Mu­se­um Lud­wig be­her­ber­gen. Heute um­fasst die Samm­lung des Mu­se­um Lud­wig die wichtig­sten Po­si­tio­nen der Kunst des 20. Jahrhun­derts und der Ge­gen­wart­skunst. Den Grund­s­tock der Samm­lung legte der Köl­n­er Ju­rist Dr. Josef Haubrich (1889–1961). Di­rekt nach dem Zweit­en Weltkrieg, im Mai 1946, schenkte er der Stadt Köln seine Kollek­tion von Werken des Ex­pres­sion­is­mus (Erich Heck­el, Karl Sch­midt-Rottluff, Ernst Lud­wig Kirch­n­er, Au­gust Macke, Ot­to Mueller) und an­der­er Vertreter der Klas­sischen Mod­erne (Marc Cha­gall, Ot­to Dix). Im Ok­to­ber 1946 wurde in der al­ten Köl­n­er Uni­ver­sität er­st­mals eine Auswahl von 100 Bildern präsen­tiert. Diese Ausstel­lung sah auch Peter Lud­wig als junger Stu­dent. Samm­lung und Stifter beein­druck­ten ihn tief und gaben auch den An­s­toß für seine ei­gene Kun­st­samm­lung. Durch Lud­wigs Schenkung ge­langten 1976 zahl­reiche aus­ge­sprochen qual­itätvolle Ar­beit­en der Rus­sischen Avant­garde aus der Zeit zwischen 1905 und 1935 (Gontscharowa, Lari­onow, Ex­ter, Popowa, Male­witsch, Rodtschenko) ins frisch ge­grün­dete Mu­se­um. Hinzu kam die außer­halb der USA um­fassend­ste Samm­lung amerikanisch­er Pop Art (Gemälde, Ob­jekte, En­vi­ron­ments von Licht­en­stein, Rosen­quist, Warhol und Wes­sel­mann). 1957 bereicherte eine wichtige Gruppe von Werken Max Beck­manns als »Le­gat Ge­org und Lil­ly von Sch­nit­zler« die Bestände. 1958 kon­nte die Wil­ly-Streck­er-Samm­lung mit be­deu­ten­den Werken u. a. von Pab­lo Pi­cas­so, Hen­ri Ma­tisse, Os­kar Kokosch­ka und Paul Klee angekauft wer­den. Zwischen den Jahren 1976 und 1988 stifteten die Eheleute Gün­ther und Car­o­la Peill wichtige Teile ihr­er Samm­lung (Gemälde und gra­fische Ar­beit­en von Max Ernst, Alex­ej von Jawlen­sky, Wil­li Baumeis­ter, Ernst Wil­helm Nay). 1994 stifteten Peter und Irene Lud­wig der Stadt Köln 90 Werke aus ihrem Pi­cas­so-Be­sitz und be­d­ingten damit den Auszug des Wall­raf-Richartz-Mu­se­ums in ein ei­genes Ge­bäude. Die Wied­er­eröff­nung des Mu­se­um Lud­wig am 1. Novem­ber 2001 kon­nte der Na­mens­ge­ber nicht mehr er­leben, doch Irene Lud­wig nahm sie zum An­lass, 774 weitere Ar­beit­en Pi­cas­sos zu schenken. Damit ver­fügt das Mu­se­um Lud­wig nach Barcelo­na und Paris über die dritt­größte Pi­cas­so-Samm­lung weltweit. Sie bi­etet ei­nen repräsen­ta­tiv­en Quer­sch­nitt durch alle Gat­tun­gen, Ma­te­rialien und Tech­niken. Seit 2000 en­gagiert sich das Mu­se­um Lud­wig in be­son­der­er Weise für die Samm­lung und Präsen­ta­tion tech­nisch­er Me­di­en im Kon­text zeit­genös­sisch­er Kunst. Wesentliche Ar­beit­en von Aer­nout Mik, Dia­na Thater und Mike Kel­ley sind so durch Ankäufe hinzugekom­men. Am 1. Novem­ber 2001 wurde das Mu­se­um als Mu­se­um unser­er Wün­sche von Kasper König wied­er­eröffnet. Un­ter sein­er Di­rek­tion (2000–2012) wurde die Samm­lung be­son­ders im Bereich der zeit­genös­sischen Kunst um wesentliche Werke und ganze Werk­grup­pen ergänzt und zählt heute zu den be­deu­tend­sten Museen für mod­erne und zeit­genös­sische Kunst in Eu­ro­pa. Die Samm­lung wird seit­dem konse­quent um sub­s­tanzielle Po­si­tio­nen zeit­genös­sisch­er Kunst er­weit­ert.