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Basel

Lynda Benglis

Das Kunstmuseum Basel zeigt die erste umfassende Retrospektive der US-amerikanischen Künstlerin Lynda Benglis (* 1941 in Lake Charles, Louisiana, USA) in der Schweiz. Die Ausstellung präsentiert mehr als sechzig ihrer Werke von den späten 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Sie verdeutlichen das mutige Experimentieren und die Kreativität im Umgang mit Material, die Benglis zu einer der einflussreichsten – und lange Zeit unterschätzten – Künstler:innen der letzten fünfzig Jahre gemacht haben.

 

Ausgehend von der Sprache der Malerei erweiterte Benglis diese in den skulpturalen Raum. Derselbe expansive Ansatz prägte ihr Schaffen in den Bereichen Fotografie, Skulptur und Video ebenso wie ihre Verwendung verschiedener Materialien wie Glitzer, Keramik, Latex, Metall, Papier, Polyurethanschaum und Wachs. Von Anfang an unterschieden sich ihre ausufernden, eigenwilligen und körperhaften Formen von fast allem, was sonst geschaffen wurde. Sie standen in bewusster Abgrenzung zur geometrischen Strenge und industriellen Kühle des Minimalismus (Minimal Art), der zu Beginn ihres künstlerischen Schaffens in den 1960er Jahren in der westlichen Kunstwelt vorherrschte.

 

Am Newcomb College in New Orleans wurde Benglis in Keramik und Malerei ausgebildet. Dort wurde auch ihr Interesse am abstrakten Expressionismus geweckt. Die Werke von Franz Kline (1910–1962) und Helen Frankenthaler (1928–2011) prägten sie besonders. Frankenthalers bahnbrechende Experimente mit Farbe wurden gar zum Vorbild für einige von Benglis’ frühen Werken, am deutlichsten in Odalisque (Hey, Hey Frankenthaler) aus dem Jahr 1969. Benglis transformierte jedes Medium, in dem sie arbeitete, und entwickelte so eine ganz eigene Formensprache – und vor allem eine ganz eigene Materialität. Mitte der 1960er Jahre begann sie, mit Wachs zu arbeiten. Sie trug Bienenwachs, gemischt mit Farbpigmenten und Dammarharz, in dünnen Schichten auf Hartfaserplatten auf. In einer kleinen Serie aus den späten 1960er Jahren begann sie zudem, eine Lötlampe wie einen Pinsel zu verwenden und Hitze als kreatives Instrument einzusetzen: Das Wachs verflüssigte sich und verschmolz zu marmorierten Oberflächen. Dadurch wurde der Entstehungsprozess selbst zum Bildmotiv.

 

Größere Bekanntheit erlangte Benglis ab Ende der 1960er Jahre mit ihren «pours» (dt. Schüttungen). Hierfür mischte sie Latex mit Tagesleucht-Pigmenten und goss die Masse direkt auf den Boden. Durch den Verzicht auf Leinwand, Keilrahmen und Pinsel definierte sie radikal neu, was ein Gemälde sein kann. Etwa zur gleichen Zeit begann sie, zähflüssigen, pigmentierten Polyurethanschaum auf den Boden, in Raumecken oder über Maschendraht zu gießen. So entstand eine Reihe von auskragenden Installationen, deren monumentale Elemente sich direkt aus der Wand heraus zu ergießen scheinen. Dazu gehört auch ihr mittlerweile ikonisches, im Dunkeln leuchtendes Werk Phantom (1971) – die einzige Installation dieser Werkreihe, die bis heute erhalten geblieben ist. In Basel wird sie erstmals öffentlich in Europa zu sehen sein.

 

Auf die frühen Arbeiten aus Polyurethanschaum folgten Benglis’ geknotete Skulpturen. Sie schuf diese Werke ab 1972 aus Drahtgeflecht, Baumwollstoff und Gips und veredelte sie mit Glitzer oder besprühte sie mit Metall. Ihre schimmernden Oberflächen bekennen sich offen zu Verzierung und einer zur Schau gestellten Fülle, die im Widerspruch zur Ästhetik der damals gefeierten Kunst stand. Fotografie, die Arbeit mit den Medien und Video wurden ebenfalls zu einem wesentlichen Bestandteil von Benglis’ früher Praxis. Diese Werke verbinden performative Handlungen mit technologischen Experimenten und untersuchen Fragen von körperlicher Präsenz, Sexualität und Geschlecht. Diese Auseinandersetzung fand ihre Fortsetzung in einem viel diskutierten Kunstwerk, das 1974 als Anzeige in der Kunstzeitschrift Artforum erschien. Provokativ übernahm Benglis hier die Kontrolle über ihr eigenes Bild und stellte damit vorherrschende Annahmen über Autorschaft, Sexualität, Geschlecht und künstlerische Identität in einer von Männern dominierten Kunstwelt in Frage.

 

Benglis’ unermüdliches Experimentieren dauert bis heute an. Zu beobachten ist dies in den Keramiken der letzten Jahre oder in eindrucksvollen, monumentalen Skulpturen wie Power Tower (2019). Den Antrieb für ihr Schaffen bildet seit über sechs Jahrzehnten die kompromisslose Erkundung der Schnittstellen zwischen Material, Körperlichkeit und physischer Wahrnehmung. Ihr Werk steht in Resonanz mit Diskursen zu Feminismus und Ökologie und inspirierte zahlreiche Künstler:innen. Wie relevant und prägend Benglis’ Œuvre auch über die bildende Kunst hinaus ist, zeigt sich an der jüngsten Haute-Couture-Kollektion von Dior, für die sich Creative Director Jonathan Anderson direkt auf einzelne ihrer Werke bezieht.

 

Tate Publishing wird einen Katalog herausgeben, der neu in Auftrag gegebene Essays von Jordan Carter, Elena Filipovic, David Getsy, Susan Richmond, Len Schaller und Catherine Wood sowie eine umfangreiche Chronologie und zahlreiche Abbildungen vereint.

 

Die Ausstellung «Lynda Benglis» wurde vom Kunstmuseum Basel initiiert und in Kooperation mit der Tate Modern, London, und dem Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, Dänemark, realisiert.

 

Kuratiert von Elena Filipovic, Len Schaller

Diese Ausstellung beginnt in
142
Tage
3
Std
0
Min
32
Sek
Termine
Start13.03.2027
Ende01.08.2027
Öffnungszeiten
Montaggeschlossen
Dienstag10:00–18:00
Mittwoch10:00–20:00
Donnerstag10:00–18:00
Freitag10:00–18:00
Samstag10:00–18:00
Sonntag10:00–18:00
Veranstaltungsort
Kunstmuseum Basel
Kunstmuseum BaselSt. Alban-Graben 20, 4052 Basel (Neubau)

Der stetige Ausbau der Öffentlichen Kunstsammlung Basel, die mit dem 1661 angekauften Amerbach-Kabinett ihren Anfang nahm, machte über die Jahrhunderte hinweg mehrmals Umzüge der Sammlung innerhalb Basels erforderlich. 1936 wurde der Hauptbau am St. Alban-Graben eröffnet. 1980 fand mit dem Kunstmuseum Basel | Gegenwart eine erste Erweiterung statt, 2016 mit dem Neubau eine zweite. Der Hauptbau des Kunstmuseums Basel aus dem Jahr 1936 wurde von dem Basler Architekten Rudolf Christ zusammen mit dem Stuttgarter Baumeister Paul Bonatz, beide Vertreter einer konservativen Moderne, entworfen. Er war als reines Sammlungshaus konzipiert worden, eine Bestimmung, die er seit der Eröffnung des Neubaus im Frühjahr 2016 mit dessen speziell für Sonderausstellungen konzipierten Oberlichträumen wieder voll wahrnehmen kann. Im Erdgeschoss präsentiert sich heute die Sammlung Basler Kunst, im Zwischengeschoss die Werke der Sammlung Im Obersteg. Im ersten Obergeschoss finden sich die Sammlungen mit Kunst aus dem Mittelalter und der Renaissance sowie des 17., 18. und 19. Jahrhunderts. Werke der Klassischen Moderne und der Europäischen Nachkriegsmoderne werden im 2. Obergeschoss präsentiert. Schliesslich beherbergt der Hauptbau im Zwischengeschoss auch das Kupferstichkabinett sowie im Erdgeschoss den Shop und das Bistro Kunstmuseum. Im April 2016 eröffnete gegenüber dem Hauptbau und unterirdisch mit diesem verbunden ein drittes Haus: der Neubau, entworfen vom ortsansässigen Architekturbüro Christ & Gantenbein. Er ist sowohl für Sonderausstellungen als auch für Sammlungspräsentationen konzipiert. In den Oberlichtsälen im 2. Obergeschoss werden die grossen Sonderausstellungen präsentiert. Die anderen Geschosse sowie der unterirdische Verbindungstrakt zum Hauptbau sind für Sammlungswerke ab 1950 vorgesehen – mit Ausnahme des zeitgenössischen Kunstschaffens, das im Kunstmuseum Basel | Gegenwart gezeigt wird. Im Erdgeschoss des Neubaus befindet sich zudem eine zusätzliche Verkaufsstelle des Shops im Hauptbau. 1980 fand mit der Eröffnung des Museums für Gegenwartskunst am St. Alban-Rheinweg – eines der weltweit ersten Museen für zeitgenössische Kunst – eine erste Erweiterung des Kunstmuseums Basel statt. Heute trägt es den Namen Kunstmuseum Basel | Gegenwart. Das Kunstmuseum Basel | Gegenwart zeigt Werke zeitgenössischer Kunst aus den Beständen des Kunstmuseums Basel und der Emanuel Hoffmann-Stiftung sowie Sonderausstellungen. Neben wechselnden Sammlungspräsentationen, die stets in einen Dialog mit der Ausstellungstätigkeit treten, finden regelmäßig Vorträge und Diskussionen zu Themen aktueller Kunst statt sowie Werkbetrachtungen und Führungen.

Weiterführende Literatur