Zu Tisch
In der dreiteiligen Ausstellungsreihe Mahlzeit! widmet sich das Museum Gunzenhauser dem Thema Essen in der Kunst. Mit der dritten Ausstellung werden die sozialen und kulturellen Dimensionen des Essens Zu Tisch gebracht.
Bilder von geteilten Mahlzeiten sind in der Kunstgeschichte ein vertrautes Motiv. Die Ausstellung Zu Tisch nimmt Darstellungen des Essens und gemeinschaftlicher Mahlzeiten in den Blick. Sie hinterfragt, wie sich Kultur rund um Essen und Trinken formiert und ab wann Essen selbst zu einem kulturellen Phänomen wird.
Ausgehend von den Sammlungsbeständen der Kunstsammlungen Chemnitz und ergänzt durch externe Leihgaben werden Kunstwerke von der Klassischen Moderne bis in die Gegenwart präsentiert, in denen der Tisch nicht nur als Ort der Nahrungsaufnahme fungiert, sondern zum Schauplatz sozialer und gesellschaftlicher Ordnungen, kultureller und religiöser Codierungen sowie sozio-ökonomischer Verhältnisse wird.
Rituale und Traditionen
Essen ist eng mit Ritualen und Traditionen verbunden. Ess- und Tischkultur, Tischsitten, die Auswahl der Speisen und Getränke oder das Tischgedeck sind immer auch Bedeutungsträger, die sich in der Kunst auf vielfältige Weise widerspiegeln.
Die Ausstellung Zu Tisch zeigt, wie in der Kunst Tische und Speisen häufig als Symbole eingesetzt werden, um auf kulturelle, soziale oder religiöse Zusammenhänge zu verweisen und präsentiert Werke, die unterschiedliche Tischkulturen und religiöse Praktiken thematisieren. Neben Fotografien von Benyamin Reich an der Schnittstelle von jüdischen Traditionen und queerer Identität treffen Besucher:innen auf Margot Pilz‘ feministische Version des Letzten Abendmahls und auf Karten spielende Nonnen.
Esskulturen
Darstellungen des Essens in der Kunst offenbaren kulturelle Vielfalt und das Weitertragen von Kultur und Identität. Eingeladen werden die Besucher:innen der Ausstellung in Hiền Hoàngs persönliches Asia Bistro und zur Betrachtung von Ülkü Süngüns fotografischen Installationen aufgetischter Gebrauchsgegenstände aus türkischen Läden. Schon immer von transkulturellen Entwicklungen geprägt, befinden sich Esskulturen im stetigen Wandel. Als Medium kann Essen Gemeinschaften bilden, Austausch formen und Kulturen füreinander öffnen. Gleichsam erzählen künstlerische Perspektiven davon, wie Essen und Essgewohnheiten durch Othering-Mechanismen abgewertet werden und zu Ausgrenzung führen können.
Soziale Ordnungen des Essens
Gemeinsame Mahlzeiten sind mehr als funktionales Teilen von Nahrung. Sie sind immer auch soziale Situationen. Zu Tisch bilden und reproduzieren sich soziale Muster und Hierarchien; hier entsteht eine Verbindung des Individuums mit der Gruppe. Einsamkeit und sozialer Ausschluss zeigen sich daher gerade beim Essen besonders deutlich. In der Kunst gehört das Thema Einsamkeit in Tischszenarien zu einem wiederkehrenden Motiv. Während Daniel Spoerri und Fern Liberty Kallenbach Campbell in Form von Assemblage und Textilskulptur die Spuren geselliger Mahlzeiten und des Alltags verewigen, entwerfen Karl Schmidt-Rottluff oder Johannes Grützke gemeinschaftliche Tischszenarien. Demgegenüber stehen von Einsamkeit geprägte Tischmomente von Ernst Ludwig Kirchner und Helmut Kolle. In Raga Rahmans Videoarbeit To Fill the Void, I Go to the Supermarket wird Essen als Träger von Erinnerung und als Mittel des Trostes integraler Bestandteil diasporischer Kultur.
Sozio-ökonomische Aspekte des Essens, Zwischen Slow und Fast Food
Esskulturen bewegen sich heute zwischen globaler Standardisierung und regionalen Traditionen, zwischen »Slow Food« als Ausdruck von Gemeinschaft und Selfcare und »Fast Food« als Sinnbild einer anonymisierten und funktionalen Lebensweise. Die Ausstellung stellt diese beiden Gegensätze gegenüber und zeigt künstlerische Positionen, die sozio-ökonomische Unterschiede thematisieren und Tischkultur als Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse verstehen sowie Fragen nach Wohlstand und Mangel stellen. In der Ausstellung lassen Anna und Bernhard Blume in der Serie Mahlzeit im spießigen Ehealltag die Töpfe explodieren. Janina Stachs vornehme Messerbänke begegnen einer interaktiven Chicken-Nuggets-Box von Julian Revelle.