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Frankfurt am Main

Ostend. Blick in ein jüdisches Viertel

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 schändeten Nationalsozialisten unter teilweise tatkräftiger Mithilfe der Bevölkerung jüdische Einrichtungen. Den Zerstörungen fiel auch die 1907 eingeweihte prächtige Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG) zum Opfer. Auf dem Areal ließ die Stadt Frankfurt 1942/43 einen Hochbunker errichten. In dessen Erdgeschoss zeigt das Jüdische Museum die Ausstellung »Ostend – Blick in ein jüdisches Viertel«.

 

 

Das Frankfurter Ostend

 

Das Frankfurter »Ostend« entwickelte sich östlich der Wallanlagen auf Garten- und Feldgelände. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstand hier ein Wohngebiet für Angehörige der Mittelschicht, die von Handel, Kleingewerbe und Handwerk lebten.

 

Nach der Öffnung des Frankfurter Ghettos um 1800 war ein Großteil der jüdischen Bevölkerung bevorzugt in das Ostend gezogen. Viele Familien blieben in räumlicher Nähe zu bestehenden religiösen und sozialen Einrichtungen, koscheren Geschäften und der jüdischen Nachbarschaft. Ab 1850 entstanden auch neue Bauten der Jüdischen Gemeinde und der neu gegründeten IRG. Um 1895 war rund ein Viertel der Ostend-Bewohner jüdisch.

 

Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurde jüdisches Leben systematisch zerstört. Ab 1938 zwang die Stadtverwaltung in Frankfurt verbliebene oder zugezogene Juden zwangsweise in »Judenhäuser«, die zuletzt meist im Ostend lagen. Ab Oktober 1941 wurden jüdische Frauen, Männer und Kinder gewaltsam zur Großmarkthalle gebracht und von dort in die von den Nationalsozialisten errichteten Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Nur sehr wenige Menschen überlebten die Schoa.

 

 

Der Hochbunker an der Friedberger Anlage

 

Während des November-Pogroms 1938 steckten Nationalsozialisten auch die Synagoge an der Friedberger Anlage in Brand, seinerzeit die größte Synagoge Frankfurts. Erzwungen und unter Wert musste die Jüdische Gemeinde das Grundstück an der Friedberger Anlage veräußern. Die Stadtverwaltung ließ die Mauern abgetragen. Auf den Fundamenten errichtete sie 1942/43 den Hochbunker.

 

Das martialische Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg blieb erhalten und ist in seiner Umgebung bis heute ein Fremdkörper, ein »Merkzeichen für die Gewalt, das Leid und den Schrecken« wie es Salomon Korn, Architekt und Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde einmal bezeichnete

 

 

Die Ausstellung

 

Die Ausstellung im Hochbunker erinnert an das jüdische Alltagsleben im Frankfurter Ostend seit dem 19. Jahrhundert und dessen Vernichtung zwischen 1933 und 1945. Sie wurde im Jahr 2000 als Wechselausstellung für das Jüdische Museum konzipiert. 2004 beschlossen das Jüdische Museum und die »Initiative 9. November«, die Ausstellung dauerhaft im Erdgeschoss des Hochbunkers zu zeigen. 2016 wurde sie inhaltlich und gestalterisch überarbeitet.

 

Themen der Schau sind die Geschichte und die Einrichtungen der IRG, das Alltagsleben im Ostend, jüdische Wohlfahrtseinrichtungen und die gewerbliche Prägung des Viertels. Im Kapitel über die NS-Zeit stehen die November-Pogrome und die Massendeportationen von der Frankfurter Großmarkthalle ab Oktober 1941 im Zentrum. Nach der Befreiung nahm im Ostend jüdisches Leben einen vorsichtigen Anfang. Die letzte Abteilung widmet sich dem Stadtviertel als einem Ort der Erinnerung: mit der Gedenkstätte Neuer Börneplatz in der östlichen Innenstadt, mit der Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle, Stolpersteinen, Straßennamen und Hinweistafeln vor früheren jüdischen Einrichtungen.

 

Ein großformatiger Stadtplan mit den in der Ausstellung erwähnten Adressen dient der Orientierung.

Diese Ausstellung endet in
38
Tage
19
Std
5
Min
3
Sek
Termine
Start26.04.2026
Ende29.11.2026
Öffnungszeiten
Montaggeschlossen
Dienstaggeschlossen
Mittwoch17:00–19:00
Donnerstaggeschlossen
Freitaggeschlossen
Samstaggeschlossen
Sonntag11:00–14:00
Veranstaltungsort
Hochbunker an der Friedberger AnlageFriedberger Anlage 5/6, 60314 Frankfurt

Das Jüdische Museum in Frankfurt am Main macht die Vielfalt jüdischer Kulturen in Geschichte und Gegenwart erfahrbar. Zu diesem Zweck sammelt, bewahrt und erforscht es Kulturgüter und Zeugnisse jüdischen Lebens in Frankfurt. Mit seinen kunst- und kulturhistorischen Ausstellungen, Bildungsprogrammen und digitalen Angeboten sowie seiner Freude an experimentellen Formaten möchte das Jüdische Museum Frankfurt ein Museum ohne Mauern sein. Die beiden Standorte des Jüdischen Museums sind von herausragender Bedeutung für die jüdische Stadtgeschichte. Die permanenten Ausstellungen im Museum Judengasse und im Rothschild-Palais unterstreichen die Bedeutung Frankfurts als eines der Zentren jüdischen Lebens in Europa vom Mittelalter bis zur Vernichtung in der Schoa. Der Neubeginn und die Gegenwart jüdischen Lebens in Frankfurt bilden den Ausgangspunkt dieser Ausstellungen. Die Arbeit des Museums wird von der Überzeugung getragen, dass die Geschichte von Jüdinnen und Juden in der Diaspora einmalig und jüdische Kulturen von zentraler Bedeutung für die europäischen Gesellschaften sind. Die jüdische Erfahrung von Diskriminierung und Gewalt wie auch des Ringens um Gleichberechtigung und soziale Teilhabe ist von unverminderter Aktualität. Vor diesem Hintergrund wollen wir zu interkultureller Verständigung und zur Selbstreflexion anregen. Wir verstehen unsere Arbeit als vernetztes Handeln im digitalen und sozialen Raum und wirken darauf hin, dass in Europa offene, aufgeklärte und zivile Gesellschaften fortbestehen, in deren Mitte Jüdinnen und Juden weiterhin leben wollen und können.