Die freien Kompositionszeichnungen, ganz der Phantasie hingegeben, mit Rötel- und Kreidestiften auf billigen, holzhaltigen, meist nur handtellergroßen Packpapieren mit fast schlafwandlerischer Sicherheit geträumt, bilden den Gegenpol zur »Grammatik« der Naturzeichnungen.
Rainer Maria Rilke, der die Kompositionen ebenso schätzte wie Paula Modersohn-Becker nannte sie Abendblätter, weil Modersohn sie mit Vorliebe des Abends unter der Petroleumlampe zeichnete. „Man reduziert auf das Wesentliche, schafft neu aus dem Innern, vermeidet das zu realistisch-naturalistische...“.
Das heißt für die Bilder: »...beim Malen nicht nur die Natur anstreben wollen, aus dem Innern gestalten, bereichern«, wie Otto Modersohn in sein Tagebuch notierte.
Seine Kompositionszeichnungen offenbaren ein Höchstmaß an Offenheit und Freiheit in der Darstellung seiner inneren Bildwelt – mein Bestes – so seine Einschätzung. Zeitlebens blieb sein höchstes Ziel, den freien Geist dieser Zeichnungen auf seine Bilder zu übertragen.
Schon von Paula Modersohn-Becker wurden diese Kompositionszeichnungen 1903 als »das Schönste, Einfältigste, das Zarteste und Gewaltigste von Ottos Kunst« bezeichnet und »Sie sind der direkteste Ausdruck seines Gefühls«.
Rilke widmet ihnen in seinen Briefen und schließlich auch in der Worpswede-Monographie seine besondere Aufmerksamkeit: »Bei ihm aber kam von da, an jedem Abend fast, die Lust zu kleinen Blättern, handgroß, die er, hingegeben an den Willen seines Stiftes, zeichnete, ohne daran zu denken, daß er es tat. In diesen Zeichnungen strömte immerfort das Innerste, Intimste, das, was er in den Bildern noch nicht zu sagen wagte; in einer aus schwarz und rot geflochtenen Dämmerung lebt hier seine Welt, wie die Rose in der Knospe lebt, mit angehaltenem Athem dunkel und gedrängt. Diese Blätter sind, gleichsam über alle Worte hinweg, aus dem Geiste jener Sprache gemacht, nach deren Besitz er rang.«

