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Köln

Schultze Projects #5 – Jana Euler

Alle zwei bis drei Jahre lädt das Museum Ludwig eine Künstler:in ein, die größte Wand im Haus – die Stirnwand im Treppenaufgang – neu zu gestalten. Der Name Schultze Projects bezieht sich auf Bernard Schultze und seine Frau Ursula (Schultze-Bluhm), deren künstlerische Teilnachlässe das Museum Ludwig verwaltet und zu deren Gedenken die Reihe 2017 initiiert wurde.

 

Für die fünfte Ausgabe der Schultze Projects hat die Künstlerin Jana Euler (*1982 Friedberg) mit Triptych – Image Viewer Connections eine neue Wandarbeit entwickelt, die sich mit besonderen Arten des Sehens und des Wahrnehmens von Kunst sowie der Interaktion von Werk und Publikum beschäftigen. 

 

Das Museum ist einer der wenigen Orte, an denen Sehen selbst zur Tätigkeit wird. Anders als im Kino, wo der Blick gelenkt und zeitlich gebunden ist, ist die Erfahrung im Museum von Bewegung geprägt: Wir gehen, verweilen, unterhalten uns und tauschen uns über das Gesehene aus. Im Gegensatz zum schnellen, fragmentierten Scrollen auf Bildschirmen nehmen wir uns mehr Zeit und schauen konzentrierter. Dauer, Abstand und Reihenfolge des Sehens bestimmen wir selbst. Oft betrachten wir Kunstwerke langsam, vergleichend und aus unterschiedlichen Perspektiven. Das Museum eröffnet zahlreiche Blickrichtungen und die Möglichkeit, den Augen freien Lauf zu lassen. 

 

Eulers Beitrag thematisiert anschaulich und humorvoll jenen Prozess der Perspektivfindung. Die Künstlerin nutzt die spezifische räumliche Situation und die Möglichkeit, die Wand von drei verschiedenen Etagen und sogar im Herauf- und Heruntersteigen betrachten zu können. Die einzelnen Bilder haben variierende Formate und bedienen sich verschiedener Stile und Techniken. Die riesige Treppenhauswand, an der sie hängen, ist oben und an den Seiten mit einer Wandmalerei versehen, die das gewölbte Scheddach des Museums samt Klimaleiste und die Seitenwände in realistischer Manier wiederholt. 

 

Auf dem linken Bild mit dem Titel One on One ist ein mit Ölfarbe gemalter Langhaarcollie zu sehen, der nach fotografischen Vorlagen weitestgehend naturgetreu wiedergeben ist. Die Kippung des Bildes nach vorn verstärkt den Eindruck, dass der Hund auf die heraufkommenden Besuchenden zustürzt und ein Ausweichen unmöglich ist.

 

Das Rotbraun des Mittelbildes Nude Stairs Staring Back zitiert den für das Museum Ludwig typischen Fliesenboden. Es wirkt auf den ersten Blick wie eine abstrakte, kubistische Komposition, in der bei genauerem Hinsehen verschiedene Körperteile wie Augen, Münder, Ohren, Brüste und andere Geschlechtsmerkmale sichtbar werden »Das Motiv der nackten vermenschlichten Treppen, die das ganze Bild einnehmen, versuchen hier Blickkontakt mit jeder Position, von der aus man die Wand und das Bild sehen kann, aufzunehmen. Die Augen rutschen an den Bildrand und richten sich an die verschiedenen Höhen und Plattformen, auf denen die Betrachtenden potenziell stehen.« (Jana Euler)

 

Das dritte Bild, Reclining Nude, ist mit Acrylfarbe auf Leinwand gesprüht. Es basiert auf den Farben und der Struktur des Holzbodens im Museum Ludwig. Ähnlich wie das linke Bild ist es so installiert, dass es leicht von der Wand absteht. In der auf den ersten Blick vollkommen abstrakten Komposition sind bei genauerer Betrachtung fünf Finger einer Hand zu erkennen, die einen Kopf stützt. Mit etwas Vorstellungskraft lässt sich auch der Rest des Körpers ausmachen, der abgewendet von den Betrachtenden mit angewinkelten Beinen liegend dargestellt ist. »Mensch und Bild sind eins, und es gibt keinen Blickkontakt, da die Figur in Gedanken mit dem Rücken zu dem Treppenhaus liegt. Ich denke, dass wegen der scheinbaren Ignoranz der Figur gleichzeitig eine Identifizierung stattfinden kann, genauso wie ein Wiedererkennen des Bodens, über den man in der Runde durch das Museum gelaufen ist.« (Jana Euler)

 

Der illusionistische Effekt der die Werke umrandenden Wandmalerei entfaltet sich nur von einer bestimmten Position im Treppenhaus, da sie lediglich auf eine Perspektive ausgerichtet ist. Sie lässt die gesamte Fläche optisch kleiner erscheinen und die ohnehin schon großen Leinwände noch raumfüllender. Einmal mehr wird deutlich, wie wichtig die eigene Perspektive ist, aus der heraus etwas betrachtet wird. Von nicht minderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Verbindung, in der man mit dem Gegenüber steht. Dass dies gleichermaßen für ihren Beitrag zu Schultze Projects wie auch im übertragenen Sinne gilt, ist eine der vielen Erfahrungen, die die Arbeit von Jana Euler bereithält.

 

Jana Euler hat an der Städelschule in Frankfurt studiert und hatte unter anderem Einzelausstellungen im WIELS, Brüssel (2024); Leopold-Hoesch-Museum, Düren (2024); Artists Space, New York (2020); Stedelijk Museum Amsterdam (2017); Portikus, Frankfurt (2015); Kunsthalle Zürich (2014) sowie dem Bonner Kunstverein (2014). Sie war vertreten bei der 59. Biennale von Venedig (2022). Wichtige Gruppenausstellungen waren u.a. im Museum Brandhorst, München (2023); The Museum of Modern Art (MoMA), New York (2023); Greene Naftali, New York (2023, 2018, 2017); Kunstmuseum Basel (2022); Fondazione Prada, Mailand (2021); KW Institute for Contemporary Art, Berlin (2021); Manifesta 13, Marseille (2020); Museum für Moderne Kunst, Frankfurt (2019); Tai Kwun, Hongkong (2019); mumok, Wien (2018); ICA Miami (2017–18); Musée d’art moderne et contemporain, Genf (2017) sowie dem Whitney Museum of American Art, New York (2013).

 

Kurator: Yilmaz Dziewior 
Kuratorische Assistenz: Kerstin Renerig

 

 

Über die Schultze Projects

 

Seit 1968 haben Bernard Schultze und seine Ehefrau Ursula (Schultze-Bluhm) als Künstlerpaar in Köln gelebt und gearbeitet. Über Jahrzehnte waren sie eine feste Größe im kulturellen Leben der Stadt und dabei dem Museum Ludwig stets in besonderem Maße verbunden. So beherbergt das Museum einen Großteil ihres künstlerischen Nachlasses. Mit seinen seit Beginn der 1950er Jahre entstandenen Arbeiten zählte Bernard Schultze zu den Pionieren des Informel in Deutschland. Das groß angelegte Werkformat war für sein Spätwerk ein zentraler Aspekt. Es stellt den substanziellen Bezugspunkt für die zu den Schultze Projects eingeladenen Künstler:innen dar.

 

Bisherige Künstler:innen:

Schultze Projects #1 (2017): Wade Guyton 
Schultze Projects #2 (2019): Avery Singer 
Schultze Projects #3 (2021): Minerva Cuevas
Schultze Projects #4 (2024): Kresiah Mukwazhi

Termine
Start18.07.2026
EndeLäuft auf unbestimmte Zeit
Öffnungszeiten
Montaggeschlossen
Dienstag10:00–18:00
Mittwoch10:00–18:00
Donnerstag10:00–18:00, jeder 1. Donnerstag im Monat 10:00–22:00
Freitag10:00–18:00
Samstag10:00–18:00
Sonntag10:00–18:00
Veranstaltungsort
Museum Ludwig
Museum LudwigHein­rich-Böll-Platz, 50667 Köln

Am 5. Fe­bruar 1976 un­terzeich­neten das Ehe­p­aar Lud­wig und die Stadt Köln ei­nen Schenkungsver­trag: das Mu­se­um Lud­wig war ge­grün­det. Der Ver­trag bein­hal­tete, dass Peter und Irene Lud­wig 350 Werke mod­ern­er Kunst stiften und die Stadt Köln im Ge­gen­zug ein ei­genes »Mu­se­um Lud­wig« für die nach 1900 ent­s­tan­de­nen Ex­po­nate schaf­fen sollte. Konzipiert von den Köl­n­er Ar­chitek­ten Peter Bus­mann und God­frid Haber­er, eröffnete 1986 das ›Dop­pel­mu­se­um‹, das so­wohl das Wall­raf-Richartz-Mu­se­um als auch das Mu­se­um Lud­wig auf­nahm. 1994 entschied man sich für eine Tren­nung der bei­den In­sti­tute. Nun sollte das Ge­bäude an der Bis­chofs­garten­s­traße aussch­ließlich das Mu­se­um Lud­wig be­her­ber­gen. Heute um­fasst die Samm­lung des Mu­se­um Lud­wig die wichtig­sten Po­si­tio­nen der Kunst des 20. Jahrhun­derts und der Ge­gen­wart­skunst. Den Grund­s­tock der Samm­lung legte der Köl­n­er Ju­rist Dr. Josef Haubrich (1889–1961). Di­rekt nach dem Zweit­en Weltkrieg, im Mai 1946, schenkte er der Stadt Köln seine Kollek­tion von Werken des Ex­pres­sion­is­mus (Erich Heck­el, Karl Sch­midt-Rottluff, Ernst Lud­wig Kirch­n­er, Au­gust Macke, Ot­to Mueller) und an­der­er Vertreter der Klas­sischen Mod­erne (Marc Cha­gall, Ot­to Dix). Im Ok­to­ber 1946 wurde in der al­ten Köl­n­er Uni­ver­sität er­st­mals eine Auswahl von 100 Bildern präsen­tiert. Diese Ausstel­lung sah auch Peter Lud­wig als junger Stu­dent. Samm­lung und Stifter beein­druck­ten ihn tief und gaben auch den An­s­toß für seine ei­gene Kun­st­samm­lung. Durch Lud­wigs Schenkung ge­langten 1976 zahl­reiche aus­ge­sprochen qual­itätvolle Ar­beit­en der Rus­sischen Avant­garde aus der Zeit zwischen 1905 und 1935 (Gontscharowa, Lari­onow, Ex­ter, Popowa, Male­witsch, Rodtschenko) ins frisch ge­grün­dete Mu­se­um. Hinzu kam die außer­halb der USA um­fassend­ste Samm­lung amerikanisch­er Pop Art (Gemälde, Ob­jekte, En­vi­ron­ments von Licht­en­stein, Rosen­quist, Warhol und Wes­sel­mann). 1957 bereicherte eine wichtige Gruppe von Werken Max Beck­manns als »Le­gat Ge­org und Lil­ly von Sch­nit­zler« die Bestände. 1958 kon­nte die Wil­ly-Streck­er-Samm­lung mit be­deu­ten­den Werken u. a. von Pab­lo Pi­cas­so, Hen­ri Ma­tisse, Os­kar Kokosch­ka und Paul Klee angekauft wer­den. Zwischen den Jahren 1976 und 1988 stifteten die Eheleute Gün­ther und Car­o­la Peill wichtige Teile ihr­er Samm­lung (Gemälde und gra­fische Ar­beit­en von Max Ernst, Alex­ej von Jawlen­sky, Wil­li Baumeis­ter, Ernst Wil­helm Nay). 1994 stifteten Peter und Irene Lud­wig der Stadt Köln 90 Werke aus ihrem Pi­cas­so-Be­sitz und be­d­ingten damit den Auszug des Wall­raf-Richartz-Mu­se­ums in ein ei­genes Ge­bäude. Die Wied­er­eröff­nung des Mu­se­um Lud­wig am 1. Novem­ber 2001 kon­nte der Na­mens­ge­ber nicht mehr er­leben, doch Irene Lud­wig nahm sie zum An­lass, 774 weitere Ar­beit­en Pi­cas­sos zu schenken. Damit ver­fügt das Mu­se­um Lud­wig nach Barcelo­na und Paris über die dritt­größte Pi­cas­so-Samm­lung weltweit. Sie bi­etet ei­nen repräsen­ta­tiv­en Quer­sch­nitt durch alle Gat­tun­gen, Ma­te­rialien und Tech­niken. Seit 2000 en­gagiert sich das Mu­se­um Lud­wig in be­son­der­er Weise für die Samm­lung und Präsen­ta­tion tech­nisch­er Me­di­en im Kon­text zeit­genös­sisch­er Kunst. Wesentliche Ar­beit­en von Aer­nout Mik, Dia­na Thater und Mike Kel­ley sind so durch Ankäufe hinzugekom­men. Am 1. Novem­ber 2001 wurde das Mu­se­um als Mu­se­um unser­er Wün­sche von Kasper König wied­er­eröffnet. Un­ter sein­er Di­rek­tion (2000–2012) wurde die Samm­lung be­son­ders im Bereich der zeit­genös­sischen Kunst um wesentliche Werke und ganze Werk­grup­pen ergänzt und zählt heute zu den be­deu­tend­sten Museen für mod­erne und zeit­genös­sische Kunst in Eu­ro­pa. Die Samm­lung wird seit­dem konse­quent um sub­s­tanzielle Po­si­tio­nen zeit­genös­sisch­er Kunst er­weit­ert.

Weiterführende Literatur