Pablo Picasso (1881–1973) gilt als einer der radikalsten und zukunftsweisendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Doch soweit er mit seinen kubistischen Formexperimenten auch ging, griff er dabei immer wieder auf Themen und Motive – wie Porträts, Stillleben und Aktdarstellungen – zurück, die in der bildenden Kunst eine lange Tradition besitzen. Er schätzte die Werke seiner künstlerischen Vorfahren und zog Inspiration aus Ihnen.
Picassos Beschäftigung mit der europäischen Kunstgeschichte begann während seiner Studienzeit. An den Kunstakademien in Barcelona und Madrid zeichnete er nach Gipsabgüssen antiker Skulpturen und fertigte Gemäldekopien von Meisterwerken an. Später fanden die Alten Meister in Form von Variationen und Paraphrasen Eingang in Picassos eigene Bildsprache. Er setzte sich mit den Meistern seiner spanischen Heimat, El Greco, Velázquez und Goya, genauso auseinander wie mit den Künstlerpersönlichkeiten Rembrandt, Delacroix, Ingres und Manet. Auch die altdeutsche Malerei, insbesondere die Malerfamilie Cranach, zog ihn in ihren Bann.
Als junger Mann war Picasso in Paris ein eifriger Museumsgänger gewesen. Mit zunehmendem Alter nahm seine Reisefreude jedoch ab und er begann seine Variationen zunehmend aus dem Gedächtnis oder nach Postkarten und Katalogabbildungen zu schaffen. Tatsächlich kannte Picasso einige der Werke, die er in seinem Spätwerk paraphrasierte, nicht im Original. Er führte hierzu aus: »Das ist mir viel lieber, ich gehe nicht gerne in Museen, und so sehe ich die Dinge in Ruhe.«
Zwar hatte sich Picasso bereits in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg gelegentlich mit Werken der Vergangenheit schöpferisch auseinandergesetzt, in späten Jahren wurde daraus aber geradezu eine Obsession. In den fünfziger und sechziger Jahren verwendete er einen großen Teil seiner Schaffenskraft auf Variationen von Meisterwerken. Er war mittlerweile in seinen Mittsiebzigern und selbst zu einem »Alten Meister« der Moderne geworden. Einige Kritiker warfen ihm damals vor, dass ihm scheinbar die eigenen Ideen ausgingen und er aus purer Verzweiflung die Alten Meister kannibalisiere. Sie übersahen jedoch, dass Picasso im Verlauf seiner gesamten künstlerischen Laufbahn die Kunst der Vergangenheit geplündert hatte, und zwar nicht etwa aus mangelnder Fantasie, sondern aus dem Bestreben heraus, sich mit den von ihm bewunderten Künstlern zu messen und sie herauszufordern. »Ich habe das Gefühl«, – soll Picasso einmal gesagt haben – »dass Delacroix, Giotto, Tintoretto, El Greco und der Rest alle hinter mir stehen und mich bei der Arbeit beobachten.« In vollem Bewusstsein über seinen eigenen Platz in der Kunstgeschichte schuf Picasso seine späten Meisterwerke.
Die Ausstellung zeigt rund 60 Lithografien und Linolschnitte aus der Sammlung des Kunstmuseum Pablo Picasso Münster.
In Kooperation mit Kunstmuseum Pablo Picasso Münster.

