Die drei, nahe der Alster gelegenen, markanten Gebäude der Hamburger Kunsthalle beherbergen eine der wichtigsten öffentlichen Kunstsammlungen Deutschlands. Die Kunsthalle ist eines der wenigen Museen, das einen Rundgang durch acht Jahrhunderte Kunstgeschichte ermöglicht. Sie ist ein exzellenter Ort, um Zusammenhänge zu entdecken und neue, überraschende Einblicke zu gewinnen. In der Präsentation der renommierten Sammlungsbestände und Wechselausstellungen werden die Entwicklungen der Kunst vom Mittelalter bis heute gezeigt.
Mehr als 700 Werke sind ständig ausgestellt. Schwerpunkte bilden die norddeutsche mittelalterliche Malerei mit den Altären von Meister Bertram und Meister Francke, die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts, die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts mit den umfangreichen Werkgruppen von Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge, Adolph Menzel und Max Liebermann sowie die Klassische Moderne mit Werken von Max Beckmann, Wilhelm Lehmbruck, Ernst Ludwig Kirchner, Edvard Munch und Paul Klee. Im Bereich der zeitgenössischen Kunst geben unterschiedliche Positionen der Hamburger Kunsthalle eine gewichtige Stimme im aktuellen Kunstgeschehen. Neben Ausstellungen finden Sie Künstler:innen der exzellenten Sammlung – wie z.B. Bruce Nauman, Gerhard Richter, Rosemarie Trockel und Sigmar Polke – in thematisch angelegten wechselnden Präsentationen. Das Kupferstichkabinett der Kunsthalle gehört mit seinen mehr als 130.000 Zeichnungen und Druckgraphiken und der durchgehend hohen Qualität dieser Sammlung zu den bedeutendsten in Deutschland. Im Harzen-Kabinett präsentiert ist stets eine Auswahl der reichen Bestände zu sehen, im Studiensaal des Kupferstichkabinetts können Sie sich einzelne Blätter vorlegen lassen.
Neben der Sammlung erregt die Hamburger Kunsthalle international Aufmerksamkeit mit hochkarätigen Sonderausstellungen, die jährlich hunderttausende Besucher:innen in die Hansestadt locken. Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Vermittlung der Museumsinhalte für alle Altersgruppen. So gehört die Kunsthalle beispielsweise zu den größten Anbietern außerschulischen Lernens in Hamburg.
Durch das 2016 abgeschlossene Modernisierungsprojekt, das Dank einer außerordentlichen Spende der Dorit & Alexander Otto Stiftung in Höhe von 15 Millionen Euro ermöglicht wurde, verfügt die Hamburger Kunsthalle über zusätzliche Serviceeinrichtungen. Der Museumsshop direkt am Eingang bietet eine große Auswahl an Kunstbüchern, Plakaten, Postkarten und Designobjekten. Zum Verweilen lädt ein DAS LIEBERMANN, eines der schönsten Museumscafés Deutschlands. Ausblicke auf die Stadt und die Alster bietet das Café-Restaurant THE CUBE in der Galerie der Gegenwart.
Veranstaltungen und Ausstellungen
MAKING HISTORY – Hans Makart und die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts
Mit MAKING HISTORY wagt die Hamburger Kunsthalle einen fulminanten Sprung zurück in die Geschichte: das größte Gemälde des Museums – Der Einzug Karls V. in Antwerpen (1878) von Hans Makart (1840–1884) – bildet den Mittelpunkt einer Präsentation, bei der die Besucher:innen eine plastische Vorstellung der Diversität und Widersprüchlichkeit in der Kunstentwicklung des 19. Jahrhunderts erleben können. Nach vier Jahren ist das 50m² große Skandalbild des österreichischen Malers, das seit seiner Erstpräsentation die Betrachter:innen in den Bann gezogen hat, erstmals wieder zu sehen. 1879 für die Hamburger Kunsthalle erworben zählt es immer noch zu den wichtigsten Identifikationsbildern des Museums und gilt als einer der Höhepunkte in der Malerei des Historismus. Gemeinsam mit diesem Werk werden 60 weitere Gemälde und Skulpturen des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung der Kunsthalle in dem repräsentativen Makart-Saal gezeigt, darunter viele Gründungsbilder des 1869 eröffneten Hauses. Das Werk Cromwell vor dem Sarge Karls I. (nach 1831) von Paul Delaroche (1797–1856) wurde 1846 etwa mit der Auflage gestiftet, ein öffentliches Museum in Hamburg zu gründen. Und Friedrich Karl Hausmanns (1825–1886) Galilei vor dem Konzil (1861) wurde der Kunsthalle zur Grundsteinlegung 1863 geschenkt.
Der Makart-Saal, als Auftaktsaal des Rundgangs durch die Museumssammlung, soll in Zukunft alle Besucher:innen sensibilisieren, die ausgestellten Werke ebenso genussvoll wie kritisch zu lesen. Was früher für richtig befunden wurde, muss den heutigen Vorstellungen nicht mehr entsprechen, kann aber helfen die eigenen Sichtweisen zu hinterfragen.
Durch eine völlig neue Rauminszenierung soll sich auf die Besucher:innen das Galerieambiente des 19. Jahrhunderts übertragen: Mit Bezugnahme auf historische Sammlungspräsentationen erstrahlen die Kunstwerke – die teils 100 Jahre lang nicht mehr zu sehen waren – in blockartiger Hängung auf einer samtenen Wandbespannung.
Die ausgestellten Werke sind in verschiedene thematische Ensembles gegliedert:
Die starke Präsenz der Historienmalerei verdeutlicht den Aufschwung, den gerade diese Gattung im Laufe des 19. Jahrhunderts erlebte. Ihren Grund hat dies in der politisch angespannten Situation in Europa mit den steten Wechseln von revolutionären und restaurativen Tendenzen. Insbesondere drei Gemälde von Paul Delaroche (1797–1856), einem der bedeutendsten Historienmaler seiner Zeit, verdeutlichen die Neuausrichtung des Geschichtsbildes: Seine Herrschergestalten zeigt er als nahbare und nachdenkliche Individuen. Von den akribisch ausgearbeiteten Genreszenen geht ebenfalls eine starke Suggestionskraft aus. Sie nehmen die Betrachter:innen mit auf eine Zeitreise in die römische Antike, wie in den Werken von Lawrence Alma-Tadema (1836–1891), oder ins französische Rokoko bei Ernest Meissonier (1815–1891). Die Geltung der Antike als Form- und Stoffreservoir für die Kunst hatte das gesamte 19. Jahrhundert über Bestand. Dominiert wird dieser Themenkomplex von Anselm Feuerbachs (1829–1880) großformatigem Gemälde Das Urteil des Paris (1870). Die auffällige Präsenz von Arbeiten, die Gefühle zum Thema haben, steht ebenfalls in Verbindung mit dem damaligen Wunsch nach einer emotionalen Involvierung, beispielhaft dafür sind Die barmherzigen Schwestern (1859) von Henriette Browne (1829–1901). Zugleich reagierte die Genremalerei mittels aktueller Themen, wie etwa Karl Schlesinger (1825–1893) mit dem Gemälde Auswanderer setzen über (1851), auf die neue soziale Realität. Bedingt durch Kriege, Hungersnöte und Arbeitslosigkeit sahen sich um die Jahrhundertmitte Hunderttausende Menschen veranlasst, Europa zu verlassen. Mit dem heutigen Blick auf diese Malerei werden Parallelen zu den gegenwärtig medial vermittelten Bildern von Flüchtlingsbooten virulent. Eine Gruppe vornehmlich englischer Künstler richtete ihren Blick oftmals auf den Nahen Osten. Getragen von dem Wunsch, die für westliche Augen fremde Welt möglichst schillernd vorzustellen, ist die »Orientmalerei« zugleich Zeugnis einer eurozentrischen Sicht auf die arabisch-islamische Kultur. Diese Werke gehen maßgeblich auf die bedeutenden Stiftungen von Gustav Christian Schwabe (1886) und Freiherr Johann Heinrich von Schröder (1910) zurück, dank derer die Hamburger Kunsthalle noch heute über eine der größten Sammlungen an englischer Malerei des 19. Jahrhunderts auf dem europäischen Kontinent verfügt. Den Abschluss bilden die imposanten Landschaftsdarstellungen von Oswald Achenbach (1827–1905) und seinen Zeitgenossen, die mit der Etablierung des Impressionismus um die Jahrhundertwende bald nicht mehr gefragt waren.
Der begleitende Katalog bildet sämtliche präsentierten Werke ab, stellt sie in Einzelkommentaren vor und steckt in Form von einführenden Essays den jeweiligen Zeithorizont ab (Michael Imhof Verlag, 176 Seiten, deutsche Ausgabe, 25 Euro). Die Publikation ist unter www.freunde-der-kunsthalle.de und im Museumsshop und erhältlich. Zur Begleitung des Ausstellungsbesuches sowie zur Vor- und/oder Nachbereitung steht in der App der Hamburger Kunsthalle eine Audiotour kostenfrei zum Download bereit (4 Euro mit Leihgerät). Sie stellt 14 Werke sowie den Einzug Karls V. in Antwerpen vor, zu dem man zusätzlich als Augmented Reality-Anwendung animierte Informationen zu einzelnen Figuren des Gemäldes abrufen kann. Zu der Vermittlung der Ausstellung gehört außerdem ein Begleitheft, das über die thematischen Stränge des Raumes informiert und kostenfrei mitgenommen werden kann. Zusätzlich beantwortet dieses Heft im Raum platzierte kritische Fragen, die den Besucher:innen Denkanstöße geben sollen. Zwei Bücher im Saal – Makart Damals und Makart Jetzt – lassen die ambivalente Rezeption des Makart-Gemäldes von seinen Anfängen an nachvollziehen und fordern die Besucher:innen auf, diese aus unserer heutigen Sicht fortzuschreiben. Dazu kann auch der Hashtag #MakartNow in den sozialen Medien genutzt werden. Anlässlich von MAKING HISTORY und der damit verbundenen Neugestaltung des Makart-Saals entstand zudem der Film 50 Quadratmeter Zumutung, der die Genese des Projektvorhabens, die Freilegung des eingehausten Monumentalgemäldes sowie seine Restaurierung und Neupräsentation dokumentiert und Besucher:innenreaktionen einwebt (25 min). Der Film wird ab Ende Oktober 2020 in der Kunsthalle zu sehen sein.
IMPRESSIONISMUS – Deutsch-französische Begegnungen
Mit einer Neupräsentation von über 80 Werken französischer und deutscher Impressionist:innen wirft die Hamburger Kunsthalle einen frischen Blick auf den Impressionismus und zeigt eine der prägenden Kunstrichtungen der Moderne als ein europäisches Phänomen. In fünf umgestalteten Sälen der Lichtwark-Galerie werden Gemälde, Plastiken und Pastelle in neuen Konstellationen präsentiert: Hauptwerke von Max Liebermann, Lovis Corinth und Max Slevogt, dem »Dreigestirn des Deutschen Impressionismus«, treffen auf französische Ikonen wie Édouard Manet, Auguste Renoir und Claude Monet. Die Schau spannt auch den Bogen zu Werken von Künstler:innen, die in der Hamburger Kunsthalle seit langem nicht präsentiert wurden. Dazu zählen Gemälde von Alma del Banco, Paul Baum, Ivo Hauptmann, Maximilien Luce, Henri Martin oder Lesser Ury. Ergänzt wird die Präsentation durch einige Plastiken sowie eine Auswahl an Pastellen – etwa von Edgar Degas, Ludwig von Hofmann, Jean-François Millet und Max Liebermann. Impressionismus. Deutsch-französische Begegnungen zählt zu einer Reihe von Neueinrichtungen des Sammlungsrundgangs durch acht Jahr- hunderte Kunstgeschichte in der Hamburger Kunsthalle, welche die Sammlung unter neuen Fragestellungen und in neuem Licht präsentieren.
Die Neuerzählung zum Impressionismus verdeutlicht anhand pointiert gegenübergestellter Exponate, wie die von Frankreich ausgehenden Impulse in Deutschland aufgegriffen und produktiv weiterverarbeitet wurden: Claude Monets Waterloo-Bridge (1902) erscheint im Dialog mit Lovis Corinths Blick auf den Köhlbrand (1911), Pierre Bonnards Lampionkorso auf der Außenalster (1913) begegnet dem Abend am Uhlenhorster Fährhaus (1910) von Max Liebermann und Édouard Manets Jean-Baptiste Faure in der Oper Hamlet (1875/77) trifft mit Der schwarze d’Andrade (1903) von Max Slevogt zusammen. Die Kapitel »Porträt«, »Landschaft«, »Auftritt und Inszenierung«, »Ansichten der Stadt«, »Stillleben« und »Pastelle« veranschaulichen, mit welchen Themen und Motiven sich die Maler:innen rechts und links des Rheins beschäftigten, woher sie ihre wesentlichen Impulse bezogen und welche Wechselwirkungen visuell und historisch nachvollziehbar sind.
Der Impressionismus, der ab den 1870er Jahren in Frankreich entstand und sich zunächst dort etablierte, verlor bereits mit Beginn des Ersten Weltkriegs in seinem Geburtsland an Bedeutung. Hingegen reichten die impressionistischen Strömungen in Deutschland bis weit in die 1920er Jahre hinein. Um die Jahrhundertwende machten sich auch einige deutsche Museumsdirektoren mit Ausstellungen und Ankäufen gezielt für den Impressionismus stark. In Hamburg sorgten Alfred Lichtwark (1852–1914) und Gustav Pauli (1866–1938) mit ihren Erwerbungen deutscher und französischer Hauptwerke dafür, dass die Kunsthalle heute eine der bedeutendsten Sammlungen impressionistischer Malerei in Deutschland besitzt.
Die Schau eröffnet aber auch die Perspektive auf die Klassische Moderne und fragt, inwiefern der Impressionismus für die nachfolgende Generation relevant blieb. Max Beckmann, Emil Nolde, die Künstlergemeinschaft »Brücke«, aber auch die Mitglieder der Hamburgischen Sezession durchliefen zumindest in ihren Frühwerken impressionistische Phasen.
ISA MONA LISA
»Isa Mona Lisa« ist der ironisch-verspielte Titel einer großen Ausstellung, die anhand besonderer Positionen internationaler, zeitgenössischer Künstler:innen lebendige Einblicke in die aktuelle Gegenwartskunst gibt. Der Titel ist einer gleichnamigen Fotografie von Wolfgang Tillmans (*1968) von seiner Künstlerkollegin Isa Genzken (*1948) entnommen, die beide auch in der Ausstellung mit Arbeiten vertreten sind. Die Besucher:innen erwarten speziell eingerichtete Künstler:innenräume von größtenteils erstmalig präsentierten Neuerwerbungen der Hamburger Kunsthalle, ikonische Werke der Sammlung sowie Arbeiten, die aufgrund jüngster Kooperation mit einer bedeutenden Hamburger Privatsammlung gezeigt werden können. Die ausgewählten Exponate – darunter Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und Installationen – werden im gesamten Sockelgeschoss der Galerie der Gegenwart präsentiert.
Künstler:innen: Etel Adnan, Elisa Alberti, Helene Appel, Alexandra Bircken, Louise Bourgeois, Thorsten Brinkmann, Helen Cammock, Nina Canell, Edith Dekyndt, Simon Denny, Gerrit Frohne-Brinkmann, Noi Fuhrer, Asana Fujikawa, Isa Genzken, Donald Judd, Joachim Koester, Jochen Lempert, Dan Lie, Melanie Manchot, Robert Morris, David Novros, Silke Otto-Knapp, Sigmar Polke, Hyun-Sook Song, Neo Rauch, Gerhard Richter, Andreas Slominski, Andrzej Steinbach, Paul Thek, Wolfgang Tillmans, Thu-Van Tran, Haegue Yang.
Aus konservatorischen Gründen können nicht alle Werke über die gesamte Laufzeit ausgestellt werden und werden zwischendurch ausgewechselt.
Die im Sockelgeschoss fest installierten Werke sind von Bogomir Ecker, Jenny Holzer, Ilya Kabakov, Jannis Kounellis und Richard Serra.
Gefördert von: Freunde der Kunsthalle e.V.
Kuratorin: Dr. Brigitte Kölle, Sammlungsleiterin Gegenwartskunst
Assistenzkuratorin: Selvi Göktepe (bis Mitte April 2024)
HO TZU NYEN – Time & the Tiger [Die Zeit & der Tiger]
Die Ausstellung Ho Tzu Nyen: Time & the Tiger ist die erste Überblicksausstellung, die dem Künstler Ho Tzu Nyen (*1976) und seiner vielseitigen künstlerischen Praxis gewidmet ist. Ho gilt als einer der innovativsten Künstler, die in den letzten zwanzig Jahren international hervorgetreten sind. Er schafft komplexe und fesselnde Videoinstallationen, die sich mit der in der Kultur Südostasiens verwurzelten Wirklichkeit, Geschichte und Fiktion auseinandersetzen.
Als bildender Künstler, Schriftsteller, Theater- und Filmemacher hat Ho Tzu Nyen mit seinen Arbeiten die konventionellen Hierarchien in unserem Verständnis der Vergangenheit immer wieder in Frage gestellt. Seine immersiven Multimedia-Installationen stützen sich auf historische Ereignisse, Dokumentarfilme, Kunstgeschichte, Musikvideos und mythische Erzählungen und untersuchen so die Konstruktion von Geschichte, die Erzählung von Mythen, das Verstreichen der Zeit und die Vielfalt von Identitäten.
Time & the Tiger zeichnet die Entwicklung von Ho’s Werk anhand des Tigers und anderer sich wandelnder Figuren nach, die das Versprechen des Werdens und von Metamorphosen sowie Zeit als verkörperte und heterogene Erfahrung vermitteln. Ho arbeitet mit einer Vielzahl von Medien, um kritisch zu untersuchen, wie Geschichte, sei sie nun staatlich, kulturell oder persönlich, kontinuierlich imaginiert, verhandelt und aufgeführt wird. Ho kommentiert den kulturübergreifenden Charakter Südostasiens und greift dabei auf eine breite Palette von Themen zurück, von vorkolonialen und kolonialen Mythen über europäische Renaissance-Gemälde, modernistische Erzählungen und Geopolitik bis hin zu filmischen Darstellungen einer hybridisierten und instabilen Gegenwart.
Vor mehr als einem Jahrzehnt initiierte Ho das Projekt The Critical Dictionary of Southeast Asia mit der Frage: »Was macht die Einheit Südostasiens aus, einer Region, die nie durch Sprache, Religion oder politische Strukturen geeint war?« Während diese Frage durch Ho’s Ausbildung auf dem Gebiet der Südostasienwissenschaften entstand, verlagert er sie in den Bereich der Ästhetik und macht die Region seitdem zu einer generativen Matrix für viele Projekte, darunter die Videoinstallationen The Name; The Nameless (beide 2015); CDOSEA; One or Several Tigers (beide 2017); Hotel Aporia (2019) und zwei neue Arbeiten T for Time und T for Time: Timepieces (2023–fortlaufend), die vom Singapore Art Museum und dem Art Sonje Center Seoul in Zusammenarbeit mit dem M+ Hongkong und dem Museum of Contemporary Art Tokyo und der Sharjah Art Foundation in Auftrag gegeben wurden.
One or Several Tigers verbindet die Techniken des Schattenspiels mit denen der digitalen Animation und stützt sich auf mehr als ein Jahrzehnt historischer Forschung. Im Mittelpunkt steht die Lithografie Interrupted Road Surveying in Singapore (um 1865–85) des deutschen Illustrators Heinrich Leutemann. Der Druck zeigt den Iren George Drumgoole Coleman, dem die Planung und der Bau des heutigen Singapur zugeschrieben wird, wie er bei Vermessungsarbeiten im Dschungel mit einer Gruppe von Gefangenen auf einen Tiger trifft. In Hos fantasievoller Neuinszenierung steht der Tiger für das koloniale Imaginäre, in dem die Arbeiter den Dschungel roden, um Platz zu schaffen für das, was heute ein Zentrum des globalen Kapitalismus und, wie der Künstler sagt, ein sogenannter »asiatischer Tigerstaat« ist.
Mit Hotel Aporia erkundet Ho die Geschichte Japans und seiner Veränderungen im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts: Es zeigt eine Reihe historischer Persönlichkeiten aus Japans Zwischenkriegszeit, darunter Kamikaze-Piloten des Zweiten Weltkriegs, Philosophen der Kyoto-Schule, den Filmemacher Yasujirō Ozu, den Mangaka und Zeichentrickregisseur Ryuichi Yokoyama, die alle in der berauschenden Mischung aus Japans militantem Nationalismus, Antimodernismus und kultureller Propaganda gefangen waren. Die Widersprüche zwischen den Überzeugungen und Handlungen der Figuren kommen so deutlich zum Vorschein, dass es unmöglich ist, sich auf das »Japan« zu einigen, auf das sich einige beziehen und das sie idealisieren.
Die Publikation enthält eine Auswahl von Hos Texten zu einigen Begriffen, die aus dem Critical Dictionary of Southeast Asia hervorgegangen sind: »G für Gene Z. Hanrahan«, »H für Hydrographie«, »L für Lai Teck«, der von 1939 bis 1947 als Dreifachagent und Generalsekretär der Kommunistischen Partei Malawis tätig war und die Hauptfigur der Videoinstallationen Nameless und the Name ist. Diese Texte werden aufzeigen, wie sich die Konturen, Töne und Texturen seiner Forschungen über Südostasien im Laufe der Zeit verändert und weiterentwickelt haben. Begleitet werden sie von Texten von Kuratorinnen und künstlerischen Kolleginnen, die Hos Praxis an unterschiedlichen Punkten begegnet sind, von den Dekolonisierungspotenzialen des Algorithmus bis hin zum Wert von Wiederholungen: Hiroki Azuma, Kathleen Ditzig, May Adadol Ingawanij, Jang Un Kim & Je Yun Moon, Shabbir Hussain Mustafa, Lee Weng Choy, Yoko Nose, Kenneth Tay und Selene Yap.
Ho Tzu Nyen (*1976, in Singapur) lebt und arbeitet in Singapur. Er machte einen B.A. in Creative Arts am Victorian College of the Arts, University of Melbourne (2001), und einen M.A. in Southeast Asian Studies an der National University of Singapore (2007). Ho stellte im Singapur-Pavillon der Biennale von Venedig (2011) aus, hatte internationale Einzelausstellungen und war Teil der Gwangju Biennale (2021) und der 14. Sharjah Biennale (2019). Seine Filme wurden auf verschiedenen Festivals gezeigt. Er ist Ko-Kurator der 2019 Asian Art Biennale in Taiwan.
Die Ausstellung wird mit dem Singapore Art Museum (SAM) organisiert und in Zusammenarbeit mit dem Art Sonje Centre Seoul, dem Hessel Museum of Art-Bard College New York und dem MUDAM Luxemburg produziert.
Kuratorin: Dr. Corinne Diserens
Assistenzkuratorin: Leonie Marie Ahrens
KUNST UM 1800 – Eine Ausstellung über Ausstellungen
Die Schau KUNST UM 1800 stellt den legendären gleichnamigen Ausstellungszyklus der Hamburger Kunsthalle in den Mittelpunkt: Von 1974 bis 1981 widmete sich die Ausstellungsreihe in neun Teilen der Wirkmacht von Kunstwerken im Zeitalter der Revolutionen« und prägte Debatten über die gesellschaftliche Relevanz von Kunst, die bis heute nachwirken. Die Ausstellungsreihe revidierte Narrative der europäischen Kunstgeschichte, indem sie Themen und Künstler ins Zentrum stellte, die mit den Konventionen ihrer Zeit brachen: Ossian, Caspar David Friedrich, Johann Heinrich Füssli, William Blake, Johan Tobias Sergel, William Turner, Philipp Otto Runge, John Flaxman und Francisco Goya. Die Ausstellung KUNST UM 1800 wird die historischen Displays, die unter der Regie des damaligen Direktors Werner Hofmann entstanden, aus einer gegenwärtigen Perspektive kommentieren und aktualisieren. Dazu werden über 50 Gemälde, Bücher und graphische Arbeiten der Sammlung der Kunsthalle aus der Zeit um 1800 im Zusammenspiel mit ausgewählten Leihgaben und Werken zeitgenössischer Künstler:innen gebracht.
In drei Abschnitten wird KUNST UM 1800 Themen wie Träume, politische Landschaften und revolutionäre Energien aus der Jetztzeit betrachten. Darüber hinaus werden Aspekte, die in den Shows der 1970er Jahre fehlten oder nur ansatzweise zum Vorschein kamen, jedoch für die Zeit um 1800 relevant sind, betont: Feminismus, jüdische Kultur und People of Colour.
Ausstellungsort ist – wie damals – der Kuppelsaal im Obergeschoss des 1919 eingeweihten An- und Erweiterungsbaus. Er wurde in den 1970er Jahren als zentraler »Denk-Raum« sowie kuratorisches Experimentierfeld genutzt. Die Ausstellungsarchitektur gestaltet der Bildhauer Marten Schech aus Berlin in Form einer skulpturalen Intervention.
Gastkurator:innen: Prof. Dr. Petra Lange-Berndt (Universität Hamburg) und Prof. Dr. Dietmar Rübel (Akademie der Bildenden Künste München)
For Your Eyes Only – Miniaturen der Romantik
Die Ausstellung FOR YOUR EYES ONLY. Miniaturen der Romantik widmet sich erstmals umfassend der facettenreichen Kunst der Miniaturmalerei in Hamburg von ihrer Blütezeit um 1800 bis zu den 1840er Jahren, als sie von den frühen Techniken der Fotografie abgelöst wurde. Das kleine Format der Bildnisminiatur – meist etwa 6 bis 10 cm – sowie die kunstvolle Fertigung mit Aquarell- und Gouachefarben auf hauchdünnen Elfenbeinplättchen, teils mit Silberfolie hinterlegt, fasziniert bis heute. Insgesamt werden über 250 Objekte präsentiert.
Den Ausgangspunkt der Schau bilden Porträtminiaturen aus dem Bestand der Kunsthalle, die 2023–2024 konservatorisch und kunsttechnologisch erschlossen wurden: Erstmalig werden daraus rund 60 Miniaturen, zusammen mit ca. 200 Leihgaben aus europäischen Museen und Privatbesitz, teils ebenso erstmalig, zu sehen sein.
Die in Rahmen, Broschen oder Etuis gefassten Kleinporträts zählten zu den persönlichsten und intimsten Bildnissen, die Menschen von sich malen ließen. Sie waren für nur ein weiteres paar Augen bestimmt, konnten – oftmals direkt am Herzen – getragen und jederzeit betrachtet werden. Die Bildnisse sollten die Erinnerung bei langer Trennung wachhalten oder Trost beim Verlust eines geliebten Menschen spenden.
Porträtminiaturen waren um 1800 in Europa weit verbreitet. Sie wurden nicht nur für den Adel gefertigt, sondern waren auch beim aufstrebenden Bürgertum zunehmend beliebt – auch in Hamburg, das Ende des 18. Jahrhunderts einen wirtschaftlichen Aufbruch erlebte, der auch das künstlerische Schaffen beeinflusste: Private Sammlungen entstanden, der Kunstverein wurde gegründet, Ausstellungen, ein liberales Auktionsgesetz und neue Techniken wie die Daguerreotypie und die Lithografie trugen dazu bei, dass sich Hamburg zu einem bedeutenden Kunstzentrum entwickelte. International bekannte Miniaturisten wie Domenico Bossi oder Pierre-Louis Bouvier lebten und arbeiteten einige Zeit in der Hansestadt, die selbst herausragende Künstler:innen wie unter anderem Heinrich Jacob Aldenrath, Friedrich Carl Gröger sowie Ferdinand und Caroline Stelzner hervorbrachte.
Kuratorin: Sabine Zorn (Leitung Konservierung/Restaurierung von Graphik und Fotografie Hamburger Kunsthalle)
Gastkurator: Dr. Bernd Pappe (Freier Restaurator und Kunsthistoriker für Porträtminiaturen)

