1937 als »Haus der Deutschen Kunst« eröffnet, war das Gebäude eines der ersten architektonischen Vorzeigeprojekte des NS-Regimes und ein zentraler Ort von Kunst und Propaganda. Die NS-Kunstpolitik zielte nicht nur darauf ab, die unerwünschte Moderne auszuschalten, sondern basierte wesentlich auf rassistischem Denken und Konstruktionen von Ausschluss und Zugehörigkeit.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude zunächst von der amerikanischen Armee als Offizierskasino genutzt. Schon die ersten Kunstausstellungen ab 1946 prägten das Profil des Hauses als Ort für die ehemals verfemte Moderne. Diese Form der »Wiedergutmachung« fand weitreichende Wahrnehmung, sie spiegelte jedoch auch die Haltung der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft wider, die nazistische Vergangenheit vielfach auf Distanz zu halten.
Seitdem hat sich das Haus der Kunst in ein internationales Zentrum moderner Kunstausstellungen gewandelt und ist heute ein global agierendes Museum für Gegenwartskunst. Diese Entwicklung umfasst auch die Befragung von Architektur und Erbe. Künstler:innen, die im Haus der Kunst ausstellen, greifen aktiv in diesen Prozess der Auseinandersetzung ein.
Veranstaltungen und Ausstellungen
Ausstellung der Ausstellungen
Die »Ausstellung der Ausstellungen« an den Wänden des Südosttreppenhauses ergänzt und setzt die Historische Dokumentation in der Archiv Galerie fort. Als begehbare Chronik konzipiert, bietet sie den Besucher:innen einen umfassenden Überblick über die Ausstellungen seit den 1990er Jahren und lädt dazu ein, den Wandel des Haus der Kunst zu einem wichtigen globalen Zentrum für zeitgenössische Kunst mitzuerleben.
Die Stiftung Haus der Kunst München, gemeinnützige Betriebsgesellschaft mbH wurde 1992 gegründet und arbeitet nach einem Modell öffentlicher und privater Finanzierung. Bis heute hat das Haus der Kunst über 300 Ausstellungen organisiert, darunter zahlreiche bedeutende Projekte mit Künstler:innen, die einen nachhaltigen Veränderungsprozess angestoßen haben. Diese Projekte führten zu veränderten Perspektiven auf die Kunstgeschichte, innovativen kuratorischen Ansätzen und ambitionierten Ausstellungskonzepten, die sowohl inhaltlich als auch formal erweitert und neu gedacht wurden.
Diese Chronik entstand im Rahmen einer kontinuierlichen Archivierungsarbeit, die die Geschichte und die künstlerischen Programme des Haus der Kunst dokumentiert. Sie bildet die Grundlage für eine vielschichtige Reflexion, die über die Geschichte der eigenen Institution hinausgeht und eine kritische Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart ermöglicht, um den Blick für die Zukunft zu öffnen.
Kuratiert von Sabine Brantl
Grafische Gestaltung: Jean-Pierre Meier, Bureau Borsche
Gülbin Ünlü. Nostralgia
An der Grenze zwischen Funktion und Fiktion entfaltet sich Gülbin Ünlüs neue Arbeit für den Personaleingang des Haus der Kunst in einem Zustand fortwährender Schwebe – einem Ort, an dem Zugang verwehrt und Vollendung hinausgezögert wird. Das Werk verweilt in einem Moment der Erwartung, der sich nie auflöst.
Nostralgia erweitert Raum und Zeit durch subtile Eingriffe in die oft übersehenen Schwellen des Hauses. Ausgangspunkt ist der Personaleingang, von dem aus Gülbin Ünlü die Besucher*innen einlädt, das Gebäude durch unzugängliche, aber dennoch präsente Türen zu erkunden. Es ist eine Einladung, die Institution ohne festes Ziel zu durchqueren und sich auf den Akt des Begegnenlassens einzulassen. Das Werk wird zu einer stillen Choreografie der Bewegungslosigkeit, die das latente Potenzial von Räumen erforscht – aktiviert durch Präsenz und Lebendigkeit.
Verwurzelt in der Science-Fiction-Idee von Portalen, öffnet die Arbeit unerwartete Begegnungen – mit ausgelöschten Geschichten, alternativen Realitäten und spekulativen Zukünften. Indem sie die Aufmerksamkeit auf Nicht-Ausstellungsräume lenkt, regt Ünlü eine veränderte Wahrnehmung an: innezuhalten, erneut hinzusehen und die Architektur nicht als starre Struktur zu begreifen, sondern als einen Ort, an dem parallele Welten schweben – nicht realisiert, ständig im Wandel, geformt nicht durch das, was gezeigt wird, sondern durch die Art und Weise, wie wir sehen.
Ünlü arbeitet mit einer Reihe von Medien. Sie verwebt Motive miteinander und führt Malerei und Drucke zu vielschichtigen Bildern zusammen, die skulpturale Formen und performative Möglichkeiten annehmen. Ihr Ansatz verbindet Techno-Orientalismus mit ausgelöschten oder marginalisierten kulturellen Imaginationen. Ünlüs Portale öffnen sich nicht – und doch ziehen sie uns an. Sie verweisen auf Zeitlinien, die sich verzweigten, auf Systeme, die in den Standby-Modus versetzt wurden, bevor sie je aktiviert wurden. Diese Türen bleiben dem Körper verschlossen, doch der Spekulation geöffnet. Sie sind keine Einladung zum Überqueren, sondern zum Verweilen – in der Spannung zwischen Sichtbarem und Verborgenem.
Die Installation ist Teil einer Reihe von ortsspezifischen Auftragsarbeiten für den Personaleingang, die 2021 ins Leben gerufen wurde, um junge Künstler*innen aus der Region während der Pandemie zu unterstützen und dem Team in einer herausfordernden Zeit einen inspirierenden Moment beim Betreten des Gebäudes zu bieten. Seitdem dient sie als Förderstruktur für aufstrebende lokale Künstler*innen. Ünlüs Arbeit begreift das gesamte Gebäude als spekulatives Gebilde: eine Struktur, die nicht nur durch ihre Korridore und Funktionen navigiert wird, sondern auch durch die nicht realisierten Wirklichkeiten, die sie in ihren Wänden birgt.
Während Open Haus, der jeden letzten Freitag im Monat stattfindet, lädt Ünlü die Band TAF (Turkish-Armenian Friendship) ein, die Portale durch Klang, Bewegung und Präsenz zu aktivieren. Eine Eröffnungsperformance findet am 8.5.25 statt. Was hinter verschlossenen Türen beginnt – leise Impulse, flackernde Gesten – sickert langsam nach außen.
Kuratiert von Lydia Antoniou
Eröffnung: 8. Mai 2025, 17–18 Uhr
Cyprien Gaillard. Wassermusik
Wasser durchdringt die neue Werkserie in der Einzelausstellung von Cyprien Gaillard (geb. 1980, Paris). Diese bedeutende, zugleich oft unsichtbare Kraft bestimmt unsere Wirklichkeit: Es liegt in der Luft, die wir atmen, formt die Linien der Landschaft und erodiert das Gefüge unserer Städte. In den Schnittstellen von menschlichen Relikten, urbaner Geografie und Psychologie erschafft Gaillard ein außergewöhnliches Universum, das Phänomenen wie zivilisatorischen Umwälzungen und geologischer Zeit neue Gestalt verleiht. Über Medien wie Fotografie, Skulptur, Film, Video, Collage, Installation und Live-Performance entfaltet sein Werk eine Sprache des Verfalls, die Geschichte neu ordnet und die Gegenwart in einem anderen Licht erscheinen lässt.
In »Wassermusik« fasst Gaillard Wasser als elementare Kraft auf – es durchquert die Zeit und verbindet Spuren zerfallener Geschichten. Durch architektonische Interventionen, Film, Skulpturen und Archivmaterialien verändert er die Südgalerie mit Relikten wie Hinweisschildern aus den 1930er-Jahren, jüngeren Möbelstücken oder einem abgenutzten Teppich aus dem Kellergeschoss. Damit legt er die Spuren der einstigen Mieter:innen des Gebäudes offen. Zu den beständigsten nicht-menschlichen Zeugen gehören die Ammonitenfossilien im Marmorboden, die im Wasserlicht schimmern.
Im Zentrum der Ausstellung steht Gaillards neuester stereoskopischer Film Retinal Rivalry (2024), teilweise in München gedreht und koproduziert vom Haus der Kunst. Mit modernster Technologie erschafft Gaillard eine erweiterte, geschärfte und zutiefst eindringliche Sicht auf die Welt um uns herum. Dieses Schlüsselwerk innerhalb seines Œuvres definiert das bewegte Bild als Skulptur neu. Es führt die Betrachter*innen auf eine Reise durch verflochtene Zeit und unzugängliche urbane Oberflächen: Müllcontainer und unterirdische Adern, feuchtwarme Landschaften und Ausblicke aus den Augen der Bavaria-Statue über das Oktoberfest. In seinem skulpturalen und psychedelischen Raum unterläuft das Werk gewohnte Wahrnehmungsmuster, löst Erzählung auf und eröffnet eine unmittelbare Vision.
Zwei eigens von Gaillard erarbeitete Werkgruppen aus Archiven sind wichtige Bestandteile des zweiten Teils der Ausstellung: aus dem Haus der Kunst in München und dem Musée de l’Orangerie in Paris – beides Orte, die die Narben des Zweiten Weltkriegs tragen. Eine Auswahl an Möbeln (ca. 1937 bis heute) aus dem Haus der Kunst lagert schwer im Raum und ruft die Verhandlungen seiner früheren Mieter:innen über die Nutzung des Gebäudes in Erinnerung. Die nun leeren Stühle evozieren die gespenstische Präsenz dieser Figuren, die noch immer im Raum nachhallen. Prägnante Fotografien dokumentieren die Wasserschäden im Musée de l’Orangerie im Sommer 1944, als Bomben Decken einstürzen ließen: Wasser kroch über die Oberflächen, aufplatzende Schichten legten geisterhafte Blumenmuster frei – ein unheimliches Echo auf Monets letzte Seerosen-Gemälde in der vom Künstler entworfenen Architektur. Durch diese Zusammenstellung entfaltet Gaillard einen Dialog zwischen Naturkräften und menschlichen Konstruktionen, verwandelt Orte in lebendige Monumente und entwirft zeitliche Visionen jenseits des Hier und Jetzt.
Die neue Skulptur Absorbent Figure (2025), aus Aluminium gefertigt, ist einem kleinen Souvenir-Buddha nachempfunden, der in den 1970er-Jahren in Indonesien erstmals als touristisches Kunsthandwerk auftauchte – und nicht als religiöses Symbol. In monumentaler Form zeigt er einen Kopf, der dauerhaft in die Arme gesenkt ist, als Ausdruck tiefster Trauer. In dieser doppelten Bedeutung wird er zu einem paradoxen Zeugen von Erosion, Glauben und Überlieferung über die Zeiten hinweg.
Diese Ausstellung setzt die Vision des Haus der Kunst fort, die Bedeutung von Baudenkmälern losgelöst von ihrem ursprünglichen Zweck neu zu definieren und zu untersuchen, wie öffentliche Denkmäler neue kollektive Erfahrungen schaffen können. Nach Einzelausstellungen wie »Voices« von Philippe Parreno, »Mute« von Pan Daijing und »Window of Tolerance« von Wang Shui setzt Gaillards neue Ausstellung das experimentelle Programm des Haus der Kunst fort, indem sie modernste Technologie und zeitbasierte Medien integriert und Lebendigkeit als neue Form der Ausstellungsgestaltung und künstlerischen Praxis erforscht.
Diese Ausstellung wird durch die Unterstützung der Freund:innen des künstlerischen Geschäftsführers und der Hauptkuratorin ermöglicht.
Kuratiert von Xue Tan mit Lydia Antoniou und Laila Wu.
Sandra Vásquez de la Horra. Soy Energía
Die chilenische Künstlerin Sandra Vásquez de la Horra (geb. 1967, Viña del Mar, Chile) vereint in ihrer multidisziplinären künstlerischen Praxis transnationale und indigene Perspektiven. Ihr vor allem zeichnerisches und malerisches, aber auch filmisches und performatives Lebenswerk umfasst komplexe Ereignisse, Geschichten, Riten und Glaubensvorstellungen, die sowohl in ihrem Aufwachsen in Chile als auch in den vielen Jahren ihres Lebens in Deutschland wurzeln.
»Soy Energía«, ihre erste institutionelle Überblicksausstellung in Europa, ist ihrer experimentellen Praxis gewidmet, wobei ihr räumliches, energetisches und weltumfassendes Denken im Mittelpunkt steht. Ausgehend von der Multiperspektivität ihres Werks lädt die Ausstellung zu einer Begegnung mit dem spirituellen, Mensch und Natur versöhnenden Kosmos der Künstlerin ein und würdigt ihr Engagement für Selbstbestimmung, Frauen- und Menschenrechte. Erfahrungen von Verfolgung, Unterdrückung und Migration spielen dabei eine wesentliche Rolle. Sandra Vásquez de la Horra entwickelt eigens eine Ausstellungspraxis, die sich vom Arbeiten mit organischen Materialien ableitet wie auch szenografische Ansätze in den Raum erweitert und berührende existentielle Erlebnisse vermittelt.
Vásquez de la Horras frühe Werkserien entstanden während der Herrschaft des Pinochet-Regimes in Chile von Mitte der 1980er bis in die 1990er Jahre, wobei sie sich mit dem Körper und dessen weltlicher Einbettung mittels Zeichen, Fragmenten und Sprache befasste. Sie schafft Zeichnungen von fabelhaften Mischwesen mit menschlichen, tierischen und pflanzlichen Zügen, die auf die Unvereinbarkeit von Geschichte und Moral anspielen. Die in Bienenwachs getränkten Arbeiten – eine Technik, die sie seit 1997 anwendet – präsentiert sie in experimentellen Hängungen, um multiperspektivische Geschichten und Raumkonstellationen zu gestalten. In ihren ersten Jahren in Europa schuf Vásquez de la Horra Video-Performances, die nun erstmals gezeigt werden. Darin verarbeitet sie biografisch genauso wie historisch bedeutsame Ereignisse und Themen wie Einsamkeit, Trennung und Rassismus. Die Ausstellung verbindet die historische Dimension des Werks mit seiner Entwicklung in die Gegenwart.
Kuratiert von Jana Baumann mit Marlene Mützel.
TUNE Installation | Beni Brachtel. ATTACK DECAY SUSTAIN
ATTACK DECAY SUSTAIN ist eine neue mehrkanalige Audioinstallation des Musikers und Komponisten Beni Brachtel, die für das TUNE-Sound-Programm im Terrassensaal in Auftrag gegeben wurde. Sie wird ab dem 12.12.25 für sechs Monate installiert sein.
Am 12. & 13.9.25 präsentiert der Künstler im Rahmen von TUNE eine Live-Adaption der Klanginstallation an zwei aufeinanderfolgenden Abenden, deren Performances einander ergänzen. Das Werk wird von der Cellogruppe der Münchner Symphoniker interpretiert und setzt Brachtels Zusammenarbeit mit diesem Ensemble fort. Sie begann 2024, als er für Ersan Mondtags Beitrag zum Deutschen Pavillon auf der Biennale di Venezia 2024 seine Orchestersuite Monument eines unbekannten Menschen komponierte und mit dem Ensemble aufnahm.

