Zeitgenössisch, international und vielfältig: Die Kestner Gesellschaft zählt zu den größten deutschen Kunstvereinen. Seit über 100 Jahren verfolgt sie das Ziel, aktuelle, internationale Kunst nach Hannover zu bringen. Dabei werden die Hallen des ehemaligen Goseriedebads regelmäßig zum Schauplatz umfassender Gruppen- und Einzelausstellungen. Mit bisher über 700 Ausstellungen hat sie die nationale und internationale Kunstszene geprägt und setzt beständig neue Impulse.
Um aktuelle künstlerische Positionen für alle erfahrbar zu machen, werden die Ausstellungen von einem vielfältigen Vermittlungsprogramm für verschiedene Altersgruppen begleitet. Von kostenfreien Führungen, über spannende Vorträge bis hin zu kreativen Workshops bietet die Kestner Gesellschaft viele Möglichkeiten, der Kunst zu begegnen. Darüber hinaus erweitert sie ihre Angebote zunehmend in den digitalen Raum und gestaltet so den digitalen Wandel aktiv mit.
Veranstaltungen und Ausstellungen
Cauleen Smith – The Volcano Manifesto
Die Kestner Gesellschaft freut sich, ab dem 12. Dezember 2025 die erste institutionelle Einzelausstellung von Cauleen Smith im deutschsprachigen Raum zu eröffnen. Die in Los Angeles lebende, interdisziplinär arbeitende Künstlerin hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine einzigartige lyrisch-visuelle sowie politisch relevante Arbeitsweise an der Schnittstelle von Independent Film und Bildender Kunst entwickelt. Neben Filmen produziert sie Zeichnungen, Skulpturen, Textobjekte, Assemblagen und performative Prozessionen, die sie in vielschichtigen Installationen zusammenführt. Utopische Entwürfe von Gemeinschaft und Gemeinschaftsbildung sowie aktualisierende Befragungen ökologischer Ausbeutung, Extraktivismus und identitätsbildender Prozesse der Schwarzen Diaspora bilden zentrale inhaltliche Bezugspunkte ihrer vornehmlich filmischen Erzählungen.
Unter dem Titel The Volcano Manifesto wird Cauleen Smith die gesamten Räumlichkeiten der Kestner Gesellschaft bespielen. Der Titel geht zurück auf ihre drei filmischen Arbeiten: My Caldera (2022), Mines to Caves (2023) und The Deep West Assembly (2024), die im Zusammenspiel komplexe Meditationen über geologische und filmische Zeit, über den Abgrund von Vulkanen und den Schoß von Minen und Höhlen eröffnen. Ausgehend von dieser Trilogie haben Besucher:innen die einmalige Gelegenheit Smiths Arbeiten der letzten zehn Jahre kennenzulernen: darunter raumgreifende Videoinstallationen, neue Textilarbeiten, ein Fassadenprojekt, Zeichnungen und ein Raum für kollektiven Austausch und Reflexion.
Die Ausstellung wird von Eva Birkenstock, Direktorin der Kestner Gesellschaft, kuratiert in Assistenz von Emilia Radmacher.
Cauleen Smith (geb. 1967 in Riverside, Kalifornien) lebt in Los Angeles, wo sie als Professorin für Bildende Kunst am California Institute of the Arts (CalArts) tätig ist. Ihre Arbeiten wurden international bereits in zahlreichen Gruppenausstellungen präsentiert, darunter im Studio Museum in Harlem, New York (2013), Museum of Contemporary Art Chicago (2015), New Museum, New York (2015), BALTIC Center for Contemporary Art, Gateshead, UK (2017), in der Prospect.4 Triennale, New Orleans sowie Whitney Biennale, New York (beide 2017). Derzeit ist ihre Videoarbeit Sojourner Teil der Ausstellung Utopia. Recht auf Hoffnung im Kunstmuseum Wolfsburg, die bis zum 11. Januar 2026 läuft. Zu ihren Einzelausstellungen zählen unter anderem Remote Viewing (2011) in The Kitchen, New York, Give It or Leave It (2018) am Institute of Contemporary Art, University of Pennsylvania, Cauleen Smith: We Already Have What We Need im Massachusetts Museum of Contemporary Art, North Adams (2019) und Contemporary Arts Museum Houston (2021), Cauleen Smith: Mines to Caves (2023) im Aspen Art Museum sowie The Deep West Assembly (2024) im Astrup Fearnley Museum, Oslo. Dusk of Dawn ist derzeit im Joel and Lila Harnett Museum of Art an der University of Richmond zu sehen. Mitte November 2025 eröffnet eine umfassende Überblicksausstellung zu ihrem Werk Dawn Echoes im Zeitz MOCAA in Kapstadt.
Smith erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Director’s Grant des University of California Institute for Research in the Arts (2010), ein Research Fellowship des Black Metropolis Research Consortium (2013), ein Creative Capital-Stipendium (2008), den Ellsworth Kelly Award der Foundation for Contemporary Arts (2016), den Herb Alpert Award in the Arts (2016) sowie eine Rauschenberg Residency (2015). Auch sind ihre Arbeiten in zahlreichen internationalen Sammlungen vertreten.
Passage III: To Repel Ghosts
Die Präsentation Passage III: To Repel Ghosts begleitet Cauleen Smiths Ausstellung The Volcano Manifesto und greift deren zentrale Themen auf: utopische Entwürfe von Gemeinschaft und Gesellschaft, Extraktivismus, Erinnerungspolitiken und Identitätsprozesse der Schwarzen Diaspora sowie die Frage, wie Bilder und Narrative Gewalt- und Befreiungsgeschichten erzeugen und fortschreiben. Im Passagen-Raum – dem 2025 gemeinsam mit dem Architekten Assaf Kimmel eingerichteten Archiv- und Vermittlungsraum der Kestner Gesellschaft – treffen das begleitende Programm zur Ausstellung, die kestnerkids und eine neu zusammengestellte Archivpräsentation aufeinander und erweitern den Blick sowohl auf die Inhalte von The Volcano Manifesto als auch auf die Ausstellungsgeschichte des Hauses. Der von Team der Kestner Gesellschaft und dem Architekten Assaf Kimmel entwickelte Raum ist als offenes Wissens- und Erinnerungsformat angelegt. Er bündelt Recherche, Vermittlung, institutionelles Gedächtnis und öffentliche Reflexion und wird in jeder Ausgabe neu aktiviert.
Der Titel der dritten Auflage der Passage To Repel Ghosts bezieht sich auf Jean-Michel Basquiat: In mehreren Gemälden der 1980er-Jahre erschien diese selbstreflexive Textformel, mit der der Künstler Kräften wie kolonialer Gewalt, rassifizierten Projektionen und den Erwartungen des Kunstbetriebs begegnete. Das Gemälde To Repel Ghosts (1986) war 1987 in Basquiats Einzelausstellung in der Kestner Gesellschaft zu sehen und schrieb sich über Plakate, den Katalog und die Erinnerung der Besuchenden in das institutionelle Gedächtnis ein. Diese Geste der Abwehr und Selbstbehauptung resoniert mit Cauleen Smiths Themen und gegenwärtigen Strategien des Widerstands. Vor diesem Hintergrund rückt auch die Ausstellung Kilengi. Afrikanische Kunst aus der Sammlung Bareiss (1997) ins Blickfeld, deren koloniale Rahmungen und Aneignungsmechanismen kritisch beleuchtet werden.
Im Fokus der Archivpräsentation stehen die Ausstellungsprojekte Jean-Michel Basquiat (1986), Jean-Michel Basquiat: Drawings (1989), True North und Fantôme Afrique von Isaac Julien (2006), The Blue Rider Extended Remix von Chris Ofili (2006), behind the eye is the promise of rain von Helen Cammock (2022), everything I have ever touched von Diedrick Brackens (2023) und BloodLetter von Monilola Olayemi Ilupeju (2024). Diese Positionen verbinden urbane Ikonografie, filmische Bildräume, Textil als Gedächtnismedium, Stimme und Körper als Archive sozialer Erfahrung. Schwarz-Sein erscheint in diesen Arbeiten als erinnernde und widerständige Präsenz, die sich in Spuren, Wiederkehr und körperlicher Erfahrung entfaltet. Über das Vermittlungsprogramm entstehen hier Verbindungen zu Themen, die alle Ausstellungsprojekte und insbesondere The Volcano Manifesto von Cauleen Smith berühren und mit ihr resonieren: Schwarze Diaspora, Körper und gelebte Geschichte sowie Fragen von Extraktivismus und kollektiver Erinnerung.

