Beim Stadthaus
Unter den Winterthurer Kunstmuseen ist das frühere Kunstmuseum das älteste – 1848 wurde der Kunstverein Winterthur gegründet, 1916 das Museumsgebäude eingeweiht – und zugleich das einzige, das seine Sammlung von Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und Druckgraphik kontinuierlich weiter ausbaut. Bis 2017 trug die Sammlung den Namen Kunstmuseum Winterthur. Durch die betriebliche Zusammenführung mit dem Museum Oskar Reinhart und der daraus resultierenden Dachmarke Kunst Museum Winterthur wurde es zum Kunst Museum Winterthur / Beim Stadthaus.
Seine Sammlung ist aus Winterthurer Privatsammlungen entstanden, die auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückgehen. Ihnen sind die reichhaltigen Bestände an französischer Kunst zu verdanken. Zu nennen sind unter anderem die Donatoren Georg Reinhart, Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler, E. Richard Bühler. Ergänzt wurden ihre Schenkungen durch die Sammlung von Heinrich Wolfer-Sulzer. 1973 erhielt das Museum mit dem Legat Clara und Emil Friedrich-Jezler eine der bedeutendsten Schweizer Sammlungen von Kunst klassischer Moderne.
Heute verfügt das Haus neben Basel, Zürich und Bern über die vierte große öffentliche Sammlung von Kunst der Moderne in der Schweiz. Damit ergänzt es die beiden Reinhart-Museen, Reinhart am Stadtgarten und die Sammlung Oskar Reinhart »Am Römerholz« in Winterthur mit ihren bedeutenden Beständen älterer Kunst.
Reinhart am Stadtgarten
Das Kunst Museum Winterthur / Reinhart am Stadtgarten, vormals Museum Oskar Reinhart, war historisch das Gebäude der Stiftung Oskar Reinhart. Eröffnet 1951, stellte es damals das erste private Museum der Schweiz dar. Der Sammler und Mäzen Oskar Reinhart (1885–1965), einer der Söhne Theodor Reinharts, Mitbegründer des Kunstvereins, baute zeitlebens eine umfangreiche Kunstsammlung auf. Mit der Wiederentdeckung der deutschen Kunst nach der Jahrhundertwende begann Oskar Reinhart damit, neben Schweizer auch deutsche und österreichische Kunst gezielt zu erwerben. Die umfassenden und einzigartigen Werkgruppen insbesondere der Frühromantik und des Realismus sind permanent ausgestellt. Ebenfalls zu erleben sind niederländische Meister des Goldenen Zeitalters aus der Stiftung Jakob Briner und eine Auswahl aus einem umfangreichen Konvolut an Porträtminiaturen aus den Sammlungen Briner und Kern, die in wechselnden Ausstellungen präsentiert werden. Oskar Reinharts Villa mit der Kollektion von Altmeistern sowie französischer Impressionisten befindet sich heute im Besitz der Eidgenossenschaft als Sammlung Oskar Reinhart »Am Römerholz«.
Villa Flora
Die Villa Flora, 1846 erbaut und 1908 von den Architekten Rittmeyer/Furrer im Jugendstil erneuert, war das Wohnhaus von Hedy Hahnloser-Bühler (1873–1952) und Arthur Hahnloser (1870–1936). Früh begann das Sammlerehepaar sich für die Kunst ihrer Zeit zu begeistern: Zwischen 1906 und 1936 trugen Arthur und Hedy Hahnloser Werke des Postimpressionismus, der Künstlergruppe Nabis und der Fauves sowie Werke von zeitgenössischen Schweizer Künstlern wie Ferdinand Hodler und Giovanni Giacometti zusammen. Mit Félix Vallotton, Pierre Bonnard und anderen Kunstschaffenden ihrer Zeit verbanden sie enge Freundschaften. Die Villa Flora wurde zum Treffpunkt der Künstler und der Kunstfreunde. Die ehemalige Sammlung Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler, vereint in der Hahnloser/Jaeggli-Stiftung, versammelt Meisterwerke von Edouard Manet, Paul Cézanne, Vincent van Gogh, Odilon Redon, Henri Matisse und Henri de Toulouse-Lautrec. Sammlung, Haus und Garten bilden ein einzigartiges Kulturgut von internationaler Bedeutung.
Die Villa Flora ist zur Zeit geschlossen. Sie wird umgebaut und voraussichtlich 2024 wiedereröffnet.
Veranstaltungen und Ausstellungen
Nedko Solakov – Being Vallotton
Es war einmal …: Mit diesen Worten erzählen Märchen von einer zurückliegenden Epoche und beschwören eine andere Realität, welche die eigene Wirklichkeitserfahrung durch Illusionen erweitert. Sie haben daher etwas gleichermaßen Beunruhigendes wie Befreiendes. Das gilt auch für die «Geschichten» des bulgarischen Künstlers Nedko Solakov, die als zart lavierte Bild-Text-Kombinationen in oft mehrteiligen Zeichnungszyklen entstehen. Spätestens seit der Teilnahme an der Biennale von Venedig (2007) und der documenta (2007 und 2012) gilt der 1957 geborene und in Sofia lebende Nedko Solakov als eine der herausragenden Figuren der internationalen Gegenwartskunst.
Der bildende Künstler ist ein begnadeter Erzähler: Seine Zeichnungen handeln von alltäglichen Begebenheiten, erweisen sich zugleich als absurde Kommentare zum menschlichen Dasein. Solakov hinterfragt in seinem formal vielfältigen Schaffen neben Zeichnungen auch Gemälde und Installationen, scheinbar kollektive Wahrheiten. Er reflektiert selbst das Scheitern als Metapher menschlicher Existenz und entdeckt in den politischen Weltläufen die Paradoxie als herrschende Struktur. Aktuelle Themen in Form von Geschichten zu fassen, die eine präzise Balance zwischen Lust an der Narration und ironischer Brechung halten, prägen sein Werk und machen es unverwechselbar – und in hohem Masse unterhaltsam.
Being Vallotton, so der Titel der Ausstellung in der Villa Flora, zeigt den Künstler als großen Bewunderer seines künstlerischen Vorbildes. Indem er gleichsam in die Rolle des Älteren schlüpft, schafft er eine eigenwillige Neuinterpretation des Klassikers und bindet das eigene Schaffen in die großen kunsthistorischen Zusammenhänge ein. Nedko Solakov ist auch ein höchst unorthodoxer Konzeptkünstler, der die Welt, auch die Kunstwelt, mit Humor und Ironie betrachtet und die Meisterwerke der Vergangenheit aus zeitgenössischer Sicht neu interpretiert – als grandiose Hommage an Félix Vallotton.
Kuratiert von Konrad Bitterli

