Die Kunsthalle Darmstadt, getragen vom Kunstverein Darmstadt, fördert das Neue und sucht das Gemeinsame. Das ist ihr Auftrag – für die Bürger der Stadt, Nachbarn in der Region und Gäste aus der Ferne.
Der Kunstverein Darmstadt e. V. geht auf die Gründung des Kunstvereins für das Großherzogtum Hessen im Jahr 1833 unter dem Protektorat Großherzogs Ludwig II. zurück und ist damit einer der ältesten Kunstvereine Deutschlands. Von einer sich im Vormärz emanzipierenden Bürgerschaft ging damals der Wunsch aus, neben dem höfischen Theater- und Musikinteresse der bildenden Kunst und damit sich selbst einen Rahmen zu geben. Treibende Kraft hinter dieser Gründung war der 1832 nach zehnjährigem Aufenthalt in Italien nach Darmstadt zurückgekehrte Jakob Felsing (1802–1883), der sich als Drucker und Kupferstecher hier niederließ und den Kunstverein bis 1876 leitete.
Wechselnde Ausstellungsorte bestimmten das Leben des Vereins. Es entstanden zahlreiche Außenstellen wie Offenbach, Mainz, Worms, Friedberg und Gießen. 1836 schlossen sich die Kunstvereine von Darmstadt, Freiburg, Karlsruhe, Mainz, Mannheim, Straßburg und Stuttgart zusammen zum Rheinischen Kunstverein. Der rege Austausch von Wanderausstellungen beförderte vor allem das private Sammeln. Wie andere Kunstvereine übernahm man damit im 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle bei der Förderung von Kunst, die nach wie vor stark von höfischen Aufträgen abhängig war.
Mit dem Bezug eines eigenen Ausstellungsgebäudes 1889 gewann der Kunstverein weiter an Bedeutung für das kulturelle Leben in Darmstadt. Der Standort hätte wegen seiner Lage an der Magistrale der Rheinstraße und in unmittelbarer Nähe zu dem 1846 eröffneten Bahnhof der Main-Neckar-Eisenbahn sowie dem Ludwigsbahnhof von 1858 kaum günstiger sein können.
Der Ort im Darmstädter Westen hatte zudem eine hohe historische Bedeutung. Um einer neuen Bürgerschicht aus Militär und Verwaltungsbeamten Raum zu geben, war dort ab 1810 nach den Plänen des für den Klassizismus stilbildenden Hofbaumeisters Georg Moller (1784–1852) eine neue Vorstadt entstanden. Auch das kulturelle und gesellschaftliche Leben hatte sich daraufhin mit repräsentativen Bauten – wie dem Casino – in den neuen Stadtteil verlagert.
Für das neue Gebäude des Kunstvereins stellte die Stadt das Grundstück des ehemaligen nördlichen Wachthauses des Rheintors zur Verfügung, das einst den westlichen Stadteingang gebildet hatte. Sein Portikus blieb als Eingang zur neuen im Neorenaissancestil errichteten Kunsthalle erhalten.
Neben der Aufgabe, Ausstellungen zu organisieren, wurden Mitgliedsbeiträge in Kunstwerke angelegt. Der Kunstverein hatte um die Jahrhundertwende bis zu 3000 Mitglieder und bis 1929 ein beachtliches Vermögen, welches jedoch während der Hyperinflation verloren ging.
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden verstärkt heimatliche Landschaftsmaler und offen propagandistische Ausstellungen gezeigt. 1936 nahm die Kunsthalle Darmstadt an der Wanderausstellung ‹Entartete Kunst› teil, mit der die künstlerische Moderne diffamiert werden sollte. In der sogenannten Brandnacht des 11. September 1944 wurde die Mollervorstadt fast vollständig zerstört. Mit ihr verschwanden viele das Stadtbild prägende Bauten. Die Ruine der Kunsthalle wurde nach dem Krieg abgetragen. Lediglich der Portikus aus Mollers Zeit blieb – ohne Giebel – als Zeugnis erhalten.
In Nachfolge des Kunstvereins gründete sich bereits 1945 der Neue Hessische Kunstverein, der erneut – jetzt wieder an wechselnden Orten – Ausstellungen für das Darmstädter Publikum organisierte. Mit den Darmstädter Gesprächen und den Ferienkursen für Neue Musik gewann die Stadt in den 1950er-Jahren kulturell an Bedeutung. Auch für den Kunstverein sollte eine neue Ära beginnen: Die Mitglieder des 1956 umbenannten Darmstädter Kunstvereins entschlossen sich, am Ort der alten Kunsthalle einen Neubau zu errichten. Den Wettbewerb von 1955 gewann der an der damaligen Technischen Hochschule lehrende Architekturprofessor Theo Pabst, nach dessen Plänen 1957 ein dezidiert modernes Ausstellungsgebäude entstand. Mit seiner klaren Form, einfachen Materialien und Gestaltungselementen, seiner Funktionalität und Spannung zwischen geschlossenen und offenen Flächen steht der Bau für die Architektur der Klassischen Moderne der 1950er-Jahre und als ein Manifest des Neubeginns nach 1945.
Die neue Kunsthalle am Steubenplatz wurde als einziger städtischer Ausstellungsort genutzt, bis die Mathildenhöhe diese ablöste. Der Verein erreichte bald eine Größe von 800 Mitgliedern. Das Zusammenwirken von Stadtgesellschaft, Neuer Darmstädter Sezession und Kunstverein trugen zur vielfachen Beachtung Darmstadts als Kulturstadt bei.
Bereits 1964 wurde die Kunsthalle von Theo Pabst erweitert, um Büros und zusätzliche Ausstellungsfläche zu schaffen. Anlässlich der 150-Jahrfeier des Kunstvereins wurde sie 1987 um den nördlichen Anbau ergänzt und umorganisiert.
Seit 2014 trieben Leitung und Mitglieder des Kunstvereins die umfassende denkmalgerechte Sanierung voran. Die Fassade, das Oberlicht und die Haustechnik konnten mit öffentlichen und privaten Mitteln etappenweise erneuert werden. Zum Abschluss erhielt der über 60 Jahre alte Theo Pabst-Bau einen neu gestalteten Vorplatz, der die Stahl-Glasfassade als Schaufenster der Künste zur Geltung bringt und zum Verweilen einlädt. Im gleichen Pandemie-Jahr 2020 wurde damit begonnen, mit staatlichen Förderzuwendungen den Ausbau der «digitalen Kunsthalle» voranzutreiben.
Veranstaltungen und Ausstellungen
Franziska Cusminus – In Someone Else’s Moccasins
Nach ihrer Teilnahme an der Ausstellung »Planet 9« (2017) kehrt Fransziska Cusminus mit drei neuen Videoarbeiten in die Kunsthalle Darmstadt zurück. Ging es ihr damals noch um die Mensch – Maschine – Relation, zeigt sie sich in ihrer neuen Auswahl an der Analogie von Mikrokosmos und Makrokosmos, Empathie und intrinsischer versus extrinsischer Motivation interessiert. Die Raum-Installationen laden zum Nachvollzug von bildhauerischen Perfomances der Künstlerin ein, beziehen den Körper des Betrachters ein und geben sich als Allegorien auf das Leben zu verstehen.
Harm Gerdes – Mediterranea
Die Ausstellung versammelt über 20 größerformatige Leinwandbilder des deutsch-zypriotischen Künstlers Harm Gerdes, die seit 2021 entstanden sind. Bereits während seines Studiums bei Katharina Grosse an der Kunstakademie in Düsseldorf verschreibt sich dieser ganz der Malerei und entwickelt eine eigene Technik, Acryl zu gießen, statt Öl mit Pinsel, Quast und Rolle aufzutragen. Aufgewachsen in Darmstadt, lebt und arbeitet er seit 2023 in Athen. Seine Kunst, die international Beachtung erfährt, verbindet Elemente des Art-Nouveau, der Klassischen Moderne mit Vorbildern der jüngeren Malerei.
»Harm Gerdes erfindet eine neue Sprache (...) Sie hat mit unserer Gegenwart viel zu tun, mit der Bildschirmwelt, mit der radikalen Veränderung des Sehens, die sich derzeit ereignet, wobei diese Malerei – das ist ihre Stärke – die Zeichensprache unserer Bildschirmwelt in keinem Moment aufgreift, sondern Äquivalente dafür findet, Metaphern, die unabhängig dastehen.« (Robert Fleck)
In Kooperation zeigt G10 Projektraum in der Grafenstraße 10 / Ecke Rheinstraße die Satellitenausstellung »Agent Arena« von Harm Gerdes (09.01.26-06.02.26).
Zur Ausstellung erscheint im Eigenverlag ein Katalog, der für den Preis von 14 Euro (Mitglieder: 10 Euro) am Empfang erworben werden kann.
Minh Dung Vu – Verschiebung
»Als ich in Deutschland ankam, war es nicht nur eine geografische, sondern auch eine kulturelle Verschiebung...«
Minh Dung Vu löst historische vietnamesische Textilien aus ihrem ursprünglichen Kontext und überführt sie in die Sphäre der Gegenwartskunst. Seine Collagen sind auf den ersten Blick gar nicht als solche erkennbar. Denn seine Kunst besteht darin, Nähte fast unsichtbar zu machen, um sie erst auf den zweiten Blick umso stärker zur Geltung zu bringen.

