Wie ein feines Gespinst überziehen die Spuren ihrer Hand die Fläche. Bettina van Haaren (*1961) präsentiert Sehen, Beobachten und Zeichnen als fortlaufende Beschreibung von Welt. Ihre figurativen Arbeiten entstehen aus genauer Anschauung sowie aus dem Sammeln, Skizzieren und Neuordnen. In der Ausstellung im Kunstmuseum Reutlingen | Galerie sind neben neuer Malerei auch Zeichnung, Druckgraphik und Videoarbeiten aus den letzten Jahren zu entdecken.
Bettina van Haaren entwickelt eine Bildpraxis, die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern verschiebt, verdichtet und das Alltagssehen befragt. Dabei wird evident, wie eng Wahrnehmung an den Körper gebunden ist: Sie ist geprägt durch Erfahrung, Bewertung und die eigene Existenz. Bettina van Haaren arbeitet vor dem Objekt oder seiner Reflexion im Spiegel. Ihr prüfender Blick wird selbst zum Bildelement und richtet sich im Raum auf die Betrachter:innen.
Das Selbst zeigt sie allerdings fragmentiert und in wechselnden Wahrnehmungslagen. Menschliche und animalische Körper, Fundstücke und geschaffene Objekte treten hier gleichrangig hinzu. In der Schwebe zwischen Lebendigkeit und Erstarrung entsteht Verunsicherung. Maßstab, Perspektive und Materialität bleiben beweglich und aufeinander bezogen. Beobachtungen, Figuren und Gegenstände werden als Erzählinseln in einer bildlichen Ordnung arrangiert.
Zeichnungen entstehen auf Reisen und im Atelier. Sie speisen sich aus Beobachtungen der organischen Welt, von Zivilisationsresten und sozialen Wirklichkeiten. Europäische Bildtraditionen werden an eigenen Erfahrungen und zeitgenössischen Krisen erprobt.
Das Dringliche ist für die Künstlerin »nicht nur biographisch begründet, nicht nur auf Alltag und Psychologie bezogen, sondern auch politisch«. Der Stellplatz bezeichnet eine bewusste Setzung im musealen Kontext – eine »Bühne für Notwendiges«.
Ein begleitender Katalog zur Ausstellung mit Texten von Stephan Rößler, Johannes Krause-Schenk und Linde Unrein erscheint im Kopfsprung Verlag.