Mit zwei Standorten, drei programmatischen Schwerpunkten und rund 2.400 m2 Ausstellungsfläche gehört das Kunstmuseum Reutlingen zu den größten kommunalen Häusern für moderne und zeitgenössische Kunst im Südwesten Deutschlands. Im Kunstmuseum Reutlingen | Spendhaus, einem sechsgeschossigen Fachwerkgebäude, das als Getreidespeicher der Spendenpflege im Jahr 1518 errichtet wurde, werden seit der Museumsgründung 1989 Sammlungspräsentationen und Wechselausstellungen gezeigt. Im Fokus steht zum einen die Sammlung mit ihrem Schwerpunkt auf dem künstlerischen Holzschnitt und Hochdruck des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.
Wichtige Konvolute der Sammlung bilden Werke von Wilhelm Laage (1868–1930) und HAP Grieshaber (1909–1981). Die Schenkung der Sammlung Ziegler, die im Jahr 1954 an das Kunstmuseum übergeben wurde bildet mit ihren 1578 Papierarbeiten und 394 Gemälden von Renaissance bis Romantik den Grundstock der städtischen Kunstsammlung. 50 Jahre später übereignete der Hamburger Bauunternehmer Peter Kemna dem Kunstmuseum seine exquisite Holzschnittsammlung. Im Kunstmuseum Reutlingen | Spendhaus werden neben historischen und zeitgenössischen Positionen im Bereich Holzschnitt und Hochdruck monografische Ausstellungen und Gruppenausstellungen mit zeitgenössischen Künstler:innen gezeigt, deren Papier- oder Holzarbeiten das Medium um neue Aspekte erweitern. Auch die Ausstellungen der Preisträger:innen des international renommierten Jerg-Ratgeb-Preises werden im Spendhaus ausgerichtet.
Kunstmuseum Reutlingen Konkret
2017 nahm die Stadt Reutlingen die Schenkung umfassender Werkgruppen aus den Beständen der Stiftung für konkrete Kunst (gegründet 1987) sowie der hochkarätigen Privatsammlung von Manfred Wandel an – in deren Zusammenspiel Florian Illies einmal den »stillen Weltmarktführer im Bereich der konkreten Kunst« erkannt hatte. Bedingung der Schenker war es, dass von diesem wertvollen Konvolut ausgehend in den Wandel-Hallen (einer zentral gelegenen ehemaligen Metalltuch- und Maschinenbaufabrik) auf rund 1.000 Quadratmetern Fläche ein neuer eigenständiger Ausstellungsbetrieb etabliert werden soll. Zu diesem Zweck gründete die Stadt Reutlingen einen unabhängigen gemeinnützigen Betrieb gewerblicher Art (BgA), dessen Satzung insbesondere die Vermittlung konstruktiver, konkreter und konzeptioneller Kunstformen hervorhebt. Er trägt den Namen Kunstmuseum Reutlingen | konkret und ist organisatorisch dem Kunstmuseum Reutlingen angegliedert.
Seit seiner Gründung profiliert sich das Kunstmuseum Reutlingen | konkret unter der Leitung von Dr. Holger Kube Ventura einerseits durch Sammlungsausstellungen wie Arbeiten aus System (2018), Malereikonkrethochdrei (2019), und Gläserne Härten. Konkrete, generative und sonisch visionäre Kunst (2020), die thematisch fokussierte Querschnitte präsentieren. Andererseits zeichnet sich das Programm durch Einzelausstellungen international renommierter Künstler wie etwa des Spaniers Ignacio Uriarte (2019) oder des Belgiers Peter Buggenhout (2020) aus, sowie durch Gruppenausstellungen mit punktuellem Sammlungsbezug wie (2019/20), die jeweils andere, zeitgemäße Neufassungen des Begriffs »konkrete Kunst« vorschlagen. Somit wird erforscht, wie in der geschenkten Sammlung angelegte Entwicklungslinien ihre Fortsetzung in der Kunst der Gegenwart finden.
Veranstaltungen und Ausstellungen
Daniel von Alkier – Bastionstor. Kunst am Baugerüst
Das Spendhaus hat ein neues Gesicht auf Zeit – und zwar ein monumentales: Daniel von Alkiers 16 Meter hohe Linoldruckcollage Bastionstor (2025) verwandelt das Baugerüst an der Lederstraße in ein Fassadenkunstwerk. Im Frühjahr präsentierte das Kunstmuseum Elisa Lohmüller und Daniel von Alkier als Preisträger:innen des Holzschnitt-Förderpreises 2025. Dank des großen Erfolgs eines Spendenaufrufs und der großzügigen Aufstockung durch den Freundeskreis des Kunstmuseums konnte das utopische Projekt nach dem Ende der Ausstellung tatsächlich realisiert werden.
Daniel von Alkier entwickelt seine Bildwelten in Linoldruck-Collagetechnik auf Baumwollstoff durch wiederholtes Überdrucken, Drehen, Kombinieren und Überlagern. Seine Drucktechnik kombiniert das klassische Hochdruckverfahren Linolschnitt mit experimenteller Monotypie. In seinen Motiven verbindet er persönliche, architektonische und figurative Motive aus dem Alltag mit seiner Identitätssuche als queerer Künstler. Bildelemente wie das Tübinger Tor, die Stuttgarter Weissenhofsiedlung oder das Viadukt von Bietigheim-Bissingen fügen sich in dieses visuelle Tagebuch ein. Zuletzt nutzt er seine auf Gewebe gestempelten Vorlagen wie Bausteine, mit denen er die Wirkung von Räumen leichtfüßig verwandelt. Mit dem »weltgrößten Holzschnitt Reutlingens« hat er die Struktur der gesamten Museumsfassade in eine monumentale Portalsituation überblendet.
What You Get Is What You See – atelierJAK
JAK ist die an visueller Agnosie leidende Hauptfigur des umfangreichen Filmprojekts Soul Blindness, welche ohne festes Drehbuch von Ausstellung zu Ausstellung von dem Künstlerduo atelierJAK weiterentwickelt wird. Das Spendhaus wird nun zum Schauplatz einer völlig neuen Handlung und greift das zentrale Thema des Hauptcharakters auf, wie sich Menschen mit Seelenblindheit in der visuellen Alltagskultur unserer Gegenwart bewegen.
Durch sein Unvermögen, trotz intakter Sehfunktionen Objekte nicht erkennen zu können, wird JAK zu einer Stellvertreterfigur bei wahrnehmungspsychologischen und phänomenologischen Diskursen, die zentral in der künstlerischen Praxis von atelierJAK sind.

