Holle
Museum

Kunstmuseum Schloss Derneburg

Schlossstraße 1, 31188 Holle

Das Kunstmuseum Schloss Derneburg, ein Ausstellungsort der Hall Art Foundation, zeigt Ausstellungen zeitgenössischer Kunst für ein breites Publikum in einem einzigartigen historischen Ambiente. Die Geschichte des Schlosses in der Nähe von Hannover reicht beinahe eintausend Jahre zurück. Jahrhundertelang diente es als Nonnen- und später als Mönchskloster. Im 19. Jahrhundert ging es in den Besitz der Herzöge von Münster über, die den renommierten Hannoveraner Architekten mit einem Umbau zum Landsitz beauftragten. Der Künstler Georg Baselitz erwarb das Anwesen 1970 und nutzte es bis zum Verkauf 2006 etwa dreißig Jahre lang als Wohnhaus und Atelier. Seither wurden das Schloss und die benachbarte Domäne wiedervereint und umfassend saniert.

 

Heute ist es eines der größten öffentlich zugänglichen Museen im Privatbesitz in Europa mit Fokus auf zeitgenössischer Kunst.

 

Die Ausstellungen sind zugänglich nur im Rahmen von Führungen samstags und sonntags, 11 bis 16:30 Uhr.

Veranstaltungen und Ausstellungen

22.09.22 - Auf unbestimmte Zeit

Cuts into Space

Die Hall Art Foundation richtet die Gruppenausstellung »Cuts Into Space« mit über zwei Dutzend bedeutenden Gemälden und Skulpturen von Carl Andre, Alan Charlton, Michael Heizer, Ulrich Rückriem, Fred Sandback und Richard Serra aus. Die Künstler explorieren und experimentieren mit minimalistischen Prinzipien wie geometrischer Anordnung, Wiederholung, Raum und Leere. Sie verfolgen dabei ganz individuelle und spezifische Ansätze. Vereinfacht ausgedrückt entsteht ihr Werk erst in Relation zum umgebenden Raum. Der Titel der Ausstellung entstammt einem Zitat von Carl Andre: »NICHT ICH SCHNEIDE MEINE ELEMENTE ZU, MEINE ELEMENTE SIND SCHNITTE IN DEN RAUM« (I DO NOT CUT INTO MY ELEMENTS, MY ELEMENTS ARE CUTS INTO SPACE).

 

Carl Andre (geb. 1935) ist seit den Sechzigerjahren international als einer der führenden Vertreter des Minimalismus bekannt. Andres entwaffnend einfache geometrische Arrangements bestehen aus Fundstücken aus der Industrie. Dabei passt er ihre Form, sorgfältig in Raum und Umgebung ein. Die freistehende Skulptur Sulcus (1980) ist zusammengesetzt aus acht gleichgroß dimensionierten Blöcken aus Red-Cedar-Holz, die so aneinandergesetzt sind, dass eine insgesamt ausgewogene geometrische Struktur mit Räumen und Hohlräumen entsteht.

 

Einen ähnlichen Ansatz verfolgte Andre auch mit seiner Monumentalskulptur Cascade, die erstmals 1984 aufgestellt wurde. Das Werk besteht aus 550 gleichgroßen Betonblöcken, die in immer niedriger werdenden Reihen aufgestapelt sind. Dabei werden die Blöcke nicht auf Fuge gelegt, sondern akkurat auf Kante übereinandergestapelt, was der Gesamtstruktur eine inhärente Vulnerabilität verleiht. Im Gegensatz zu dem schweren und dichten Material suggerieren der Titel der Skulptur und ihre abwärts verlaufende Silhouette freie, fließende Bewegungen. In der Form ähnelt sie der Freitreppe vor einem griechischen Tempel, wie etwa dem Pergamon-Altar. Im Garten von Schloss Derneburg befindet sich Cascade zwischen dem Schloss und den Nebengebäuden und bietet so einen neuen Blick auf die benachbarten Felder.

 

Alan Charlton (geb. 1948) ist Konzeptkünstler und bekannt für seine methodischen Kompositionen aus grauen Leinwänden gleicher Größe. Durch die strengen äußeren Rahmenbedingungen, die er sich setzt - Keilrahmentiefe 4,5 cm, Baumwollleinwand und die Farbe Grau, widmen sich Carltons Arbeiten ganz der Frage nach Zusammenstellung, Räumlichkeit und Form. Untitled (1996) besteht aus sieben einfarbigen, horizontal angeordneten Tafeln in gleichem Abstand. Geometrische Balance ist das zentrale Element in Charltons Installationen. Seine Kompositionen entwickelt er in präzisen mathematischen Zeichnungen. Charlton trägt die Farbe auf seine Leinwände in mehreren Schichten auf und erzielt so einen einheitlichen Farbton, so dass die Form die Geste überwiegt. Mit einer Höhe von fast 2 Metern überragt Untitled den Betrachter und betont so noch die technische Leistung hinter dieser Ebenmäßigkeit. Es spiegelt den Anspruch der minimalistischen Bildhauer wider, Serien gleichgroßer Elemente zu produzieren ohne jegliche Intention einer Bildsprache.

 

Obwohl Michael Heizer (geb. 1944) hauptsächlich für seine monumentalen Landschaftsarbeiten bekannt ist, begann er seine Karriere mit geometrischen Leinwänden, die er mit Polyvinyllatex bemalte. Untitled No. 6(1974) ist ein vertikales Gemälde von über drei Metern Höhe. Ein altweißes Rechteck im Inneren wird begrenzt von einem dicken schwarzen, mit der Farbrolle aufgetragenen Band. Dadurch entsteht ein Rahmen, der den Fokus auf positive und negative Formen legt. Der Kontrast suggeriert eine Art Durchgang und lässt Themen Vorhandensein und Nichtvorhandensein anklingen, die sich konstant durch Heizers bildhauerische Praxis ziehen.

 

In seinen bildhauerischen Arbeiten wie 45° 90° 180° (#5) (1982) und Circle II (North Dakota) (1978) kombiniert Heizer natürliche Objekte vor Ort mit geometrischen Interventionen. In diesen Werken suggeriert die Zusammenstellung der geometrischen Formen unerklärliche Naturphänomene, die Sprache primitiver Zivilisationen oder greift Bilder aus zeitgenössischen Science-Fiction-Produktionen auf.

 

Der Bildhauer Ulrich Rückriem (geb. 1938) nutzt Steinmetztechniken, die seinen künstlerischen Prozess deutlich sichtbar werden lassen. Rückriem absolvierte eine traditionelle Steinmetzausbildung in Düren und schloss seine Lehre in der Kölner Dombauhütte ab. Nach einer Begegnung mit Carl Andre in New York begann Rückriem, Steinblöcke in seinen Skulpturen zu verarbeiten. Er erhält die Blöcke direkt aus dem Steinbruch und schneidet, spaltet und markiert sie auf vielfältige Weise, bis die Einzelteile ein neues Ganzes ergeben. Untitled (1987) besteht aus verschiedenen Granitblöcken, die aus derselben Steinplatte gehauen und neu zusammengesetzt wurden. Die Komposition wird dabei nur durch das Gewicht der einzelnen Blöcke stabilisiert und erinnert so an frühe Methoden des Wandbaus. Durch das geometrische Muster der für die Bearbeitung erforderlichen Bohrlöcher wird die natürliche Struktur und Farbe des Steins noch betont.

 

Die Außenskulptur Untitled (1986) vereint drei vertikale Granitblöcke auf einem horizontalen Block. Auch hier sind die Bearbeitungsspuren bewusst sichtbar gelassen, und so zeigt Untitled alle vier Bearbeitungstechniken des Steinmetzhandwerks: Spalten, Schneiden, Schleifen und Polieren. Die vertikalen Blöcke sind dabei so angeordnet, dass in der Mitte eine Nische entsteht. Möglicherweise erinnert sie an ein spirituelles Inneres.

 

Fred Sandback (1943–2003) ist besonders bekannt für die Verwendung von zarten Materialien wie Garn oder Zwirn. Damit erschafft er dreidimensionale Zeichnungen, bei denen der Ausstellungsort und die Umgebung eine wichtige Komponente darstellen. In der Installation Untitled (Four-part Construction) (ca. 1981–82) richtet Sandback vier Konstruktionen aus Zwirn in verschiedenen Formen an einer geraden Linie aus. Zwei der Konstruktionen, die vom Boden bis zur Decke reichen, werden von einfachen vertikalen Linien durchbrochen. Die Verwendung von verschiedenfarbigem Zwirn (blau, gelb, orange und schwarz) gleicht die Zartheit des dünnen Materials aus und differenziert zwischen den einzelnen Konstruktionen. Im Gegensatz zu den minimalistischen Künstlern, die mit schweren Materialien arbeiten, ist Sandbacks Materialeinsatz sehr sparsam, sowohl in Bezug auf den Ressourcenverbrauch als auch auf das Materialvolumen, und doch füllt auch er damit den Raum.

 

Während seiner gesamten Laufbahn hat Richard Serra (geb. 1938) Zeichnungen angefertigt, die in Beziehung zu den monumentalen Skulpturen stehen, für die er bekannt ist. Die Zeichnung St. Louis I (1982) verweist auf das Gewicht der Installation aus Cor-Ten-Stahlplatten, die Serra für einen Stadtpark in St. Louis entwickelt hat. Durch den dichten Farbauftrag und den freigelassen linken Rand mit den diagonal abgeschnittenen Ecken suggeriert die einfache und abstrakte Form von St. Louis I zugleich Leere und undurchdringliches Hindernis. Beides Eigenschaften, mit denen auch Serras großformatige Skulptur beschrieben wurde.

07.04.23 - Auf unbestimmte Zeit

Baselitz im Atelier

Die Hall Art Foundation freut sich, eine Ausstellung des renommierten deutschen Künstlers Georg Baselitz ankündigen zu dürfen, die am 7. April 2023 im Kunstmuseum Schloss Derneburg eröffnet und anlässlich des 85. Geburtstags des Künstlers präsentiert wird. Sie ist die erste aus einer Reihe von Baselitz-Ausstellungen der Sammlung Hall, die auf Schloss Derneburg gezeigt wird, welches bis zu seinem Verkauf an Andy und Christine Hall, den Gründern der Hall Art Foundation, im Jahr 2006 rund 32 Jahre lang Baselitz' Wohnsitz und Atelier war.

 

Baselitz im Atelier umfasst rund zwei Dutzend Gemälde und eine Skulptur, die zu den letzten Arbeiten des Künstlers gehören, die dort in den letzten fünf, sechs Jahren vor dem Verkauf von Schloss Derneburg fertiggestellt wurden. Die Arbeiten werden dort ausgestellt, wo sie entstanden sind, im sogenannten »Neuen Atelier«, einem von Steib+Steib Architekten aus Basel entworfenen Gebäude, das Baselitz Mitte der 1990er Jahre in Auftrag gab und das sich im Park neben dem historischen Schlossgebäude befindet. Während Baselitz Ateliers und Werkstätten in verschiedenen Teilen des Schlosses unterhielt, wurde das neue Gebäude für die nächsten zehn Jahre zu Baselitz’ Hauptatelier für Malerei und Bildhauerei. Nun wurde es zum Ausstellungsraum für das Kunstmuseum Schloss Derneburg umfunktioniert. Die Hall und Hall Art Foundation Sammlungen umfassen über 400 Gemälde, Skulpturen, Arbeiten auf Papier und Druckgraphiken von Baselitz, die sein sechzigjähriges Schaffen umfassen.

 

Baselitz trat Anfang der 1960er Jahre als ein Vorreiter einer expressiven Malerei in Deutschland hervor. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, war er sieben Jahre alt. Aufgewachsen auf dem Land in Sachsen, waren seine malerischen Anliegen geprägt von den Erfahrungen des Erwachsenwerdens im Nachkriegsdeutschland. Er suchte die Auseinandersetzung mit der Frage, was es bedeutete, in der Zeit nach dem Krieg Deutscher und deutscher Künstler zu sein.

 

Georg Baselitz ist wahrscheinlich am besten für seine 1969 entstandenen Gemälde mit »auf dem Kopf stehenden« Figuren, Tieren, Landschaften und Stillleben bekannt. Indem er diese klassischen figurativen Motive auf den Kopf stellte, lenkte Baselitz den Blick des Betrachters auf die abstrakten Eigenschaften seiner Kompositionen und nicht auf deren gegenständliche, erzählerischen Aspekte. Seine neuartige Mischung aus Repräsentation und Abstraktion, für die er sich vielfältig inspirieren ließ, ermöglichte es ihm, die konkurrierenden Ästhetiken von Ost- und Westdeutschland, die zu dieser Zeit vorherrschten, miteinander zu verbinden. Über sein Konzept der Umkehrung sagte Baselitz: »Ich muss alles nehmen, was bisher Gegenstand der Malerei war - zum Beispiel die Landschaft, das Porträt und den Akt - und es auf den Kopf stellen. Das ist der Weg, die Darstellung vom Inhalt zu befreien.«

 

Die sächsische Landschaft seiner Kindheit verwendet Baselitz als Motiv seither und sie nimmt eine zentrale Stellung in seinem Werk ein. In Über das Wasser (2004) stellt Baselitz mit gestischen und spontanen Momenten heller, transparenter Farbe die umgekehrte untere Hälfte einer Figur dar, die am Eingang eines Waldweges steht. Die Beine schweben kopfüber vor der Kulisse eines Teiches und eines blassen Waldes. Die Darstellung eines Beinfragments, insbesondere eines Fußes (manchmal in einem Schuh), ist seit den 1960er Jahren ein wichtiges Element in Baselitz' Bildern und kann oft als Selbstreferenz interpretiert werden.

 

Lagerplatz (1998-2005) zeigt ein Paar umgedrehter und abgetrennter Beine, die in einem abstrakten Farbfeld schweben, und auch in der Skulptur Pace Piece (2003) verwendet Baselitz das Bild eines Beins und Fußes. Mehrere von Baselitz’ »Fuß«-Gemälden und -Skulpturen entstanden in direkter Reaktion auf eine Fotografie des Künstlers Edvard Munch, auf der der ältere Künstler auf einem Stuhl in seinem Atelier sitzt. Auf diesem Foto ist Munchs Körper unterhalb der Knie abgeschnitten. Es ist dieser imaginierte Teil von Munchs Körper, den Baselitz in seine eigenen Kompositionen einzubeziehen begann.

 

Eine Gruppe großformatiger Tondi zeigt den Künstler zusammen mit seiner Frau Elke, sein beständigstes Sujet, das er im Laufe seiner Karriere immer wieder malte. In Werken wie Maria und Franz Marc (2002) sind die Figuren nicht naturalistisch im Raum positioniert, sondern schweben in einem Feld aus Farben und Mustern, das sowohl Vordergrund als auch Hintergrund ist. Die gestischen Passagen aus leuchtenden, transparenten Farben, die ein wenig an Aquarellmalerei erinnern, sind typisch für Baselitz’ damaliges Werk

 

In Prierelied (2002) erkundet Baselitz das Thema des einsamen Reiters. In den Gemälden dieser »Cowboy«-Serie bezieht sich Baselitz auf das Werk von Persönlichkeiten des späten 19. Jahrhunderts wie Richard Wagner und den romantischen Wildwest-Autor Karl Friedrich May, die beide, wie Baselitz, aus Sachsen stammen. May und Wagner setzten sich in ihren Werken jeweils mit dem psychologischen Kampf des Einzelnen und dem Kampf zwischen Gut und Böse auseinander. Baselitz spiegelt diese widersprüchlichen Vorstellungen von menschlicher Identität in seinen Cowboy-Bildern wider und setzt sie in Beziehung zu den noch immer aktuellen Herausforderungen der politischen Versöhnung in einem vereinten Deutschland des 21. Jahrhunderts. Das gespiegelte Bild des Pferdes und des Reiters wird durch den Hintergrund besonders auffällig, der durch die Verwendung von silberner Farbe fast verflacht oder, in den Worten des Künstlers, »weggespiegelt« ist.

 

Hans-Georg Kern, einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit, wurde 1938 in dem sächsischen Dorf Deutschbaselitz geboren. Im Jahr 1961 nahm er den Namen Georg Baselitz an, in Anlehnung an seinen Geburtsort. Baselitz stellt sein Werk seit Jahrzehnten international aus und hat an zahlreichen wichtigen Gruppenausstellungen in aller Welt teilgenommen, darunter A New Spirit in Painting, kuratiert von Norman Rosenthal für die Royal Academy of Art in London (1981), Zeitgeist im Martin-Gropius-Bau, Berlin (1982), sowie an der der documenta (1972, 1982) und der Biennale in Venedig (1980, 1993, 2003, 2007, 2015). Seit seiner ersten Soloausstellung 1963 in der Galerie Werner & Katz in Berlin hatte er wichtige Einzelpräsentationen, darunter eine vom Guggenheim Museum, New York, organisierte Retrospektive, die im Los Angeles County Museum of Art, im Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington D.C., und in der Nationalgalerie Berlin (1995-96) gezeigt wurde, gefolgt von einer großen Ausstellung im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris (1996). Baselitz' Remix-Zyklus wurde erstmals in der Pinakothek der Moderne, München (2006), und in der Albertina, Wien (2007), präsentiert, im selben Jahr wie seine Retrospektive in der Royal Academy of Arts, London (2007). Eine umfassende Übersicht über Baselitz' Skulpturen wurde im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris (2011 - 2012) gezeigt, gefolgt von Einzelausstellungen in der Albertina, Wien (2013), und im Haus der Kunst, München (2014). Baselitz’ »Heldenbilder« und »Neue Typen« wurden 2016 im Städel Museum, Frankfurt, erstmals fast umfänglich gezeigt und wanderten weiter is Moderna Museet, Stockholm, in den Palazzo delle Esposizioni, Rom, und das Guggenheim Bilbao. 2018 fanden umfassende Einzelausstellungen in der Fondation Beyeler, Basel, im Hirshhorn Museum, Washington, D.C., und im Musée Unterlinden, Colmar, Frankreich, statt. In jüngster Zeit wurden wichtige Einzelausstellungen seines Werks in der Gallerie dell'Accademia, Venedig, Italien (2019), im Centre Pompidou, Paris, (2021–22), im Museo di Palazzo Grimani, Venedig, (2021–22) und in der Morgan Library & Museum, New York (2022), präsentiert. 2023 werden Ausstellungen von Baselitz’ Werk u.a. in der Pinakothek der Moderne, München, in der Albertina, Wien, und im Kunsthistorischen Museum Wien, zu sehen sein. Baselitz lebt und arbeitet derzeit an drei verschiedenen Orten: Am Ammersee in Bayern, bei Salzburg, in Österreich und in Imperia in Ligurien, Italien. Seine Werke sind in institutionellen Sammlungen auf der ganzen Welt zu finden.

23.09.23 - Auf unbestimmte Zeit

Markus Lüpertz – In den Gräben

Das Kunstmuseum Schloss Derneburg freut sich, eine Ausstellung mit Arbeiten auf Papier des deutschen Künstlers, Dichters und Musikers Markus Lüpertz ankündigen zu dürfen, der zu den wichtigsten und einflussreichsten Künstler:innen der deutschen Nachkriegszeit zählt. Die Ausstellung zeigt rund 40 frühe Arbeiten, die sich auf das Schaffen des Künstlers zwischen 1964 und 1976 konzentrieren, und zeichnet die Entwicklung von Lüpertz’ idiosynkratischer Ikonografie nach. Lüpertz, der vor allem für seine großformatigen Gemälde und Skulpturen bekannt ist, hat im Laufe seiner sechs Jahrzehnte währenden Karriere Tausende von vorbereitenden Zeichnungen angefertigt. Diese Übersicht, die berühmte Motive wie Donald Duck, Eisenbahnschienen, Baumstämme und Soldaten umfasst, ermöglicht einen intimen Überblick über einige von Lüpertz’ wichtigsten Themen und zeigt Werke, die seit mehr als vierzig Jahren nicht mehr öffentlich ausgestellt wurden.

 

Lüpertz zog 1962 im Alter von 21 Jahren nach West-Berlin. Kurz darauf entwickelte der Künstler einen Ansatz zur Bildgestaltung, der auf der lyrischen Gattung des »Dithyrambus« basiert, einer von Nietzsche wiederbelebten antiken Chorlyrik, die sich auf Hymnen zu Ehren des griechischen Gottes Dionysos bezieht, die als leidenschaftlich oder ekstatisch charakterisiert werden.  Die Methode betonte die Spontaneität und rahmte Lüpertz’ Herangehensweise an Bilder als ein poetisches Unterfangen, das der literarischen Form ähnelt. Der Künstler veröffentlichte 1966 das »Dithyrambische Manifest«, in dem er bekanntlich feststellte: »Die Anmut des 20. Jahrhunderts wird durch die von mir erfundene Dithyrambe sichtbar gemacht.« Lüpertz’ Verbindung der Abstraktion der Ära des Kalten Krieges mit Mainstream-, kommerziellen oder banalen Themen bleibt die Grundlage seines intellektuellen Ansatzes für Malerei und Skulptur.

 

Im Vorfeld einer Ausstellung in Köln im Jahr 1969 besuchte Lüpertz einen Abschnitt der Siegfried-Linie in einem ländlichen Gebiet an der Westgrenze der BRD. Die als »Westwall« bezeichnete befestigte Grenze aus Bunkern, trapezförmigen Panzersperren und verlassenen Panzern ist heute noch teilweise vorhanden. Auf der Zeichnung Ohne titel – dithyrambisch (ca. 1970) weidet eine Schafherde vor einem Bauernhaus mit einem schwarzen, dreieckigen Strohdach.  Die Form der Ställe erinnert an die Sichtbehinderung durch die Siegfried-Linie, die, von oben betrachtet, wie eine das Gelände durchschneidende Eisenbahnlinie aussieht. Indem Lüpertz’ Zeichnungen pastorale Landschaften und von Menschen gemachte Eingriffe gegenüberstellen, deuten sie auf verschiedene sich überschneidende Geschichten hin, die mit landwirtschaftlichen Initiativen, militärischen Interventionen und nationaler Propaganda zu tun haben.

 

Des Weiteren zeigt die Ausstellung Zeichnungen, die während der Vorbereitungen zur ersten Berlin Art Biennale 1974 entstanden sind, die Lüpertz mitbegründete. In einer Reihe von Studien, darunter Schwarz-Rot-Gold (um 1974), kombiniert Lüpertz seine Stillleben- und Landschaftskompositionen und ordnet Symbole in einer vertikalen Form an, die die abwesende Figur eines Soldaten suggeriert. Anstelle der Figur bleiben die Requisiten: Helm, Holzrad, Spaten und Rüstung, die auf dem Feld zurückgelassen wurden. Das Hauptthema dieser Serie, die später in großformatigen Gemälden umgesetzt wird, wirft Fragen zur individuellen Identität innerhalb ideologischer Konstruktionen auf.

 

Ergänzt wird diese umfassende Präsentation von Zeichnungen durch wichtige Gemälde, darunter Arrangement für eine Mütze (1973), in dem Lüpertz verschiedene Elemente in einem stilllebenartigen Arrangement in einer natürlichen, aber surrealen Landschaft übereinanderlegt. Zu den erkennbaren Formen gehören eine Wehrmachtsmütze, eine Malerpalette, eine Gitarre und ein in die zurückliegenden Hügel eingebettetes Schneckenhaus. Die Symbole haben verschiedene Konnotationen, die Gitarre beispielsweise wird in der Kunstgeschichte sowohl mit Picassos kubistischen Collagen als auch mit der weiblichen Form in Verbindung gebracht. Indem Lüpertz einen Wehrmachtshut in eine kubistische Komposition einbaute, nahm er direkt Bezug auf einen Stil, der von der nationalsozialistischen Partei als »entartet" verurteilt wurde. Diese Auseinandersetzung mit dem Thema wurde zu der Zeit häufig als neofaschistisch empfunden, ein Vorwurf, der Lüpertz und seinen Zeitgenossen, darunter Georg Baselitz, A.R. Penck, Gerhard Richter und Anselm Kiefer, die sich mit ähnlichen Fragen beschäftigten, entgegenschlug. Rückblickend war es das Engagement all dieser Künstler:innen für performative und/oder illustrative Tabus, das eine Versöhnung mit der Nachkriegsidentität durch eine neue Künstler:innengeneration erzwang.

 

Markus Lüpertz (*1941, Böhmen) lebt und arbeitet in Berlin und Düsseldorf, Deutschland. Sein Werk wurde seit 1973 in zahlreichen Ausstellungen gezeigt, darunter in jüngster Zeit im Haus der Kunst, München; Palazzo Loredan, Venedig; im Hirshhorn Museum und in der Phillips Collection, Washington DC; Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn; Gementeemuseum, Den Haag, und im Hermitage State Museum, St. Petersburg.

19.04.25 - Auf unbestimmte Zeit

The Passion – Redux

Das Kunstmuseum Schloss Derneburg freut sich, eine Neuauflage der Gruppenausstellung THE PASSION: Redux ankündigen zu dürfen, die sich mit christlicher Ikonographie und biblischen Erzählungen in zeitgenössischer Kunst auseinandersetzt. Die im Kreuzgang des ehemaligen Klosters installierte Ausstellung wurde erstmals 2019 in Anerkennung der Geschichte Schloss Derneburgs eröffnet. THE PASSION: Redux schöpft weitgehend aus der Sammlung Hall und umfasst etwa 115 Werke verschiedener Künstler:innen, die die Dramatik der christlichen Erzählungen hervorheben und gleichzeitig ernste, exzentrische, feierliche und sardonische Ansätze zu diesen Themen in der heutigen Zeit betrachten.

 

Die ursprüngliche Wehranlage, die fast 1000 Jahre zurückdatiert, war jahrelang in kirchlichem Besitz und beherbergte verschiedene Nonnen- und Mönchsorden, vor allem unter der Ägide des Hildesheimer Bischofs. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde Derneburg zu einem großen und erfolgreichen Zisterzienserkloster. Die heute vorhandene Bausubstanz stammt vorrangig aus dieser Zeit – auch wenn sie nach einer anschließenden Säkularisierung teils verändert wurde.

 

THE PASSION: Redux fokussiert in erster Linie die Figuration. Die Kreuzigung ist mit einer fotorealistischen, lebensgroßen Skulptur von John De Andrea, einer monumentalen Gemäldegruppe von Georg Baselitz, die die Kreuzwegstationen dokumentiert, sowie einer großen Skulptur aus Holz und Gips von Rachel Feinstein vertreten. Die Aneignung von Bildern aus der Kunstgeschichte zusammen mit biblischen Erzählungen umfasst Beiträge von Dahn Vo (Ghetti, Caravaggio, Gentileschi), Marisol (Mantegna) und Jacqueline Salmon (Van Der Weyden, Bosch, Cranach).

 

Die spannende Kombination von alten und neuen Medien mag für einige Besucher:innen überraschend sein. Vier kürzlich restaurierte Altartafeln des Meisters der Hildesheimer Madgalene-Legende aus dem 15. Jahrhundert werden zusammen mit Damien Hirsts Rehab is for Quitters (1998–99), einer kinetischen Skulptur aus Glas, Stahl und Aluminium, gezeigt. Beide Werke werden von einer verkörperten Moral getrieben, obwohl zwischen ihrer Entstehung mehrere Jahrhunderte liegen. In ähnlicher Weise stellt die Ausstellung eine katalanische Holzkreuzigung aus dem 13. Jahrhundert zeitgenössischen Interpretationen des Kreuzes durch Gerhard Richter, Richard Artschwager und Yoshimoto Nara gegenüber. Während einige Darstellungen formal konzentriert sind, sind andere satirisch, darunter ein Selbstporträt von Martin Kippenberger als gekreuzigter Frosch.

 

Die Ausstellung wird parallel zu einer langjährigen Dauerausstellung des österreichischen Künstlers Hermann Nitsch gezeigt, der die Räume 2011 selbst einrichtete. Die Präsentation von Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und großformatigen, mehrteiligen Installationen im verbliebenen Teil der ehemaligen Kirche des Gebäudes würdigt das Werk des 2022 verstorbenen Wiener Aktionisten.

 

THE PASSION: Redux wird durch die begleitende Ausstellung THE PASSION: Werke der Sammlung Hall ergänzt, die vom 14. März bis 1. Juni 2025 im Dommuseum Hildesheim zu sehen ist und wichtige Leihgaben von Künstler:innen wie Niki de Saint Phalle und Gilbert & George sowie Werke aus der ständigen Sammlung umfasst.

 

THE PASSION: Redux umfasst Werke von u.a.: Richard Artschwager, Dan Attoe, Georg Baselitz, Jake & Dinos Chapman, Francesco Clemente, John De Andrea, Niki de Saint Phalle, Rachel Feinstein, Eric Fischl, Dan Flavin, Lucio Fontana, Jorge Galindo, Meister der Hildesheimer Magdalenenlegende, Damien Hirst, Jonathan Horowitz, Edward Kienholz, Martin Kippenberger, Guillermo Kuitca, David LaChapelle, Robert Longo, Markus Lüpertz, Robert Mapplethorpe, Marisol, Otto Muehl, Helmut Newton, Justin Liam O'Brien, Alessandro Pessoli, Jack Pierson, Arnulf Rainer, Anselm Reyle, Jacqueline Salmon, Wilhelm Sasnal, Julian Schnabel, Andres Serrano, Peter Stauss, Erich Steininger, Tony Tasset, Bill Viola, Danh Vo und Andy Warhol.

31.05.25 - Auf unbestimmte Zeit

Nicole Eisenman – Schloss Lyfe

Das Kunstmuseum Schloss Derneburg freut sich, eine Überblicksausstellung der amerikanischen Künstlerin Nicole Eisenman ankündigen zu dürfen, die zusammen mit einer neuen Dauerinstallation von Bronzeskulpturen auf dem Gelände des Kunstmuseums gezeigt wird. Nicole Eisenman: Schloss Lyfe ist nach einer Zeichnung benannt, die während eines Besuchs in Derneburg im Jahr 2017 entstanden ist. Die Ausstellung umfasst rund 85 Gemälde, Skulpturen und Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Hall, einschließlich der monumentalen Gipsskulpturen, von denen die Bronzen gegossen wurden.

 

Die 1965 in Verdun, Frankreich, geborene und heute in New York lebende Künstlerin arbeitet in den Bereichen Malerei, Skulptur, Zeichnung, Druckgrafik und Installation und stellt seit über 20 Jahren regelmäßig in Deutschland aus. Ihr Werk ist eine Antwort auf die schwierige Navigation progressiver Ideale inmitten der unsicheren politischen Landschaft Amerikas, die zunehmend autoritär zu werden droht. Bei aller technischen Virtuosität sind Eisenmans unerschütterliche Werte zutiefst persönlich, sozial und autobiografisch, mit einem scharfsinnigen Sinn für Humor und einer Ehrfurcht vor Sprache und Literatur.

 

Mithilfe einer Energie, die sie aus informellen Skizzen, kollaborativen Performances, ortsspezifischen Installationen und Wandmalereien schöpfte, hat Eisenman sowohl die Historienmalerei als auch die figurative Skulptur neu definiert. Mehr als ein Dutzend Gipsskulpturen, die während eines Aufenthalts im Studio Voltaire in London entstanden, waren radikal in der Wirtschaftlichkeit ihrer Konstruktion und erhoben gleichzeitig einen alltäglichen Anspruch auf das Monumentale. Spätere Beispiele, darunter Inhaling Object Symbol Guy (2013), verdeutlichen Eisenmans spielerischen Umgang mit dem Material, einen sinnlichen Ansatz für Körper und Gesten sowie eine erfindungsreiche Symbolik, die die Fluidität von Geschlecht und menschlichen Beziehungen einbezieht.

 

Die Gips- und Bronzeskulpturen werden neben mittlerweile ikonischen Gemälden ausgestellt, darunter Beer Garden with Ulrike and Celeste (2009), From Success to Obscurity (2004) und It is so (2014). Die Ausstellung umfasst zudem wichtige Arbeitsbeispiele aus den 1990er Jahren, darunter Zeichnungen, Teile von zerlegten Installationen und satirische Reaktionen auf amerikanische Ereignisse und Kultur.

 

Die 45 Monotypien umfassende Serie Untitled (2011-12), die erstmals auf der Biennale des Whitney Museums gezeigt wurde, wird selten zusammen ausgestellt. Die gesamte Präsentation bietet die Gelegenheit, die Bandbreite an Erzählungen und Techniken, die Eisenmans Rolle als eine der erfindungsreichsten und einfühlsamsten Künstler:innen der Gegenwart unterstreicht, aus nächster Nähe zu betrachten.

 

Nicole Eisenman ist Stipendiatin der MacArthur Foundation (2015) und Mitglied der American Academy of Arts and Letters (2018). Zu ihren jüngsten Einzelausstellungen gehören »What Happened« im Museum Brandhorst, München, Deutschland (2023), die zur Whitechapel Gallery, London, Vereinigtes Königreich (2023) und zum MCA Chicago, Chicago, IL (2024) wanderte; »Heads, Kisses, Battles: Nicole Eisenman and the Moderns« in der Kunsthalle Bielefeld, Bielefeld, Deutschland (2021), die an das Aargauer Kunsthaus, Aarau, Schweiz (2022), die Fondation Vincent Van Gogh, Arles, Frankreich (2022), und das Kunstmuseum Den Haag, Niederlande (2022), ging; »Giant Without a Body« im Astrup Fearnley Museet, Oslo, Norwegen (2021); »Sturm und Drang« im Contemporary Austin, Austin, TX (2020); und »Baden Baden Baden«, in der Staatlichen Kunsthalle, Baden-Baden, Deutschland (2019).

16.05.26 - Auf unbestimmte Zeit

Georg Baselitz – Zeit für neue Helden

Die Ausstellung, die als wechselnde Präsentation von Druckgrafiken des renommierten deutschen Künstlers konzipiert wurde, zeigt zu ihrer Eröffnung um die 70 Holzschnitte und Radierungen, die zwischen 1964 und 2008 entstanden sind.

 

Das Kunstmuseum Schloss Derneburg freut sich, die Ausstellung Georg Baselitz: Zeit für neue Helden ankündigen zu dürfen. Zu sehen ab 16. Mai 2026, zeigt die Ausstellung, die als wechselnde Präsentation von Druckgrafiken des renommierten deutschen Künstlers konzipiert wurde, zu ihrer Eröffnung um die 70 Holzschnitte und Radierungen, die zwischen 1964 und 2008 entstanden sind. Ergänzt werden die Arbeiten durch Beispiele aus Malerei und Zeichnung. Die erstmalig in den 1960er Jahren auftretenden zentralen Motive, die sich in Baselitz' alleinstehenden Neuen Typen und Helden-Figuren finden, entwickelte er über sechs Jahrzehnte in der Druckgrafik meisterhaft weiter. Zeit für neue Helden veranschaulicht die Bandbreite seiner Innovation in Technik, Maßstab und Farbe. Anlässlich der Ausstellung öffnet das Kunstmuseum Schloss Derneburg erstmals das Untergeschoss des sogenannten »Neuen Ateliers«, das Baselitz 10 Jahre lang als Druckwerkstatt diente. Die Ausstellung komplementiert die Langzeitpräsentation Baselitz im Atelier im Erdgeschoss des Gebäudes.

 

In einem Interview mit Ulrich Weisner, durchgeführt in Derneburg am 22. August 1989, erinnert sich Baselitz: »Ich habe Holzschnitte immer dann gemacht, wenn für mich die Notwendigkeit bestand, ein Bild, eine Bildidee, die ich entwickelt hatte und die in Bildern manifest war, in einer endgültigen Form zu präzisieren.« Obwohl Baselitz ursprünglich als Maler Bekanntheit erlangte, behielt er den Anspruch, seinen Stil in fluidem Austausch zwischen Malerei, Zeichnung, Bildhauerei und Druckgrafik weiterzuentwickeln. Die Verbindung der Prozesse und Herausforderungen der jeweiligen Disziplin beeinflussen dabei seine allgemeine Praxis. Durch die Arbeit in diesem historisch reichen, fast überholten und technisch anspruchsvollen Handwerk der Radierung und des Holzschnitts positioniert sich Baselitz als vielseitiger zeitgenössischer Außenseiter innerhalb einer historischen Tradition, zu der unteranderem Albrecht Dürer, Pontormo, die Schule von Fontainebleau und Edvard Munch gehören. Mit jeder Übung und jeder Innovation bezeugt Baselitz eine lebenslange Treue zur Druckgrafik und eine sisyphusartige Hingabe an eine schwer zu fassende ›finale Form‹.

 

Während eines zweimonatigen Aufenthalts auf Schloss Wolfsburg 1964 fertigte Baselitz erstmals eine Reihe kleinformatiger Weichgrundradierungen an, die seine zentralen Motive präzisierte. Aus weichen und rauen Linien zusammengesetzte, gefallene oder zerzauste Gestalten, die seine Zinkplatten in den folgenden Jahren bevölkerten, wurden von der Kritik als »Helden« bezeichnet. Die Arbeit Ohne Titel (Typ)/Grüner am Baum (1965) zeigt einen isolierten Mann in zerrissener Kleidung und breitem Stand mit ausgestreckten Armen innerhalb einer wüsten Landschaft.

 

Mit der Serie Remix '65/66 (2008) nimmt Baselitz durch Titel und Motiv Bezug auf seine frühen Drucke. Das in unnatürlich leuchtenden Farben grundierte Papier bildet einen energiegeladenen Untergrund für das Motiv im Negativ. Der enge Zuschnitt der Figur und die Verschiebung der Form ab der Taille in Maler im Mantel – drei Streifen (2008) erinnert an die sogenannten Fraktur-Bilder des Künstlers, ein kompositorisches Element, das er 1966 entwickelte und welches später zur Umkehrung seiner Motive führte.

 

Die frühen Holzschnitte, die Baselitz nach dem Umzug aus Berlin in seinem Wohnsitz und Studio in Osthofen anfertigte, sind beispielhaft für seine ersten Versuche des Weißlinienschnitts. Exemplarisch dafür ist die Arbeit Der neue Typ (1966), die das Verfahren durch eine in Braun gedruckte, massige Figur vor einem Hintergrund aus gewundenen Linien veranschaulicht. Nach seinem Aufenthalt in der Villa Romana 1965 verstärkte sich Baselitz' Interesse an manieristischen Drucken und Techniken, wobei ihm die Hell-Dunkel-Elemente der Chiaroscuro-Holzschnitte als Inspiration dienten.

 

Der intensiven, körperlich anstrengenden Arbeit zur Vergrößerung seiner Motive nahm er sich erstmals 1977 und erneut in den 1990er Jahren an. Ein zwei Meter hoher Holzschnitt mit dem Titel 32 Punkte (1991) entspricht in seiner Größe den Gemälden des Künstlers aus der Zeit, während die Maserung des Holzblocks im grünen Hintergrund sichtbar bleibt. Die Ergänzungen in Schwarz fügt Baselitz durch die Nutzung eines zweiten Holzblocks hinzu, indem er das Motiv ohne Vorzeichnung direkt in das Holz schneidet.

 

In dem Gemälde Ein Roter (Remix) (2005) spiegelt eine verzweifelt blickende, rot uniformierte Figur mit offenem Mund, umgeben von einem größtenteils roten Feld, die auf wenige Farbflächen beschränkten traditionellen Drucke. Der weiße Rahmen erinnert möglicherweise an die Ränder des Papiers. Die Kaltnadelradierung Der neue Typ (2006) unterscheidet sich in ihrer Größe drastisch. Sie zeigt den zyklisch wiederkehrenden »Helden« in Uniform mit ausgestreckten Armen aus deutlich feineren, sich überlagernden Linien, die auf dem leuchtend gelben Hintergrund hervortreten.

 

Hans-Georg Kern, einer der wichtigsten deutschen Künstler:innen der Nachkriegszeit, wurde 1938 im sächsischen Deutschbaselitz geboren. 1961 nahm er den Namen Georg Baselitz in Hommage an seinen Geburtsort an. Seine Werke werden seit Jahrzehnten international ausgestellt. Zu den wichtigsten Einzelausstellungen zählt die vom  Guggenheim Museum, New York, organisierte Retrospektive, die im Los Angeles County Museum of Art, Hirshhorn Museum und Sculpture Garden, Washington, D.C., sowie in der Nationalgalerie Berlin (1995–96) zu sehen war, gefolgt von einer umfassenden Ausstellung im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris (1996). Georg Baselitz' Remix-Zyklus wurde erstmals in der Pinakothek der Moderne, München (2006), und im Albertina, Wien (2007), präsentiert. Im selben Jahr fand eine Retrospektive in der Royal Academy of Arts, London (2007) statt. Eine Überblickspräsentation der Skulpturen des Künstlers zeigte das Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris (2011–12), gefolgt von einer Einzelausstellung im Albertina, Wien (2013), und im Haus der Kunst, München (2014). Baselitz’ Helden-Bilder und Neue Typen wurden erst im Städel Museum, Frankfurt (2016), ausgestellt und wanderten anschließend zum Moderna Museet, Stockholm; zum Palazzo delle Esposizioni, Rom; und zum Guggenheim Bilbao. 2018 fanden umfassende Einzelausstellungen in der Fondation Beyeler, Basel, im Hirschhorn Museum, Washington, D.C., und Musée Unterlinden, Colmar, Frankreich, statt. Zuletzt wurden bedeutende Einzelausstellungen seiner Werke in der Gallerie dell'Accademia in Venedig, Italien (2019), im Centre Pompidou in Paris, Frankreich ( 2021–22), Museo di Palazzo, Grimani in Venedig, Italien (2021–22), The Morgan Library & Museum, New York, NY (2022), Kunsthistorischen Museum, Wien (2023), Serpentine Gallery, London (2023), Sakıp Sabancı Museum, Istanbul (2024), KODE Bergen und im Museo de Bellas Artes de Bilbao (2025), Museo Novecento, Florenz (2026) sowie im MdM Salzburg (2026) präsentiert. Baselitz lebt und arbeitet am Ammersee in Bayern, in der Nähe von Salzburg, Österreich, und in Imperia, Italien. Seine Werke befinden sich in institutionellen Sammlungen auf der ganzen Welt.

16.05.26 - Auf unbestimmte Zeit

Konferenz – Baselitz, Immendorff, Lüpertz, Penck

Mit über 50 bedeutenden Werken von Georg Baselitz, Jörg Immendorff, Markus Lüpertz und A.R. Penck vereint die Ausstellung vier gefeierte deutsche Nachkriegskünstler, die sich in einer Zeit politischer Zerrissenheit auf einzigartige, bahnbrechende Weise mit der nationalen Identität auseinandersetzten.

 

Das Kunstmuseum Schloss Derneburg freut sich, die Gruppenausstellung Konferenz: Baselitz, Immendorff, Lüpertz, Penck ankündigen zu dürfen. Mit über 50 bedeutenden Werken von Georg Baselitz, Jörg Immendorff, Markus Lüpertz und A.R. Penck vereint die Ausstellung vier gefeierte deutsche Nachkriegskünstler, die sich in einer Zeit politischer Zerrissenheit auf einzigartige, bahnbrechende Weise mit der nationalen Identität auseinandersetzten. Die Künstler, deren Wege sich durch ihre zeitgleiche Vertretung durch den Galeristen Michael Werner eng verflochten, lehnten jegliche Bindung an einen bestimmten Stil ab. Gemeinsam vermitteln sie ein umfassendes Bild der Themen, die ihre Generation in den Jahrzehnten vor dem Fall der Berliner Mauer beschäftigten. Konferenz… umfasst Werke aus Baselitz' ehemaliger Sammlung seiner Zeitgenossen und wird ergänzt durch Archivfotos von Edward Quinn, die dieser während seiner Besuche bei Baselitz in den 1980er Jahren aufgenommen hatte, als der Künstler auf Schloss Derneburg lebte und arbeitete.

 

Jörg Immendorff integrierte in seinen Werken häufig unverkennbare Porträts von Freund:innen und Kolleg:innen sowie historischen Persönlichkeiten, wodurch er Autorität sowohl geopolitisch als auch innerhalb der Kunstwelt hinterfragte. Die öffentlichen Schauplätze seiner Gemälde – in Theatern, Cafés, Galerien - versammeln Figuren in lebhafter Debatte. Es entsteht ein Weltbild, dass das Zusammenkommen und den Austausch an einem Tisch begrüßt. In Konferenz über Plastik oder Anarchie in der Galerie (1985) malt Immendorff sich zweimal neben Baselitz, Penck und Werner (sitzend und beim Schaffen einer Skulptur). Das Gemälde entstand im Vorfeld einer Gemeinschaftsaktion, die in Werners Galerie im Jahr 1989 stattfand, und stellt eine noch zu verwirklichende Manifestation dar. In vier Zeichnungen ohne Titel, die Immendorff im Jahr darauf anfertigte, wird jeder Künstler als eine der vier Jahreszeiten dargestellt (Immendorff als Frühling, Lüpertz als Sommer, Baselitz als Herbst und Penck als Winter).

 

In den 1980er Jahren setzte Georg Baselitz seine Suche nach neuen Bildformen fort und löste sich dabei von den gegenständlichen Porträts und Landschaften des vorangegangenen Jahrzehnts. In Immendorffs Porträts wird Baselitz oft mit einer offenen Handfläche dargestellt, in der er eine auf den Kopf gestellte Miniaturskulptur hält. Die Darstellung verweist auf Baselitz' ikonische kompositorische und konzeptuelle Innovation, seine Motive umzukehren, ein Ansatz, der sich jeder ideologischen Bindung an einen bestimmten Stil entzieht. Die Arbeit Ciao America II (1988) zeigt mit wenigen Pinselstrichen gemalte gelbe Vögel, die allein durch die Beschaffenheit des Bildes festgehalten zu werden scheinen. Sie füllen die Leinwand zwischen horizontalen, schwarz schraffierten Streifen, die an eine Voliere erinnern, bis zu ihren Rändern aus. Baselitz' Interpretation des Geheges weicht in Farbe und Form ab und strebt ein flächendeckendes Bild ohne dominanten Blickpunkt, zentrales Motiv oder Tiefenwirkung an. Die Werkauswahl umfasst Landschaften, Porträts und Stillleben aus derselben Zeit, von denen einige auf Schloss Derneburg, Baselitz' Wohn- und Arbeitsort für dreißig Jahre (1976-2006), entstanden.

 

Markus Lüpertz, den Immendorff häufig in Kleidung mit Harlekinmuster darstellte, entwickelte schon früh seine eigene Bildsprache, basierend auf einem poetischen Symbolismus aus Helmen, Eisenbahnen und Baumstümpfen. Seine frühesten Gemälde zeichneten sich durch einen verflachten Bildraum aus, was zum Teil auf die kostengünstig erhältliche Dispersionsfarbe zurückzuführen war. In den 1980er Jahren arbeitete Lüpertz zunehmend mit Ölfarben, wobei er den Blick auf die europäische Moderne richtete. Das Stillleben Sechs Bilder aus dem Leben eines Dichters: IV. Ohne Titel (1981) vermittelt einen kubistischen Sinn für Komposition und Collage, während der Titel auf eine Fortsetzung der Leidenschaft des Künstlers für die Poesie hindeutet. Das Gemälde wird neben einer selten ausgestellten Gruppe von Zeichnungen aus derselben Zeit gezeigt, die Lüpertz’ Innovation in Bezug auf Formen innerhalb einer surrealen Landschaft hervorheben.

 

Nachdem A.R. Penck 1980 aus der DDR emigrierte, war er gelegentlich zu Gast auf Schloss Derneburg. Wie seine Kollegen fühlte sich Penck schon früh zu einer Verbindung von Figuration und Abstraktion hingezogen, durch die sich die nationale Spaltung Deutschlands konzeptuell thematisieren ließ. Baselitz und Lüpertz lernten Penck bereits kennen, als Werner ihm dabei half, seine Werke aus Dresden zu schmuggeln, um sie auszustellen und zu verkaufen. Nachdem er später Immendorffs Bekanntschaft machte, arbeiteten die beiden oft zusammen, wobei sie sich auf das kulturelle Klima des Kalten Krieges konzentrierten. In Immendorffs Porträts wird Penck regelmäßig mit einem Eisberg dargestellt. Anlässlich dieser Ausstellung kehrt das monumentale Holztotem Idol für Deutschland (1982) nach Schloss Derneburg zurück, wo es zu Baselitz' Zeit viele Jahre lang im Eingangsbereich ausgestellt war. Pencks großformatige Skulpturen symbolisieren eine Phase, in der alle vier Künstler gefeiert und regelmäßig zusammen ausgestellt wurden. Sowohl in Deutschland als auch international prägten sie gemeinsam den Zeitgeist.

13.06.26 - Auf unbestimmte Zeit

HARD EDGE(D)

Die Ausstellung, die im historischen Haupteingang und im Rittersaal des Kunstmuseums Schloss Derneburg installiert ist, untersucht die Entwicklung von »Hard Edge« in den letzten sechs Jahrzehnten und verleiht den imposanten, dekorativen Räumen des Schlosses auf neue und überraschende Weise einen zeitgenössischen Charakter.

 

Das Kunstmuseum Schloss Derneburg freut sich, die Gruppenausstellung HARD EDGE(D) ankündigen zu dürfen, die am 13. Juni 2026 ihren Auftakt nimmt. Der Begriff »Hard Edge« wurde erstmals 1959 von dem amerikanischen Kunstkritiker Jules Langsner verwendet, um einen Stil der geometrischen Abstraktion zu beschreiben, der sich durch klar definierte Farbfelder auf einer flachen Ebene auszeichnet. Dieser Stil wurde von den nachfolgenden Generationen von Künstler:innen übernommen und erlebte in Europa und anderen Teilen der Welt eine Blütezeit, die schließlich zum Konzeptualismus und der Rückkehr zur Darstellung führte. Die Ausstellung, die im historischen Haupteingang und im Rittersaal des Kunstmuseums Schloss Derneburg installiert ist, untersucht die Entwicklung von »Hard Edge« in den letzten sechs Jahrzehnten und verleiht den imposanten, dekorativen Räumen des Schlosses auf neue und überraschende Weise einen zeitgenössischen Charakter.

 

Als Reaktion auf die performativen Gesten des Abstrakten Expressionismus entwickelte der amerikanische Künstler Kenneth Noland in den 1960er Jahren eine neue geometrische Abstraktion, bei der die Beziehung zwischen den Farben im Vordergrund stand. Across Center (1965) ist ein 6 Meter langes Gemälde, das aus vier unterschiedlichen Bahnen in komplementären Rot-, Rosa-, Braune- und Grüntönen besteht, die sich über die gesamte Länge der Leinwand erstrecken. 

 

Die in Kuba geborene Künstlerin Carmen Herrera begann nach einem Aufenthalt in Paris in den 1940er Jahren, einen puristischen und minimalistischen Ansatz in ihrer Malerei zu verfolgen. Herreras Diptychon Portal (2014) besteht aus einem kronenförmigen, schwarzen Raum, der von einem gelben Feld umgeben ist und an einen symmetrisch gespiegelten Eingangsbereich erinnert.

 

Die ungarische Künstlerin Dóra Maurer nutzt Farbe, um Ränder und illusionistische Volumen zu definieren. Das auf Holz aufgezogene Gemälde Quod Libet 39 (1999) ähnelt einem formbaren, gebogenen Tuch, einer Flagge oder Karte.

 

Der französische Künstler Daniel Buren bringt geometrische Muster in institutionelle und öffentliche Umgebungen ein. Burens Skulptur UNE ENVELOPPE PEUT EN CACHER UNE AUTRE, NO. VI (1989) ähnelt einem Unterstand aus gestreiften Paneelen mit keilrahmenähnlichen Konfigurationen, die sowohl auf die Rückseite von Gemälden als auch auf architektonische Strukturen verweisen.

 

In den 1970er Jahren ließ sich der New Yorker Künstler Ted Stamm ebenfalls von seiner Umwelt inspirieren und integrierte die Form der Lowrider-Fahrzeuge (tiefergelegte Autos), die in der Innenstadt von Manhattan zu finden waren, in seine Arbeit. Stamms zweiteiliges Gemälde LMX-2 (Low Wooster) (1979–90) suggeriert die Vorwärtsbewegung eines Autos und ist nah am Boden installiert, um die städtische Umgebung nachzuahmen, in der es entstanden ist.

 

Der Aufstieg der Pop-Art-Bewegung in Großbritannien und den USA führte dazu, dass geometrische Malerei um Themen der Mainstream-Werbung, Beschilderung und Grafik erweitert wurde. Der irische Künstler Michael Craig-Martin arbeitet in den Bereichen Malerei und Skulptur und verwandelt Alltagsgegenstände durch ungewöhnliche Farbschemata und Größenverhältnisse in fantastische Objekte. In Wrench (2002) wird ein gewöhnliches Werkzeug auf kolossale Proportionen ausgedehnt und durch Craig-Martins Wahl von leuchtendem Rosa und Blau zu einem skurrilen Objekt.

 

In dem monumentalen Gemälde Circling Overland (2002) verwandelt der deutsche Künstler Torben Giehler eine gerasterte Landschaft aus der Vogelperspektive mit diagonalen Streifen und Farbblöcken, die sich zum fernen Horizont hin verflüchtigen.

 

Die Arbeiten des in New York lebenden Künstlers KAWS, dessen Einstieg in die bildende Kunst mit Graffiti und öffentlichen Collagen begann, isolieren Elemente populärer Cartoons. In SCORE YEARS (2019) kreuzen sich abgerundete Formen mit abgeflachten Linien und deren Schatten und bilden so ein Netz aus kantigen Formen.

 

HARD EDGE(D) umfasst Werke von Math Bass, Daniel Buren, Michael Craig-Martin, Allan D'Arcangelo, Torben Giehler, Marcia Hafif, Peter Halley, Carmen Herrera, Robert Indiana, KAWS, Imi Knoebel, Nicholas Krushenick, Dóra Maurer, Kenneth Noland und Ted Stamm.

Standort
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Schlossstraße 1, 31188 Holle
Öffnungszeiten
Montaggeschlossen
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Mittwochgeschlossen
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Freitaggeschlossen
Samstag11:00–17:00 (nur im Rahmen von Führungen)
Sonntag11:00–17:00 (nur im Rahmen von Führungen)
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