Minimal Art, Concept Art und Arte Povera markieren den zeitlichen Beginn der mittlerweile mehr als 900 Werke umfassenden Sammlung des Kunstmuseum Wolfsburg. Mit dem Start der Sammlungstätigkeit wurde als Zäsur das Jahr 1968 gewählt, das weltweit für gravierende gesellschaftliche und künstlerische Umbrüche steht.
Seit 2019 zielt die Neuausrichtung der international angelegten Sammlung auf die verstärkte Einbeziehung von Künstler:innen aus dem globalen Umfeld, die sich im Rahmen ihrer Arbeiten vor allem mit unterschiedlichsten Themenkomplexen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart auseinandersetzen. Grundsätzlich wird weiterhin die Absicht verfolgt, sich auf wesentliche künstlerische Positionen zu beschränken und diese insbesondere durch Werkgruppen, Serien oder anhand eines repräsentativen Querschnitts durch das künstlerische Oeuvre anschaulich werden zu lassen. Den Medien Fotografie, Film bzw. Video sowie Installationen kommen seit Anbeginn eine besondere Bedeutung zu und werden auch weiterhin als zentrale Formen der Gegenwartskultur bei der Sammlungstätigkeit bevorzugt berücksichtigt. Digitale Formate spielen hierbei eine zunehmend bedeutsame Rolle.
Die Präsentation von einzelnen Werken der Sammlung erfolgt zumeist unter thematischen Gesichtspunkten innerhalb unserer großen Sonderausstellungen. Auch werden in unregelmäßigen Abständen Themenausstellungen aus dem Sammlungskonvolut heraus konzipiert. Durch den Verzicht auf Dauerpräsentationen werden die Werke in immer neuen inhaltlichen und ästhetischen Dialogen gezeigt und somit die Lebendigkeit der Sammlung bewahrt.
Veranstaltungen und Ausstellungen
Małgorzata Mirga-Tas – Eine alternative Geschichte
Familie, Gemeinschaft, Solidarität und Selbstermächtigung, aber auch Ausgrenzung und Verfolgung: Das sind die bestimmenden Themen der Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas (*1978 Zakopane/Polen). In ihren textilen »Malereien« verbindet sie Vergangenheit und Gegenwart und erzählt eine andere, eine alternative Geschichte der ungesehenen und marginalisierten Menschen.
Małgorzata Mirga-Tas’ Fokus liegt dabei auf dem Leben von Rom*nja-Gemeinschaften, Europas größter ethnischer Minderheit, die in Europa seit dem 14. Jahrhundert ausgegrenzt, diskriminiert und verfolgt wurden und oftmals immer noch werden. Durch die bildmächtige Kombination verschiedener Textilien und Muster schafft sie ein intimes Bild vom Alltag der Rom*nja, oft verknüpft mit historischen Narrativen, die vielfach als Fremddarstellungen Vorurteile wiederholen. Mirga-Tas stellt ihre so kraftvollen wie einfühlsamen Bilder den bis heute vorherrschenden negativen und stereotypisierenden Vorstellungen von Rom*nja entgegen. Dadurch bringt sie Stimmen und Geschichten in den Vordergrund, die bis heute wenig gehört werden.
Besonders die Perspektive von Frauen spielt dabei für Małgorzata Mirga-Tas – im Sinne einer herstory – eine große Rolle. So tauchen in ihren Arbeiten wiederholt bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auf, die selbst Rom*nja sind. Gleichzeitig widmet sich Mirga-Tas, die selbst Romni-Aktivistin ist, auch intensiv den Frauen aus ihrem direkten Umfeld – Freund:innen, Tanten oder auch ihrer Großmutter.
Die teils großformatigen Werke von Małgorzata Mirga-Tas entstehen in einem kollektiven Prozess, der bereits beim Material beginnt. In der Verwendung von Kleidungsstücken und Haushaltstextilien wie Vorhängen und Handtüchern, die sie in ihrem Umfeld sammelt, arbeitet die Künstlerin mit meist gebrauchten Stoffen, die bereits Geschichten ihrer Vorbesitzer:innen in sich tragen.
Dadurch verleihen die Stoffe den Bildern gewissermaßen eine doppelte Authentizität. Zusammen mit anderen Frauen aus ihrer Community werden die Textilien behutsam zusammengesetzt, um Mirga-Tas’ farbprächtige Werke entstehen zu lassen.
Das Kunstmuseum Wolfsburg gibt mit der Ausstellung erstmals in diesem Umfang einen Einblick in das Werk dieser außergewöhnlichen Künstlerin in Deutschland, darunter fast den gesamten 12-teiligen Zyklus Re-enchanting the World, mit dem Małgorzata Mirga-Tas seit ihrem Auftritt 2022 im Polnischen Pavillon auf der Venedig-Biennale für internationales Aufsehen sorgte. Dort war sie die erste Rom*nja-Künstlerin, die einen nationalen Pavillon bespielte.
Die Ausstellung ist in enger Zusammenarbeit mit Małgorzata Mirga-Tas entstanden und eine internationale Kooperation mit dem Kunstmuseum Luzern, Schweiz, sowie dem Henie Onstad Kunstsenter in Norwegen.
Kurator: Andreas Beitin
Kuratorische Assistenz: Veronika Mehlhart

