Klassiker der Pop-Art, Gerhard Richter und Georg Baselitz, Graffitimalerei und Leipziger Schule: Peter und Irene Ludwig haben Zeit ihres Lebens eine unvergleichliche Sammlung herausragender Werke seit Beginn der 1960er-Jahre zusammengetragen. Schenkungen und Dauerleihgaben aus ihrer Kollektion sind heute weltweit in mehr als 20 Museen untergebracht. Das Stammhaus dieser einzigartigen Sammlung aber ist das Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen, wo das Industriellenpaar lebte und von wo aus es eine der größten Schokoladen- und Süßwarenproduktionen der ehemaligen Bundesrepublik lenkte. Im Ludwig Forum Aachen sind etwa 3.000 Arbeiten der Sammlung untergebracht.
Die Ludwigs gehören zu den ersten Sammler:innen der Pop-Art. Schon 1968 zeigten sie die neuen Amerikaner:innen in Aachen. Mit dabei: Andy Warhol, dessen beispiellose Karriere eng mit dem Paar verknüpft ist. 1970 reiste Peter Ludwig zu Duane Hanson nach New York und erwarb wichtige Figuren-Gruppen des Künstlers, auch die Supermarket Lady. Die frühen, skandalträchtigen Präsentationen machten Aachen zu einem hochrelevanten Ausstellungsort gegenwärtiger Kunst – noch bevor der Foto- und Hyperrealismus der documenta 5 von 1972 seinen Eroberungszug in Europa antrat. Später führten Ankäufe von Jeff Koons, Jonathan Borofsky, Jean-Michel Basquiat u. a. die amerikanische Linie fort.
Seit Anfang der 1970er-Jahre weiteten die Ludwigs ihre Sammeltätigkeit in die DDR und nach Osteuropa aus. Werke aus dem »Ostblock« konnten oft nur in Gruppen erworben werden, und der Staat hatte teilweise Mitspracherecht bei der Auswahl der Arbeiten. So stehen historisch relevante Gemälde in einer Reihe mit Arbeiten von Ilja Kabakov und Erik Bulatov. Den Ankäufen in der UdSSR folgten seit 1983 Bulgarien, Rumänien und Ungarn. Frühwerke von Nedko Solakov und Dan Perjovschi kamen so in die Sammlung. Später erregten China und Kuba die Aufmerksamkeit der Sammler:innen. Gerade die chinesische und die kubanische Kunst sind Schwerpunkte im Aachener Ludwig Forum.
Neben den Werken aus der Sammlung Ludwig gehört eine Reihe von Arbeiten aus städtischem Besitz zum Bestand des Hauses. Darunter sind zum Beispiel etwa 300 hochkarätige Videoarbeiten wie z. B. von Bruce Nauman, Richard Serra, Laurie Anderson, Joan Jonas und Nam June Paik.
Veranstaltungen und Ausstellungen
Amy Sillman – Oh, Clock!
Oh, Clock!, die erste große Einzelausstellung der New Yorker Malerin Amy Sillman (*1955 in Detroit) im deutschsprachigen Raum, besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil der Ausstellung, der bis zum 31. August 2025 im Ludwig Forum zu sehen war, zeigte eine konzentrierte Auswahl von Sillmans Arbeiten der letzten zehn Jahre, darunter 24 Malereien, über 300 Zeichnungen, Grafiken und Collagen, mehrere große Installationen und digitale Animationen. Er beleuchtete die langjährige kritische Auseinandersetzung der Künstlerin mit der Geschichte der Malerei auf und jenseits der Leinwand und eröffnete umfassende Einblicke in ihre vielseitigen und hybriden Systeme. Beim zweiten Teil, der bis zum 31. Dezember 2025 zu sehen sein wird, handelt es sich um eine kuratorische Sammlungsintervention der Künstlerin: An diagonal verlaufenden, von ihr bemalten Wänden präsentiert sie mehrere Dutzend, von ihr ausgewählte Werke aus der Sammlung Peter und Irene Ludwig in Aachen.
Die künstlerische Praxis von Amy Sillman reicht weit über Malerei hinaus und beinhaltet seit Jahren Schreiben, Animationsfilme und neuerdings auch verschiedene kuratorische Projekte mit Museumssammlungen. So wählte sie beispielsweise 2019 für The Shape of Shape (Die Form der Form) im MoMA New York 80 Arbeiten aus der Museumssammlung aus, in denen Überlegungen zu Formen dominieren. Damals erklärte sie: „Obwohl Formen überall zu finden sind, reden wir nicht viel über sie. Sie sind kein heiß diskutiertes Thema in der Kunst, wie etwa Farbe oder Systeme“. Aus Anlass der Ausstellungskooperation zwischen dem Kunstmuseum Bern und dem Ludwig Forum Aachen, widmet sich Amy Sillman als Teil von Oh, Clock! nun abermals den Sammlungen beider Institutionen. Nach ihrer Sammlungspräsentation im Kunstmuseum Bern (bis 2. November 2025), die vor dem aktiven Hintergrund ihrer Wandmalereien installiert wurde, setzte sich Sillman in Aachen intensiv mit Werken aus der Sammlung Ludwig auseinander. Dabei benutzt sie Begriffe wie Figur, Farbe, Muster und Leere – Begriffe, die für ihre eigene Malpraxis von entscheidender Bedeutung sind – als Filter für ihre Auswahl. Etwa 80 Gemälde, Zeichnungen, Drucke, und Skulpturen werden an den Wänden von drei Ausstellungräumen sowie auf fünf neu produzierten, doppelseitigen Stellwänden auf Rollen präsentiert. Auf letzteren schuf Sillman improvisierte Wandmalereien, die vor Ort entstanden sind. Die Künstlerin verwebt so verschiedene Schulen, Kontinente, Medien und Kunststile und schafft eine umfassende Sprache aus Form, Farbe, Zeit und Bedeutung, indem sie eine neue Verflechtung von Vordergrund und Hintergrund, Harmonien und Spannungen herstellt. Dabei sind die Werke nicht chronologisch oder thematisch angeordnet, sondern von Fragen zu Form, Farbe, Größe und ortsspezifischen Beziehungen zwischen Kunstobjekten, Architektur und dem Museum selbst geleitet. Das Kunstmuseum Bern und das Ludwig Forum öffneten ihre jeweiligen Sammlungen für eine neue Sichtweise aus einer anderen Perspektive und nutzten auf diese Weise die der Künstlerin eigene Methodik, um formale und politische Verknüpfungen zu schaffen. Sillmans besonderes Interesse an Positionen außerhalb des Mainstreams und Künstler:innen mit weniger kommerziellen Karrieren wird durch die zusätzliche »Durchlöcherung« der kanonischen Strukturen, die den Sammlungen innewohnen, ein neues Licht auf das werfen, was bisher übersehen wurde.
Mit Arbeiten von Carla Accardi, John Ahearn, Laurie Anderson, Belkis Ayón, Donald Baechler, Nairy Baghramian, Georg Baselitz, Tim Berresheim, Bernhard Johannes Blume, Mel Bochner, Peter Brüning, Lygia Clark, Alan Cote, Ivan Čujkov, Rolf-Gunter Dienst, Felix Droese, Marianne Eigenheer, Siron Franco, Gotthard Graubner, Ellen Gronemeyer, Richard Hamilton, Jann Haworth, Alex Hay, Gottfried Helnwein, Peter Herrmann, Jörg Immendorff, Bertram Jesdinsky, Jasper Johns, Maksim Kantor, Konrad Klapheck, Oleg Kudrjaschov, Gabriel Kuri, Fehér László, Roy Lichtenstein, Ivan Lubennikov, Brigitta Malche, Anatolij Mašarov, Wolfgang Mattheuer, Lázaro García Medina, István Nádler, Galina Neledva, Kenneth Noland, Igor Obrosov, Albert Oehlen, Nikola Ovčinnikov, A.R. Penck, Raymond Pettibon, Uwe Pfeifer, Peter Piller, Viktor Pivovarov, Adelaida Pologova, Robert Rauschenberg, Gerhard Richter, Rissa, Otto Sander-Tischbein, Augustinas Savickas, Inga Savranskaja, Hans Scheib, Aleksandr Sitnikov, Emil Sorge, Eduard Steinberg, Radiš Tordija, Don Van Vliet, Sergej Volkov, Andy Warhol, Walerian Wassiljev, William Wegman, Hermann Weisweiler und Dmitrij Žilinskij.
Amy Sillman. Oh, Clock! wurde kuratiert von Eva Birkenstock mit der kuratorischen Assistenz von Mailin Haberland und Anna Marckwald und ist eine Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern.
Gefördert durch die Peter und Irene Ludwig Stiftung, Victor Rolff Stiftung, Sparkassen-Kulturstiftung Rheinland und die Jugend- und Kulturstiftung der Sparkasse Aachen.
Shu Lea Cheang – KI$$ KI$$
KI$$ KI$$ ist die erste institutionelle Überblicksausstellung von Shu Lea Cheang (geb. 1954, Tainan, Taiwan). Ausgehend von ihrem Debütfilm Fresh Kill (1994) vereint die taiwanesisch-amerikanische Künstlerin und Filmemacherin Arbeiten der vergangenen drei Jahrzehnte und stellt sie in einen aktualisierten Kontext.
Cheang zog in den 1980er Jahren nach New York City, wo sie sich der unabhängigen Filmszene anschloss und begann, mit Video, Rundfunk, TV und Netzwerktechnologien zu experimentieren. Seit den 1990er Jahren hat ihre Arbeit unser Verständnis von digitalen Technologien herausgefordert und verändert. Cheang nahm die Entwicklung von Kryptowährungen vorweg und beschäftigte sich früh mit gamifizierten Gesellschaften und Biotechnologien. Ihre Arbeiten, die sie als »Erfahrungsmaschinen« versteht, entwickeln sich oft über Jahre hinweg und nehmen unterschiedliche Formen an, wie Video, Installation, Performance oder experimentelles Kino.
KI$$ KI$$ entfaltet sich über vier Ausstellungsräume und die Museumshalle, wo die Werke als vernetzte Landschaften inszeniert sind. Sie laden ein, in den kreativen Kosmos der Künstlerin einzutauchen und ihre außergewöhnlichen Praktiken des worldbuilding – der Erfindung und Gestaltung fiktionaler Welten – zu erfahren.
In ihren Science-Fiction-Erzählungen werden dabei Abfall und Recycling sowie natürliche und künstliche Intelligenzen zu zentralen Themen, die Cheangs Auseinandersetzung mit der Verflechtung von Biosphäre und Technosphäre lenken. Jeder der Räume wird zu einer eigenen Welt, in der internetbasierte Installationen und Software-Interaktionen das Publikum zum Forschen und Spielen einladen.
Eine Ausstellung des Haus der Kunst München in Zusammenarbeit mit Ludwig Forum Aachen. Kuratiert von Sarah Johanna Theurer (Haus der Kunst) und Holger Otten (Ludwig Forum). Kuratorische Assistenz: Wiebke Wiesner (Ludwig Forum)
Gefördert durch die Peter und Irene Ludwig Stiftung und das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.
Eröffnung: 26. November 2025, 19 Uhr

