Das Migros Museum für Gegenwartskunst führt seit seiner Gründung 1996 eine fortlaufende Diskussion über zentrale Fragen der Gegenwart, angeregt durch Positionen und Werke internationaler zeitgenössischer Künstler:innen. Gegenwartskunst ist für uns eine dynamische zeitliche Bestimmung, der ein permanentes Ausloten zwischen Vorwärts- und Zurückschauen aus unterschiedlichen kulturellen, historischen und gesellschaftlichen Kontexten sowie eine globale Perspektive eigen ist. Wir bieten dabei ein Forum für den aktiven, lebendigen Austausch über Kunst vor dem Hintergrund ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und führen so das Engagement der Migros und des Gründers Gottlieb Duttweiler fort. In dieser Tradition richten wir uns an ein möglichst vielfältiges und breites Publikum. Eine Kommunikation und eine Vermittlung, die sich auf unterschiedliche Zielgruppen ausrichten, deren Bedürfnisse verstehen und ernst nehmen, sind von Beginn weg integrale Bestandteile unserer Aktivitäten.
Wir beobachten aufmerksam und kritisch wichtige gesellschaftliche Diskurse und dokumentieren und reflektieren künstlerische Reaktionen in unseren Ausstellungen und einer bedeutenden Sammlung. Es geht uns nicht um Kunst als ein in sich geschlossenes Bezugssystem im Sinne eines Kanons, sondern als partizipatives und transparentes Labor für die Entwicklung und Hinterfragung von Positionen und Meinungen. Das schließt eine ständige Reflexion über die eigene Rolle als Teil der zeitgenössischen Kunstwelt ausdrücklich ein. Wir sind solidarisch ins künstlerische Umfeld unseres Standorts Zürich und der Schweiz eingebettet, gleichzeitig aber Teil globaler Netzwerke. Dabei bildet Nachhaltigkeit ein zentrales Grundelement unserer Haltung. All dies prägt nicht nur unsere inhaltliche Arbeit, sondern auch unseren Umgang mit anderen.
Veranstaltungen und Ausstellungen
Disobedience Archive (Canopy for Broken Time) – Im Dialog mit Raqs Media Collective
Das Disobedience Archive ist ein sich stetig wandelndes Videoarchiv ohne festen Standort, das 2005 von Marco Scotini initiiert wurde. Es umfasst über hundert Dokumentar- und Kunstfilme an der Schnittstelle von Kunst und Aktivismus: Alle zeigen Formen des Widerstands, des sozialen Kampfes und der kollektiven Selbstorganisation. Ereignisse, Stimmen und Gesten treten in neue Konstellationen und eröffnen vielfältige Sichtweisen sowie Interpretationen, statt auf einer einzigen Wahrheit zu bestehen.
Unter dem Titel Disobedience Archive (Canopy for Broken Time) ist mit fünfzig Filmdokumenten die bisher ausführlichste Präsentation zu sehen. Die Auswahl an Arbeiten antwortet auf die Brüchigkeit unserer Gegenwart: ökologische Krisen, politische Polarisierung, technologische Beschleunigung und anhaltende globale Konflikte.
Raqs Media Collective wurde eingeladen, sich mit dem Disobedience Archive auseinanderzusetzen. Zeit ist für das Kollektiv ein zentrales Thema. Sie fragen deshalb: Wie kann Zeit jenseits der starren, von der Uhr bestimmten Struktur erlebt und dargestellt werden?
Die Ausstellung begegnet der brüchigen Gegenwart mit offenen Raumstrukturen. Ausgangpunkt ist das Shamiana, ein provisorisches, leicht aufzuspannendes Zeltdach, das im südasiatischen Raum eine wichtige Rolle im Alltag einnimmt. Unter einem Shamiana wird gegessen, gefeiert und getrauert – und man schließt sich zum Protest zusammen.
Die einfache Überdachung wird zum Symbol der Zusammengehörigkeit. Denn – in den Worten von Raqs Media Collective – zusammen unter dem Shamiana zu sein bedeutet , eine Gemeinschaft zu werden und die Welt nicht in Stunden, sondern in Gesten der Aufmerksamkeit zu messen.

