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Berlin

Averaged Profile Hallucination – Francisco González-Rosas

Welchen Platz nehmen Körper und Mensch in den virtuellen Landschaften der Gegenwart ein? Wie beeinflussen und verändern Verfahren der Bilderzeugung und -bearbeitung den Wert von Körpern und menschlicher Erfahrung? Diese Fragen ziehen sich durch die Installation von Francisco González-Rosas.

 

Beim Betreten des Ausstellungsraums treffen wir rechts auf ein großes graphisches Wandbild, das an ein Diagramm oder eine Landkarte erinnert. Es besteht aus Textfeldern, gepunkteten und geraden Linien, Pfeilen sowie einer Anzahl von unterschiedlichen Bildern. Neben Verweisen auf die digitale Veränderung des menschlichen Körpers finden sich visuelle Darstellungen, die unmittelbar mit Werkzeugen erzeugt wurden, die zwar darauf abzielen, den Körper abzubilden, dabei jedoch eigenwillige Bilder hervorbringen, in denen der dreidimensionalen Raum auf eine Oberfläche reduziert, Körperteile vervielfältigt und verändert und mit geometrischen Figuren verschmolzen werden. Diese Bilder bilden die Grundlage für 3-D gedruckte Skulpturen aus Ton, die zusammen mit LED-Panels auf einer niedrigen weißen Plattform in der Mitte des Ausstellungsraums platziert sind.

 

Die Materialität des Tons steht im Kontrast zur visuellen Erscheinung der restlichen Arbeit, die durch die digitale Rekonstruktion und Veränderung des menschlichen Körpers geprägt ist. Gegenüber sehen und hören wir eine Videoarbeit, die auf eine »curved« Wand projiziert ist und einen durch einen Ganzkörperscan erzeugten Avatar Francisco Gonzaléz-Rosas’ präsentiert – ein digitales Objekt, das als MetaHuman bezeichnet wird. Zeitweise erscheint der Avatar halbnackt und zitiert in einer abgeflachten Version von Francisco González-Rosas’ Stimme Sätze auf Spanisch und Englisch. Dey reflektiert über Machtverhältnisse sowie über die Geschichten und Prozesse, durch die Technologien Körper in Objekte der Zurschaustellung, des Konsums, der Kommerzialisierung, der Extraktion und der Sexualisierung verwandeln.

 

Seit der europäischen Aufklärung stützt sich der wissenschaftliche und technische Fortschritt zunehmend auf die Erforschung von, das Experimentieren mit und die Zurschaustellung von rassifizierten und sexualisierten Körpern. Ausgehend von der eigenen Erfahrung mit Migration und sexueller Dissidenz, erkundet Francisco González-Rosas die Funktionsweisen der Digitalisierung über ein Spektrum von Technologien und Werkzeugen hinweg, darunter Ganzkörperscan und 3D-Drucke, wobei der eigene Körper als Modell dient. Francisco González-Rosas erfasst dabei nicht nur die sinnlich und körperlich erfahrbare Dimension von Technik, sondern greift, indem dey innerhalb ihrer Grenzen agiert, in ihre Mechanismen ein.

 

Verweise auf Kolonialismus und Wissenschaftsgeschichte tauchen regelmäßig in der diagrammartigen graphischen Wandarbeit auf. Bereits das Format erinnert an die systematische Organisation und Präsentation von Wissen. Im Gegensatz zu einem derartig entkörperlichten, universellen Verständnis von Wissen, bietet die Graphik jedoch keine eindeutig messbaren Bedeutungen. Einige Elemente scheinen entkoppelt vom Rest, etwa die botanischen Abbildungen von in Südamerika heimischen Pflanzen, die im Bereich oben links zu sehen sind.  Auch die Installation in der Mitte des Raumes folgt einer ähnlichen Logik. Ihr Arrangement aus LED-Panels und Tonobjekten lässt an eine museale Präsentation von Kuriositäten oder Erkenntnisgegenständen denken, und doch entzieht sie sich einer einzelnen und dementsprechend dominanten Interpretation. Folglich treten die Materialien und die spezifischen Bedingungen ihrer Herstellung bzw. ihres Druckens in den Vordergrund. Bildproduktion wirkt nicht augenscheinlich und objektiv, sondern vielmehr wie ein zufälliger Vorgang.

 

Was sind die Grenzen, was die Gefahren, von technologischer Innovation und der zunehmenden Digitalisierung, denen die Menschheit ausgesetzt ist? Indem Francisco González-Rosas den eigenen Körper den genannten Vorgängen aussetzt, mit ihm experimentiert und digitale Bildproduktion sowie Werkzeuge zur Bildbearbeitung zur Schau stellt, formuliert die Arbeit eine verkörperte Kritik an Wissenschaft und Technologie sowie deren dringlichen politischen Konsequenzen.

 

Text: Sebastián Eduardo Dávila

Diese Ausstellung endet in
46
Tage
13
Std
49
Min
10
Sek
Termine
Start11.09.2026
Ende15.11.2026
Öffnungszeiten
Montaggeschlossen
Dienstaggeschlossen
Mittwoch14:00–19:00
Donnerstag14:00–19:00
Freitag14:00–19:00
Samstag14:00–19:00
Sonntag14:00–19:00
Veranstaltungsort
Künstlerhaus Bethanien
Künstlerhaus BethanienKottbusser Straße 10, 10999 Berlin

Das Künstlerhaus Bethanien ist ein internationales Kulturzentrum in Berlin. Als Atelierhaus und Arbeitsstätte für professionelle Künstler:innen, vielschichtig strukturierte Projektwerkstatt und Veranstaltungsort hat es sich die Förderung der zeitgenössischen bildenden Kunst zum Ziel gesetzt. Das Künstlerhaus dient der Begegnung und dem Austausch von Künstler:innen aus unterschiedlichen Bereichen und Kulturkreisen sowohl untereinander als auch mit einem interessierten Publikum. Hierfür verfügt es über vielfältige Vermittlungswege, wie etwa die monatlich stattfindenden Ausstellungseröffnungen, gezielt vermittelte Atelierbesuche und mehrmals im Jahr stattfindende Rundgänge (»Open Studios«). Schwerpunkt seines breit gefächerten Aufgabenbereichs ist das Internationale Atelierprogramm, in dem Jahr für Jahr Künstler:innen aus der ganzen Welt mit der Unterstützung des Künstlerhaus-Teams Projekte ausarbeiten und präsentieren. Das Künstlerhaus ist stets bemüht, sein internationales Netzwerk auszubauen und neue Partner:innen für das Programm zu gewinnen. Es ist ferner bestrebt, die Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst und Kultur kritisch zu reflektieren. Dies tut das Künstlerhaus auch mit dem Veröffentlichen von artist books und Ausstellungskatalogen sowie dem Be Magazin , einer jährlich erscheinenden Fachzeitschrift für Kunst und Kritik. Auf den folgenden Seiten erfahren Sie alles über die Aktivitäten des Künstlerhauses Bethanien und die diesjährigen Stipendiat:innen.