Die Weltstadt Istanbul und ihre Bewohner:innen in der Kunst auf Papier stehen im Zentrum der Ausstellung. Faszinierende Zeichnungen, druckgraphische Werke und Bücher machen die vielfältigen Verbindungen zwischen Mitteleuropa und der Metropole am Bosporus anschaulich.
Werke weltberühmter Künstler wie Pollaiuolo, Dürer, Coecke van Aelst, Rembrandt, Liotard oder Chodowiecki sowie seltene und kaum gezeigte Beispiele belegen das große Interesse an der osmanischen und türkischen Kultur durch die Jahrhunderte. Dabei zeichnen sie ein vielschichtiges Bild: Die einen reflektieren die Bedeutung von Kunst und Musik, zeugen von Neugier und Begeisterung und dokumentieren Pracht und Schönheit. Andere dienen propagandistischen Interessen und verbreiten Vorurteile. Aktuelle künstlerische Positionen ergänzen die Werkauswahl um Reflexionen zu Fragen über Identität und Stereotype.
Der Blick auf Istanbul von innen
Das Thema der Perspektive – mehr noch: der Offenlegung von Perspektiven – eröffnet und begleitet die Ausstellung. Im Zentrum stehen die Darstellungen Istanbuls von Antoine Ignace Melling (1763–1831). Der deutsch-französische Architekt lebte viele Jahre in der Metropole am Bosporus, wo er für Sultan Selim III. und dessen Halbschwester Hatice tätig war. Er schuf Ansichten der Stadt, bei denen es sich laut Orhan Pamuk um die schönsten Darstellungen handelt:
Melling blickte nicht von außen auf Istanbul, sondern von innen. […] Dadurch, dass er die Stadt wie ein Istanbuler sah und wie ein vorurteilsfreier Europäer malte, ist sein Istanbul einerseits ein vertrauter geographischer Ort mit seinen Moscheen und Erinnerungen und andererseits eine unvergleichliche und damit wunderbare Welt für sich.
Orhan Pamuk, Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt, aus dem Türkischen von Gerhard Meier, türkische Originalausgabe 2003, München 2006, S. 91
Echoraum für Themen der Gegenwart
Die Ausstellung spannt einerseits einen großen zeitlichen Bogen von der Eroberung Konstantinopels durch das Osmanische Reich im Jahr 1453 bis zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Preußen durch die erste türkische Gesandtschaft in Berlin 1763. Andererseits fragen die einzelnen Kapitel der Ausstellung – Berührung, Neugier, Konflikt, Propaganda, Vorurteil – jeweils nach der Perspektive von Künstler und Publikum. Auf diese Weise entsteht mit den historischen Kunstwerken ein Echoraum für Themen der Gegenwart.

