Zum Gedenken an den hundertsten Todestag des Künstlers Carlos Schwabe (1866–1926) präsentiert das MAH eine temporäre Retrospektive. Der in Genf ausgebildete Schwabe zeichnete sich durch seine Tätigkeit als Illustrator im Dienste der literarischen Kreise seiner Zeit – Zola, Baudelaire, Mallarmé, Maeterlinck – sowie durch seine bildnerischen Kompositionen aus. Er war auch in den Mystizismus des Rosenkreuzerkreises von Joséphin Péladan involviert und stellte in Paris sowie im Pavillon der Münchner Secession aus. Auch ein Jahrhundert nach seinem Tod faszinieren uns seine Werke noch immer. Die Ausstellung, die als musikalische Entdeckungsreise konzipiert ist, soll den Besuchern die Themen näherbringen, die dem Künstler am Herzen lagen, und dabei Werke aus dem MAH – das die weltweit bedeutendste öffentliche Sammlung dieses Künstlers beherbergt – mit privaten Sammlungen aus der Schweiz und Frankreich zusammenführen.
Nahaufnahme eines Werkes
Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt sich in der Schweiz eine Modernität, die parallel zu den vorherrschenden Strömungen in Europa verläuft. Der Erfolg der symbolistischen Werke, die Ferdinand Hodler ab 1892 auf verschiedenen Pariser Salons präsentierte, war kein Einzelfall, und obwohl Genf den Themen und Ausdrucksformen, die es aufgrund ihrer Mystik als anstößig empfand, zurückhaltend gegenüberstand, fand die Bewegung dennoch Anhänger. Unter ihnen ist Carlos Schwabe, der nach dem Krieg von 1870 aus seiner deutschen Heimat emigriert war und sich in Genf niedergelassen hatte, wo er ab 1882 eine Ausbildung zum Zeichner an der École des arts industriels absolvierte. Er schuf ein literarisch inspiriertes Bildwerk, das eng mit seiner Tätigkeit als Illustrator verbunden war. Davon zeugt Die Welle, ein spektakuläres Ölgemälde, das zweifellos von den »Paroles d'un croyant« (Worte eines Gläubigen) von Hugues Félicité Robert de Lamennais inspiriert ist, in dem die bedrohliche Brandung durch eine pyramidenförmige Gruppe von Frauen verkörpert wird, die eine violette, dämmerige Masse bilden, die nur schwach vom Rot eines Himmels beleuchtet wird, der eine Katastrophe ankündigt; gequälte Gesichter, hervorquellende Augen und offene Münder, erhobene Arme und geballte Hände sind reine Metaphern der Angst.

