Eva Frankfurther zählt zu den bemerkenswerten Wiederentdeckungen der britischen Nachkriegskunst. Im Mittelpunkt ihres Werks stehen Menschen, deren Alltag von Arbeit, Migration und sozialer Unsicherheit geprägt war: Einwanderinnen und Einwanderer, Arbeiterinnen und Arbeiter sowie die Bewohner des Londoner East End. Mit großer Empathie und sozialer Aufmerksamkeit schuf sie Porträts und Milieustudien, die den Alltag dieser Gemeinschaften eindringlich dokumentieren und bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.
Leben und Werk von Eva Frankfurther
Geboren wurde Eva Frankfurther am 10. Februar 1930 in Berlin-Dahlem als jüngstes von drei Kindern des Textilunternehmers Paul Frankfurther und seiner Frau Henriette, die jedoch bereits 1931 verstarb. Die Familie gehörte zum assimilierten jüdischen Bürgertum. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten sahen sie sich zur Emigration gezwungen: 1939 wurden zunächst die Kinder nach England geschickt, wenig später gelang auch ihrem Vater und ihrer Stiefmutter die Flucht aus Deutschland.
Von 1946 bis 1951 studierte Eva Frankfurther an der St. Martin’s School of Art in London, zeigte sich aber schon bald enttäuscht von der Londoner Kunstszene, da sich Ausbildung und Ausstellungsbetrieb vor allem um formale Fragen und die Auseinandersetzung zwischen Figuration und Abstraktion drehten. Für Frankfurther hingegen waren Form und Farbe jedoch nie Selbstzweck, sondern Mittel, um Menschen und ihre sozialen Lebenswirklichkeiten zu verstehen und darzustellen. Prägend wurden für sie daher Begegnungen außerhalb des Ateliers. Zwischen 1948 und 1950 reiste Frankfurther dreimal in die Vereinigten Staaten und unterrichtete im Sommercamp ihrer Tante Vera Lachmann Kunst und Handwerk. Die Aufenthalte führten sie auch in den New Yorker Stadtteil Harlem, wo einfühlsame Porträts und Milieustudien der schwarzen Bevölkerung entstanden – Werke, die den Ausgangspunkt für ihre spätere künstlerische Entwicklung bildeten.
Nach dem Studium zog Frankfurther nach Whitechapel im Londoner East End, einem von Armut und Einwanderung geprägten Stadtteil. Zu dieser Zeit verdiente sie ihren Lebensunterhalt zunächst als Servicekraft im Lyons Corner House am Piccadilly und später als Arbeiterin in einer Zuckerraffinerie an den Victoria Docks. Sie blieb dabei nicht distanzierte Beobachterin, sondern verstand sich selbst als Teil der Lebenswelt, die sie malte. Ihre Bilder zeigen mit großer Anteilnahme Menschen in ärmlichen Lebensumständen, in Momenten der Erschöpfung, in Krankheit oder Einsamkeit.
Während dieser Zeit bereiste die Malerin auch den europäischen Kontinent, was ihren Blick auf Menschen und ihre Lebenswelten erweiterte. 1951 fuhr sie nach Italien und Frankreich. 1958 folgte sie einer Einladung nach Israel, wo sie acht Monate blieb, bevor sie im Oktober des Jahres wieder nach London zurückkehrte. Nur drei Monate später, im Januar 1959, nahm sie sich im Alter von nur 28 Jahren das Leben.
Über die Ausstellung
Die Einzelausstellung an ihrem Geburtsort widmet sich erstmalig dem kurzen, aber bemerkenswert intensiven künstlerischen Schaffen von Eva Frankfurther. Mehr als 40 Gemälde und Papierarbeiten geben Einblick in ein Werk, das Migration, Exil und das Leben von Einwanderer- und Arbeitergemeinschaften im London der Nachkriegszeit einfühlsam erfasste. Stilistisch knüpfte Frankfurther an die sozial engagierte Bildsprache von Käthe Kollwitz an und verband sie mit Elementen des neuen figurativen Realismus, der sich im Großbritannien der 1950er-Jahre herausbildete. Ihr Werk vereint diese Traditionen zu einer eigenständigen künstlerischen Position, die bis heute nicht an gesellschaftlicher Relevanz verloren hat.
Eröffnung: 22. Oktober 2026, 19 Uhr
Grußworte und Einführung in die Ausstellung von Dr. Dorothea Schöne, Künstlerische Leiterin des Kunsthaus Dahlem, Ruth Ur, Direktorin des Exilmuseums Berlin, und Sarah MacDougall, Kuratorin der Ausstellung
Ausstellungskatalog
Zur Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog mit Beiträgen von Sarah MacDougall, Philine Pahnke und Gloria Freiler (deutsch / englisch, 60 Seiten).