Berlin
Museum

Kunsthaus Dahlem

Käuzchensteig 8–12, 14195 Berlin

Das unmittelbar am Grunewald in direkter Nachbarschaft des Brücke Museums gelegene historische Gebäude ist ein Ausstellungshaus für die Nachkriegsmoderne in Deutschland. Ein wesentlicher Schwerpunkt des Ausstellungshauses liegt auf der Präsentation plastischer Kunst, ergänzt durch Malerei, grafische Arbeiten sowie Fotografie. Dabei stehen insbesondere die Jahre 1945 bis 1961 im Fokus.

 

Das Kunsthaus Dahlem hat seinen Sitz im ehemaligen Staatsatelier des Bildhauers Arno Breker. Breker (1900–1991) war während des »Dritten Reichs« neben Josef Thorak der bekannteste Bildhauer, der die nationalsozialistische Ideologie in seinen Werken zur Anschauung brachte.

 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das ehemalige Atelier von Arno Breker erst von russischen Einheiten besetzt und dann von der US-­amerikanischen Besatzungsmacht als Lagerraum der PX-Shops genutzt.

 

Nachdem die Amerikaner das Gebäude verlassen hatte, wurde es 1946 der städtischen Verwaltung übertragen und von Berliner Steinmetzinnung genutzt. Kurt Reutti, damaliger Mitarbeiter der Zentralstelle zur Erfassung und Pflege von Kunstwerken, schlug zudem vor, Teile des Ateliers für »bedeutende Bildhauer zur Ausführung größerer bildhauerischer Arbeiten« zur Verfügung zu stellen. Daraufhin zog 1949 Bernhard Heiliger (1915–1995) in den Ostflügel des Gebäudes. Heiliger war einer der wichtigsten Bildhauer der westdeutschen Nachkriegsmoderne. Eine repräsentative Auswahl seiner Werke steht heute im Garten des Kunsthaus Dahlem.

Veranstaltungen und Ausstellungen

23.10.26 - 23.11.26

WIE BILDER UNS LESEN – Antonio Peña

Ausgehend von seiner eigenen afro-indigenen Herkunft beschäftigt sich Antonio Peña mit der Sichtbarkeit Schwarzer und indigener Menschen in Mexiko. In seinen Zeichnungen untersucht er, wie Bilder Vorstellungen von Zugehörigkeit und Identität prägen. Dafür greift er auf Bildmotive zurück, die aus rassistischen Darstellungen bekannt sind, überzeichnet und verfremdet sie. Humor und Ironie werden dabei zu Mitteln, um die Widersprüche und die Konstruktion solcher Zuschreibungen sichtbar zu machen. Peña verweist damit auf die Geschichte rassistischer Bildwelten und ihre fortdauernde Wirkung. Seine Arbeiten fragen danach, wie Menschen durch Bilder kategorisiert und auf bestimmte Merkmale reduziert werden. Zugleich machen sie sichtbar, dass solche Vorstellungen nicht selbstverständlich sind, sondern durch historische und gesellschaftliche Bildtraditionen geprägt werden.

 

Die Präsentation erweitert Eva Frankfurther – Das Leben malen um eine zeitgenössische Perspektive. Während Frankfurther Menschen jenseits gesellschaftlicher Zuschreibungen in ihrer Individualität in den Blick nimmt, untersucht Peña die Bildwelten, durch die solche Zuschreibungen entstehen und weitergegeben werden.

 

Künstler

 

Antonio Peña ist ein afro-indigener Künstler, Kurator und Kulturmanager aus Oaxaca, Mexiko. Seine künstlerische Praxis umfasst Zeichnung, Installation und textile Techniken. Darüber hinaus ist er im Museums- und Ausstellungsbereich tätig und arbeitet als Leiter der Ausstellungsgestaltung am Museo de Arte Contemporáneo y de las Culturas Oaxaqueñas (MACCO) in Oaxaca. Seine Arbeit beschäftigt sich mit den historischen Ursprüngen von Gewalt und deren kulturellen und gesellschaftlichen Auswirkungen.

23.10.26 - 14.02.27

EVA FRANKFURTHER – Das Leben malen

Eva Frankfurther zählt zu den bemerkenswerten Wiederentdeckungen der britischen Nachkriegskunst. Im Mittelpunkt ihres Werks stehen Menschen, deren Alltag von Arbeit, Migration und sozialer Unsicherheit geprägt war: Einwanderinnen und Einwanderer, Arbeiterinnen und Arbeiter sowie die Bewohner des Londoner East End. Mit großer Empathie und sozialer Aufmerksamkeit schuf sie Porträts und Milieustudien, die den Alltag dieser Gemeinschaften eindringlich dokumentieren und bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

 

 

Leben und Werk von Eva Frankfurther

 

Geboren wurde Eva Frankfurther am 10. Februar 1930 in Berlin-Dahlem als jüngstes von drei Kindern des Textilunternehmers Paul Frankfurther und seiner Frau Henriette, die jedoch bereits 1931 verstarb. Die Familie gehörte zum assimilierten jüdischen Bürgertum. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten sahen sie sich zur Emigration gezwungen: 1939 wurden zunächst die Kinder nach England geschickt, wenig später gelang auch ihrem Vater und ihrer Stiefmutter die Flucht aus Deutschland.

 

Von 1946 bis 1951 studierte Eva Frankfurther an der St. Martin’s School of Art in London, zeigte sich aber schon bald enttäuscht von der Londoner Kunstszene, da sich Ausbildung und Ausstellungsbetrieb vor allem um formale Fragen und die Auseinandersetzung zwischen Figuration und Abstraktion drehten. Für Frankfurther hingegen waren Form und Farbe jedoch nie Selbstzweck, sondern Mittel, um Menschen und ihre sozialen Lebenswirklichkeiten zu verstehen und darzustellen. Prägend wurden für sie daher Begegnungen außerhalb des Ateliers. Zwischen 1948 und 1950 reiste Frankfurther dreimal in die Vereinigten Staaten und unterrichtete im Sommercamp ihrer Tante Vera Lachmann Kunst und Handwerk. Die Aufenthalte führten sie auch in den New Yorker Stadtteil Harlem, wo einfühlsame Porträts und Milieustudien der schwarzen Bevölkerung entstanden – Werke, die den Ausgangspunkt für ihre spätere künstlerische Entwicklung bildeten.

 

Nach dem Studium zog Frankfurther nach Whitechapel im Londoner East End, einem von Armut und Einwanderung geprägten Stadtteil. Zu dieser Zeit verdiente sie ihren Lebensunterhalt zunächst als Servicekraft im Lyons Corner House am Piccadilly und später als Arbeiterin in einer Zuckerraffinerie an den Victoria Docks. Sie blieb dabei nicht distanzierte Beobachterin, sondern verstand sich selbst als Teil der Lebenswelt, die sie malte. Ihre Bilder zeigen mit großer Anteilnahme Menschen in ärmlichen Lebensumständen, in Momenten der Erschöpfung, in Krankheit oder Einsamkeit.

 

Während dieser Zeit bereiste die Malerin auch den europäischen Kontinent, was ihren Blick auf Menschen und ihre Lebenswelten erweiterte. 1951 fuhr sie nach Italien und Frankreich. 1958 folgte sie einer Einladung nach Israel, wo sie acht Monate blieb, bevor sie im Oktober des Jahres wieder nach London zurückkehrte. Nur drei Monate später, im Januar 1959, nahm sie sich im Alter von nur 28 Jahren das Leben.

 

Über die Ausstellung

 

Die Einzelausstellung an ihrem Geburtsort widmet sich erstmalig dem kurzen, aber bemerkenswert intensiven künstlerischen Schaffen von Eva Frankfurther. Mehr als 40 Gemälde und Papierarbeiten geben Einblick in ein Werk, das Migration, Exil und das Leben von Einwanderer- und Arbeitergemeinschaften im London der Nachkriegszeit einfühlsam erfasste. Stilistisch knüpfte Frankfurther an die sozial engagierte Bildsprache von Käthe Kollwitz an und verband sie mit Elementen des neuen figurativen Realismus, der sich im Großbritannien der 1950er-Jahre herausbildete. Ihr Werk vereint diese Traditionen zu einer eigenständigen künstlerischen Position, die bis heute nicht an gesellschaftlicher Relevanz verloren hat.

 

 

Ausstellungskatalog

 

Zur Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog mit Beiträgen von Sarah MacDougall, Philine Pahnke und Gloria Freiler (deutsch / englisch, 60 Seiten).

25.10.26 - 14.02.27

ZEIT GEHT NICHT VERLOREN – Skulpturen für bewohnte Räume von Ruth Maria Linde-Heiliger

Die Holzskulpturen von Ruth Maria Linde-Heiliger werden in diesem Jahr, 30 Jahre nach ihrem Tod, erstmals im ehemaligen Atelier des Bildhauers Bernhard Heiliger gezeigt. Die Werke stammen aus dem Besitz der Kinder Jutta, Stefan und Anita und sie geben einen gültigen Überblick über das bildhauerische Schaffen der Künstlerin.

 

Ruth Maria Linde, geboren am 18. August 1916 in Berlin, entschied sich früh, im Alter von ungefähr 17 Jahren für Bildhauerei. Anfänglich nahm sie Privatunterricht bei einem anthroposophischen Holzschnitzer, der wohl bald nach 1933 Berlin verlassen musste. Ruth Maria Linde führte es Mitte der 1930er Jahre zur Werkkunstschule nach Krefeld, dort studierte sie bei Johannes Itten (1888–1967), der ganz in der Tradition der Bauhauslehre stand. Nach zwei Jahren kehrte sie nach Berlin zurück und setzte ihr Studium bei der Bildhauerin Milli Steger (1881–1948) an der sogenannten ›Damenakademie im Verein der Künstlerinnen Berlin‹ fort. Steger, aus Wuppertal-Elberfeld stammend, von Karl Ernst Osthaus in Hagen gefördert, wechselte nach dem ersten Weltkrieg nach Berlin und unterrichtete von 1927 bis 1942 Bildhauerei und Aktzeichnen, u.a. in Kursen an der Hochschule der bildenden Künste, der heutigen Universität der Künste, am Steinplatz, wo Ruth Maria Linde 1938 Bernhard Heiliger kennenlernte.

 

Aufgrund der Geburt der ersten Tochter und der Heirat mit Bernhard Heiliger, der Kriegszeit sowie der schwierigen Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs in Berlin, reduzierte Ruth Maria Linde ihre bildhauerischen Bestrebungen und widmete sich ganz der Erziehung der drei Kinder Jutta, Stefan und Anita. Im Alter von 37 Jahren entschließt sie sich, sich von Bernhard Heiliger scheiden zu lassen. Als schließlich die Kinder erwachsen sind, verlässt sie im Mai 1966 im Alter von 50 Jahren Berlin und zieht sich auf die Halbinsel Eiderstedt nach Schleswig-Holstein zurück, wo sie in Osterhever ein Haus erwarb und sich diese Kate für ihre Zwecke zum Atelier- und Wohnhaus umbaute. Im Zentrum steht eine Hobelbank, die sich bis heute in dem Haus befindet. An dieser Hobelbank nahmen alle Werke ihre heutige Gestalt an. Die physische Bearbeitung der Holzstücke, das Sägen, Schneiden, Schleifen, Schnitzen mit Beitel ohne Nutzung jedweder Maschinen war ihr wichtig. Diese sich selbst gesetzten Regeln und technischen Voraussetzungen bestimmen ganz wesentlich Proportionen und Formate der Skulpturen. Fortan arbeitet sie unter ihrem Mädchennamen Maria Linde; die meisten Werke sind jedoch mit den Initialen ihres vollständigen Namens signiert: R.M.L.H.

 

»Alle Skulpturen gehen vom Holz aus«, wie Maria Linde sagte, das meint, wie sie es gefunden oder erworben hat, gesammelt als Strandgut bei langen Wanderungen im nahen Wattenmeer wie die Mooreiche, erworben bei Nachbarn und Freunden, die ihre Obstbäume aufgrund von Windbruch fällen mussten. Formen folgen den Vorgaben des Holzes und seinen Maserungen, sie erscheinen als organisch vegetative Motive oder als eine in die Form hineingesehene Figuration aus der Tierwelt wie Vogelmotive oder Katzen. Damit reiht sich Maria Lindes Werk in eine facettenreiche Tradition von Tierplastiken ein, die in Deutschland mit August Gaul (1869–1921) im 19. Jahrhundert begann, mit Renée Sintenis (1888–1965) in Berlin und Ewald Mataré (1887–1965) im Rheinland einen Höhepunkt im 20. Jahrhundert erfuhr.

 

Die einzelnen Werke von Maria Linde sind in den seltensten Fällen datiert und sie tragen offiziell keine Titel, eher Hilfsbezeichnungen in Anführungszeichen, wie in einem Katalog der edition galerie lüth in Halebüll aus dem Jahre 1990, dem zu Lebzeiten Lindes wohl einzigen, der erschienen ist. Die umfangreiche Publikation Ruth Maria Linde-Heiliger – Holzskulpturen aus dem Jahre 1997, ediert als Hommage an die Mutter von den Kindern, versucht eine Chronologie in der Abfolge der Abbildungen. Diese »Zeitlosigkeit« begründet den Titel unserer Ausstellung und es ist das Motto ihrer autobiographischen Aussagen in dieser Publikation. So sind die Werke zeitlos im doppelten Sinn, sie sind nicht konkret zu datieren und zudem zeitlos in der Abstraktion, weil immer noch gültig in der Wirkung ihrer Ästhetik.

 

Der Untertitel beschreibt die Intention Maria Lindes, Skulpturen zu schaffen. Sie selbst nannte ihre Werke »Skulpturen für bewohnte Räume«, weil ihrer Auffassung nach einerseits jedes Holz nur im geschützten Innenraum seine Wirkung entfalten kann und sie andererseits mit diesen Skulpturen leben, eben wohnen wollte. Diese Idee der Gestaltung des persönlichen Lebensraums geht mutmaßlich auf ihre Ausbildung bei Johannes Itten zurück, der nach seiner Zeit am Bauhaus in Dessau, nach dessen Schließung 1933, an der Werkkunstschule in Krefeld lehrte und die Bauhaus-Idee dort selbstverständlich weiterführte. Deren Kern war es immer gewesen, Alltag und Leben in einer gestalteten Umgebung als Einheit zu denken, Funktion und Ästhetik zusammenzuführen und ein bewusstes Leben zu führen. Das hat Ruth Maria Linde-Heiliger sich errungen und geleistet. Sie verstarb in Eiderstedt am 14. Juni 1996. So ist in 30 Jahren aus der zurückgezogenen Lebensweise seit 1966 in dieser Westküstenregion Schleswig-Holsteins, im Schutz der Deiche, ein Werk entstanden, das mit dieser Ausstellung nach nochmals 30 Jahren nun neu gewürdigt und entdeckt werden soll.

 

Friedrich Meschede

 

Ausstellungskatalog

 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag Hatje Cantz.

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