Gianna Surangkanjanajai (geb. in Köln, lebt in New York) arbeitet vorwiegend skulptural. Ihre Arbeiten entstehen aus Situationen, in denen Material, Raum und Handlung unmittelbar ineinandergreifen. Skulptur bezeichnet in ihrer Praxis keinen feststehenden Zustand, sondern einen Prozess, dessen Verlauf sich nicht vollständig festlegen lässt. Ausgangspunkt ihrer Werke sind häufig einfache geometrische Körper, die Materialien aufnehmen und begrenzen. Innerhalb dieser Strukturen reagieren Flüssigkeiten, Farbe oder andere Stoffe auf Licht, Temperatur und Schwerkraft. Spannungen treten hervor, Zustände verschieben sich, innere Ordnungen geraten in Bewegung. Diese Dynamiken bleiben sichtbar und setzen sich fort, ohne sich zu einer endgültigen Form zu verdichten.
Für die Ausstellung im Haus am Waldsee ist eine Gruppe neuer Arbeiten entstanden. Vier großformatige Plexiglasquader sind mit industrieller Farbe gefüllt. Bereits im Ruhezustand wirkt die Masse der Flüssigkeit auf die geometrischen Strukturen: Die hohe Dichte der Farbe erzeugt einen konstanten Druck auf Wandflächen und Klebefugen, der sich bei Bewegung weiter erhöht. Verformung oder strukturelles Versagen bleiben dabei als latente Möglichkeiten präsent.
Die Skulpturen tragen den Titel Push und gehen aus einer performativen Handlung hervor. Auf Rollbrettern platziert, werden die Quader in den Ausstellungsraum gestoßen. Wo sie zum Stillstand kommen, ergibt sich aus Gewicht, Geschwindigkeit und den spezifischen Bedingungen des Raums. Spuren dieses Vorgangs bleiben im Inneren der Körper ablesbar: Farbe, die an die Wände schlägt, setzt sich anschließend ab und zieht Schlieren entlang der transparenten Oberflächen.
In einem weiteren Raum hat Surangkanjanajai eine bewegliche Wand installiert, die von den Besucher:innen entlang einer Deckenschiene nach Belieben verschoben werden kann. Mit ihrer Bewegung verändern sich Proportionen und Lichteinfall; Durchgänge öffnen oder verengen sich, Wege werden blockiert oder umgeleitet.
Die mobile Wand ist mit einem hellen Tarnmuster versehen, das ursprünglich darauf zielt, Dinge oder Personen visuell in ihrer Umgebung aufgehen zu lassen. In dieser Arbeit wird dieses Versprechen jedoch unterlaufen. Während das Muster Tarnung suggeriert, bleibt die Wand in ihrer raumteilenden Präsenz unübersehbar. Auch die militärischen und popkulturellen Assoziationen von Camouflage lassen sich nicht neutralisieren und treten als geteiltes kulturelles Wissen in Erscheinung. Anstatt diese Bezüge zu glätten oder zu kommentieren, setzt Surangkanjanajai sie einer räumlichen Situation aus, in der der Anspruch auf Unsichtbarkeit an der eigenen Setzung scheitert.
Sowohl die Push-Skulpturen als auch die mobile Wand halten ein offenes Feld aufrecht, in dem sich formale und inhaltliche Entwicklungen entfalten, ohne auf ein festes Resultat hin angelegt zu sein. Diese Prozesshaftigkeit spiegelt sich auch in der Betitelung der Ausstellung, die sich entlang ihres zeitlichen Verlaufs verändert. Vor der Eröffnung trägt die Ausstellung den Titel Upcoming, während ihrer Laufzeit heißt sie Open und nach ihrem Ende Closed. Die Titel markieren keine narrative Abfolge, sondern verweisen auf Zeit selbst als eine Bedingung, unter der sich Bedeutung fortlaufend neu formiert.
In ihrer Praxis interessiert sich Surangkanjanajai weniger für die Auslotung ortsspezifischer Besonderheiten als für grundlegendere Fragen danach, wie Handlungen Form hervorbringen, wie Materialien auf Eingriffe reagieren und wie Bedeutung aus dem Zusammenspiel dieser Faktoren entsteht. Ihre Offenheit ist kein Ausweichen ins Unbestimmte, sondern eine bewusste Abkehr von einer Fixierung der Gegenwart. Ungewissheit, Zufall und Widerstand sind dabei keine ungewollten Störungen, sondern produktive Bedingungen ästhetischer Erfahrung.
Kuratiert von Beatrice Hilke

