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St. Gallen

Jacqueline de Jong. Ungehorsam

Ausstellung

Das Kunstmuseum St. Gallen präsentiert die erste Retrospektive der kürzlich verstorbenen niederländischen Künstlerin Jacqueline de Jong (1939 geboren in Hengelo, Niederlande, 2024 gestorben in Amsterdam) in der Schweiz. De Jongs umfassendes Œuvre, das Malerei, Skulptur und Grafik umfasst, steht im Dialog mit wichtigen künstlerischen Bewegungen der Nachkriegszeit wie Art brut, Pop Art, Neue Figuration und Postmoderne. Bereits mit 19 Jahren engagierte sich De Jong in der radikalen Avantgardebewegung Situationistische Internationale. Diesem Geist blieb De Jong zeit ihres Lebens treu: Ihr sich stetig wandelndes, oft politisch engagier­tes Werk ist spielerisch, erotisch, humorvoll, abgründig und immer radikal zeitgenössisch der Welt zugewandt. 

 

 

Die Künstlerin Jacqueline de Jong

 

Jacqueline de Jong wurde 1939 in Hengelo geboren, einer niederländischen Kleinstadt nahe der deutschen Grenze. Ihre jüdischstämmige Familie musste nach der nationalsozialistischen Besetzung der Niederlande 1940 untertauchen. 1942 floh ihre Mutter – eine Schweizerin, die dem Vater in die Niederlande gefolgt war – mit der dreijährigen Jacqueline in die Schweiz, wo sie die Kriegsjahre in Zürich verbrachten. 1947 kehrten sie nach Hengelo zurück, wo Jacquelines Vater eine Strumpffabrik besaß. Trotz der eher provinziellen Umgebung kam De Jong früh mit Avantgardekunst in Berührung: Ihre Eltern waren engagierte Sammler und erwarben Werke von Künstlern wie Karel Appel, Jean Dubuffet, Roberto Matta and Wilfredo Lam. De Jong selbst interessierte sich zunächst für die Schauspielerei. Noch vor dem Abschluss der Mittelschule reiste sie, siebzehnjährig, nach Paris und London, um eine Schauspielkarriere zu verfolgen. Dieser Traum endete jedoch abrupt, als sie die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule in Arnheim nicht bestand. Stattdessen begann sie im innovativen Stedelijk Museum in Amsterdam zu arbeiten, wo sie dem Direktor Willem Sandberg assistierte. Zudem studierte sie Kunstgeschichte und begann zu malen. Über ihre Eltern lernte sie Asger Jorn kennen, mit dem sie eine Beziehung einging. Durch ihre Arbeit im Museum kam sie auch mit Mitgliedern der deutschen, situationistischen Künstlergruppe SPUR in Kontakt, mit denen sie sich anfreundete. 1960 schloss sie sich auf dem vierten Kongress der Situationisten offiziell der Bewegung an. Ein Jahr später zog sie nach Paris, um sich ausschließlich ihrer künstlerischen Laufbahn zu widmen. 

 

In den 1960er-Jahren erlebte Paris das Ende von Art Informel, Lyrischer Abstraktion und Vitalismus – Strömungen, die zuvor die Malerei dominiert hatten. Neue Bewegungen wie Pop Art, Nouveau Réalisme und die neue Figuration gewannen an Bedeutung. Jacqueline de Jong nahm diesen Wandel auf: Fasziniert vom Fernsehen und inspiriert von populären Medien wie Science-Fiction und Pornografie fand sie darin wichtige Impulse für ihr Werk. Ihre bis dahin abstrakte Malerei wurde zunehmend figurativer, und sie begann, ihre eigene, unverwechselbare künstlerische Perspektive zu entwickeln. Zudem arbeitete sie vermehrt in Serien. 

 

De Jongs künstlerisches Schaffen in den 1960er-Jahren war zudem geprägt von ihrer Arbeit an The Situationist Times – einem eigenen situationistischen Magazin, das sie nach ihrem Ausschluss aus der Situationistischen Internationale von 1962 bis 1967 herausgab. Auch ihr Engagement in der Protestbewegung von 1968 war prägend: Für die Studentenproteste entwarf sie politischen Plakate und beteiligte sich aktiv an den Aktionen. 

 

1971 kehrte Jacqueline de Jong nach Amsterdam zurück. Die letzte Ausgabe der Situationist Times war ein finanzielles Debakel; sie hatte sich von Asger Jorn getrennt und ihr Atelier verloren. In Amsterdam lebte sie zusammen mit ihrem neuen Partner Hans Brinkman in einem besetzten Haus. Brinkman eröffnete 1975 eine Galerie in Amsterdam, nachdem er zuvor in Den Haag das Pander Kunstcentrum geführt hatte. De Jong unterstützte ihn dabei. 1974 organisierte sie zusammen mit Daniel Spoerri ein grosses Dinner mit performativem Charakter, das Poor Man’s Meal, zu dem sie Künstler:innen aus ihrem Pariser Netzwerk einlud: darunter Ben Vaultier, Niki de Saint Phalle, Lea Lublin, Antonio Seguí, Peter Saul und Christian Boltanski. 

 

In Amsterdam arbeitete De Jong weiter in Serien. Zunächst entstanden die Arbeiten Chronique D’Amsterdam (Diary Drawing), in denen sie Text und Bilder kombinierte, um ihr Amsterdamer Leben mit ihren Pariser Freund:innen teilen zu können. Die aufklappbaren Koffer waren handlich und einfach zu transportieren. Die nächste bedeutende Werkserie war in noch stärker von einem realistischen Malstil geprägt: In ihrer Serie Billiards malte De Jong von der Pop Art inspirierte Szenen von Billardspielenden, in ungewöhnlichen Ansichten, Winkeln und Positionen. Dabei entstand ein spannungsreiches Spiel zwischen Bildfläche, Billardtisch und Hintergrund. Die Gemälde sind zugleich reich an visuellen Wortspielen und Doppeldeutigkeiten. 

 

Ab den frühen 1990er-Jahren beschäftigte sich De Jongs Werk immer wieder mit dem Krieg und seiner medialen Darstellung: Die Serie Megaliths (1991–1993) reflektiert die kollektive Medienerfahrung des Ersten Golfkriegs; in ihrer Serie War (2013–2024) zieht sie eine Linie vom Ersten Weltkrieg bis zum langjährigen Krieg in Syrien; Border-Line (2020–2023) thematisiert die Flüchtlingskrise in Griechenland; und Disaster (2022–2024) setzt sich mit den Kriegen in der Ukraine und in Gaza auseinander.  

 

Neben diesen politisch aufgeladenen Arbeiten wurde auch die ländliche Umgebung ihres Hauses im Bourbonnais in Frankreich zur künstlerischen Inspirationsquelle. De Jong baute dort Kartoffeln an und liess sie austreiben, was zu ihren Collagen Potato Blues (2017) sowie ihrer Skulpturen- und Schmuckserie Pommes de Jong führte. Im Kontrast zu den thematisch klar definierten Werkgruppen steht die Loose-Reihe, in der sich De Jongs lebenslange Interesse an einer expressiven und imaginativen Form der Malerei verdichtet. In diesen großformatigen Werken begegnen sich Monster, Tiere und Menschen in chaotischen, oftmals bedrohlichen Szenen voller Erotik und Gewalt. 

 

Zu ihren jüngsten Einzelausstellungen zählen Vicious Circles im NSU Art Museum, Fort Lauderdale; Narrative / Non-Narrative bei Ortuzar Projects, New York (2024); Frontspace: Border… and other Lines bei Dürst Britt & Mayhew, Den Haag, Niederlande (2023); The Ultimate Kiss im WIELS Contemporary Art Centre in Brüssel, in MOSTYN in Llandudno, Wales, und im Kunstmuseum Ravensburg (2021, 2022); Border-Line bei Ortuzar Projects, New York (2021); Catastrophes in der Pippy Houldsworth Gallery, London (2020); Pinball Wizard im Stedelijk Museum Amsterdam (2019); Retrospective im Musée Les Abattoirs, Toulouse (2018); Jacqueline de Jong & The Situationist Times in der Malmö Konsthall (2018); sowie Undercover in de kunst im Cobra Museum of Modern Art, Amstelveen (2003). 

 

Ihre Arbeiten waren zudem in Gruppenausstellungen vertreten, darunter Strategic Vandalism: The Legacy of Asger Jorn’s Modification Paintings, Petzel, New York (2019); Asger Jorn & Jacqueline de Jong: Case of the Ascetic Satyr, Galerie Clemens Thimme, Karlsruhe (2016); sowie The Avant-Garde Won’t Give Up: Cobra and Its Legacy, Blum & Poe, Los Angeles (2015). 

Diese Ausstellung endet in
28
Tage
17
Std
44
Min
43
Sek
Start Termin
27.09.2025
Ende Abschluss
22.03.2026
Öffnungszeiten
Montag
geschlossen
Dienstag
10:00–17:00
Mittwoch
10:00–17:00
Donnerstag
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Freitag
10:00–17:00
Samstag
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Sonntag
10:00–17:00

Weiterführende Literatur