Das Werk von Ser Serpas entrollt sich immer weiter – und überrascht. Bei der 1995 geborenen Künstlerin ist es angesichts ihres umfassenden Schaffens angebracht, bereits von einem Werk zu sprechen. Ihre künstlerischen Bewegungen sind offen und unvorhersehbar, nicht zuletzt weil sie häufig mit anderen Künstler:innen zusammenarbeitet. Sie gehört zu jenen, bei denen man sich nie sicher sein kann, was sie als Nächstes hervorbringen.
Serpas erste Ausstellungen landeten mit Wucht in der Gegenwartskunst: Sie erregten sofort Aufsehen, ihre Skulpturen aus Ausrangiertem, letztlich Müll, den sie auf der Straße findet und in »privaten Performances«, wie sie es nennt, zu pointierten Skulpturen aufeinanderstapelt, ineinander staucht und deren Glieder am Ende wieder aufgelöst auf die Straße zurückgeführt werden können. Stilrichtungen aus der Kunst mögen widerhallen bei dem, was sie tut, und doch ist es eigensinnig. Serpas lässt sich nicht an den Brettern der Zuschreibungen festnageln. Das Panorama ihrer Möglichkeiten nutzt sie großzügig, und zugleich weisen ihre Gedichte, Malereien und Performances, die seit jeher mit einer Punk-Attitüde entstehen, einen inneren Zusammenhang auf.
Beim Gehen, schon in der Tür, sagte sie: »Ich habe die Idee, ‚The Rocky Horror Picture Show‘ in eine Ausstellung zu verwandeln.« Eine Idee im Moment, mit einem Vorspann. In Los Angeles aufgewachsen und von Filmen geprägt, spielen Filme in Serpas’ Ausstellungen immer wieder eine Rolle. Sie bilden das Gerüst, in dem Malerei, Skulptur, Gedichte oder Performances auftreten. Noch in der High School erlebte sie erstmals eine Vorstellung des Musical-Films. Eine Welt öffnete sich. Der Teenager war tief bewegt vom Enthusiasmus des Publikums, begeistert von den Schattendarsteller:innen auf der Bühne, die den campen Film von 1975 mit simultanem Schauspiel und Lip-Sync begleiteten. Sie war angetan von der Schönheit des Gefühls, Teil von etwas zu sein. Das Erlebnis war eine der Zündungen für das eigene Selbstverständnis in der Kunst: das kollektive Erlebnis, DIY und der Bruch zwischen Bühne und Publikum.
In Serpas’ Ausstellungen wird oft einem Medium der Hauptauftritt beschert, wenn auch immer in Nachbarschaft zu anderen Kunstformen. Waren es zuletzt ihre Malereien von Körpern, begleitet von Performancekunst, biegt sie im Kölnischen Kunstverein auf neue Routen ab: Installation und Video. Alles bleibt dabei verzahnt und im Fluss, nichts verschwindet völlig, Malerei besteht auch in ihrer Kölner Ausstellung fort. Sie erscheint jetzt auf einem gigantischen Vorhang, der als Kulisse und Raumschnitt dient und auf dem sich Farbspuren abzeichnen. Der Fokus auf Film wiederum manifestiert sich in den für die Ausstellung entwickelten Video-Arbeiten und Rauminszenierungen, die wie Kulissen unterschiedlicher Szenarien funktionieren, in deren Atmosphären wir hineingezogen werden.
Neben »The Rocky Horror Picture Show« geistern atmosphärisch auch der Sci-Fi Film »Strange Days« (1995), der Survival-Horror »The Descent« (2005) und das Zombie-Epos »Train to Busan« (2016) durch die Ausstellung. Fast alle spielen sie in der Vergangenheit und blicken von dort in die Zukunft, die bereits wieder vergangen ist. Ser Serpas vollzieht mit den Filmbezügen Zeitsprünge: Die düsteren Vorahnungen dieser Filme lässt sie in die Realität der Gegenwart einsickern.
In der Ausstellungshalle wandeln wir entlang von Bücherregalen, eine Kulisse, wie sie in Horrorfilmen und Thrillern auftauchen kann: durch die Regale beobachten und beobachtet werden, sich verstecken oder verirren. Wir bewegen uns in einer Bibliothek. Serpas hebt mit ihr in doppelter Weise ein Stück Geschichte des Gebäudes hervor: In der Nachkriegszeit befand sich in der Halle der Lesesaal des British Council. Die Regale sind wiederum bestückt mit dem Restbestand aller Ausstellungskataloge des Kunstvereins. Auf Video-Monitoren in den Regalen jagen Beinpaare vorbei. Sie rennen in einem Innenraum, als wären sie auf der Flucht vor etwas. Oder sind wir die Gejagten? Dazwischen bleiben die Bildschirme immer wieder schwarz. Der »Cut to Black« ruft Orientierungslosigkeit hervor. Wo wir auch sind, es scheint kein Entrinnen zu geben, die klingenden Schritte folgen uns überall hin. Das Video hat Serpas diesen Sommer in New York gemeinsam mit der Künstlerin Obadiah Russon gedreht. Mit der Arbeit verleihen Russon und Serpas kollektiven Empfindungen des latenten Bedrohtseins bis hin zur Paranoia ein beklemmendes Bild.
New York ist auch Schauplatz eines Videos von Obadiah Russon, das im Kinosaal gezeigt wird. Russon filmte mit einer in ihrem Mund platzierten Actionkamera. Wir blicken aus ihrem Inneren, sehen die Skyline und Straßenzüge, immer gerahmt vom Umriss ihrer Lippen, die sich öffnen und schließen und den Schnitt setzen. New York wirkt unheimlich entrückt, die Geräusche bedrohlich. Der eigentliche Horror findet über den Körper statt, der sich in einer Stadt bewegt, die wie ein hohler Schatten ihrer Selbst erscheint.
Die atmosphärische Steilvorlage für die von vielen als seltsam, gar unheimlich erlebte Gegenwart beschwört bereits der Titel der Ausstellung: Wir befinden uns in sonderbaren Zeiten. »Strange Days« von Kathryn Bigelow sah 1995 düstere Entwicklungen in der nahen Zukunft voraus: Der Film ist eine Parabel über extremen Voyeurismus durch Medienkonsum, gesellschaftliche Traumata, Verweigerung der Gegenwart, aber auch den männlichen Blick.
Wir verlassen die Bibliothek, gehen durch die Malerei hindurch, als würde Ser Serpas uns hinter die Bühne führen. Hinter dem Vorhang steht ein Greenroom. Er dient als Rückzugsort und Schminkraum für Performer:innen. Einmal monatlich finden im Kinosaal »Rocky Horror«- Filmvorführungen mit Shadow Cast Performances statt. Die Performenden bereiten sich in der Garderobe inmitten der Ausstellung vor, ihre Kostüme, Accessoires, das Schminkzeug breiten sich über die Zeit wie Spuren dort aus.
Serpas liefert keine Erklärungen, sie baut Situationen. Ihre Inszenierung im Kölnischen Kunstverein ist kein bloßes Spiel mit Filmzitaten, sondern ein begehbarer Zustand. Sie nutzt die Codes von Horror und Science-Fiction nicht als Popkultur, sondern als Seismografen für ein kollektives Unbehagen. Indem sie uns durch Kulissen schleust, macht sie uns selbst zu Akteurinnen, zu Voyeuren und zu Gejagten. Am Ende geht es um die Frage, wo die Inszenierung aufhört und die reale Paranoia einer sonderbaren Gegenwart beginnt. Doch die Inszenierung verharrt nicht in der Angst: Der bunte Riesenvorhang, der Green Room und die Filmvorführungen markieren den Ausbruch. Mit dem Verweis auf die exzessive Energie der »Rocky Horror Picture Show« kippt die Stimmung in einen Raum der Möglichkeiten, des Humors und der kollektiven Verwandlung. Am Ende zeigt Serpas, dass im Schutzraum des Theatralischen – dort, wo Bühne und Publikum verschmelzen – die Kraft liegt, der lähmenden Angst unserer Zeit etwas entgegenzusetzen. Wir schauen nicht nur zu: Wir werden Teil des Ausbruchs.