In ihrer Ausstellung verfolgt die Berliner Künstlerin Susanne Kriemann (*1972, Deutschland) die Spuren des Atom- und Industriezeitalters bis in unsere unmittelbare Umgebung. Ausgangspunkt ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit Radioaktivität war die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die sich 2026 zum vierzigsten Mal jährt und immer wieder in ihre künstlerischen Recherchen einfließt. Im Zentrum der Ausstellung stehen jedoch die Landschaften ehemaliger Uranabbaugebiete in Sachsen, Thüringen und im französischen Limousin. Auch dort erscheint Strahlung nicht als fernes oder abstraktes Phänomen, sondern als Teil von Böden, Pflanzen und Gebäuden. Die Ausstellung verbindet diese Recherchen mit der Bausubstanz ihres Berliner Ateliers. Dabei folgt Kriemanns einem erweiterten Verständnis von Fotografie, das Material und Prozesse gleichermaßen einbezieht.
In ihrer Langzeitarbeit Pechblende greift Kriemann seit vielen Jahren auf das Verfahren der Autoradiografie zurück. Dabei entstehen Bilder ohne Kamera oder äußere Lichtquelle: Radioaktive Stoffe wirken direkt auf fotografischen Film ein. Im neuen Zyklus Pechblende (Fever) kombiniert sie Proben des uranhaltigen Erzes mit getrockneten Pflanzen aus ehemaligen, inzwischen sanierten Abbaugebieten. Für eine weitere Werkreihe vergrub sie unbelichteten Planfilm mehrere Monate lang in einer renaturierten Halde bei Dresden. Auch hier registriert der Film eine Energie, die weder unmittelbar sichtbar noch vergangen ist, sondern als materielles Nachleben in der Landschaft fortwirkt.
Ein weiteres Motiv der Ausstellung ist Kriemanns Atelier. Es ist zugleich Ort ihrer künstlerischen Produktion und Zeugnis seiner industriellen Vergangenheit. Unter den alten Holzdielen fand sie Schlacke – einen Reststoff der Schwerindustrie, der in Berliner Gründerzeitbauten häufig als Füllmaterial verwendet wurde. Kriemann verarbeitet die Schlacke zu Pigment, Holzspäne arbeitet sie in selbstgeschöpftes Papier ein, und die Dielen werden Teil einer ortsspezifischen Szenografie, die mit der Architektur des Amerika Hauses interagiert. Darin zeigt sich eine zirkuläre Logik, der Kriemanns Arbeit insgesamt folgt. Jede Handlung bringt ein Nebenprodukt hervor, das an anderer Stelle weiterwirkt.
Auch der Titel verbindet diese Ebenen. Das Fieber verweist auf eine überhitzte Gegenwart: auf Klimawandel, Ressourcenverbrauch und Überproduktion sowie auf die Frage, wie vergangene Formen industrieller Ausbeutung bis heute in Landschaften, Materialien und ökologischen Kreisläufen fortwirken. Die »Schmetterlinge im Bauch« beschreiben dagegen eine Regung, die man spürt, bevor man sie versteht – anders als radioaktive Strahlung, die wirksam ist, ohne sich unmittelbar bemerkbar zu machen. Kriemann fragt, wie sich solche verborgenen Wirkungen wahrnehmen lassen und welche Formen von Wissen aus der Aufmerksamkeit für das Erbe vergangener Industrien entstehen.
Die Arbeit wird gemeinsam mit Stelios Kallinikou . Cliffs Among Dreams als Doppelausstellung im Rahmen des After Nature . Ulrike Crespo Photography Prize 26 erstmals bei C/O Berlin präsentiert. Kuratiert von Katharina Täschner. Es erscheint jeweils eine begleitende Publikation im Verlag Hartmann Books.
Biografie
Susanne Kriemann (*1972, Deutschland) ist Künstlerin und Professorin an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Seit 2010 organisiert sie gemeinsam mit Aleksander Komarov ABA – AiR Berlin Alexanderplatz. Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt, darunter in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, bei Camera Austria (Graz), im Musée d’art Moderne Paris, im Stedelijk Museum Amsterdam, im MK&G Hamburg, bei C/O Berlin, im Wattis Institute (San Francisco) und in der Kunsthalle Wien. Darüber hinaus war sie auf der 5. Berlin Biennale, der 5. Moskau Biennale, der 10. und 11. Göteborg International Biennale, der 2. Karachi Biennale, der 11. Shanghai Biennale sowie der 2. Diriyah Biennale in Riad vertreten. Seit 1998 hat sie 24 Kunstler:innenbücher veröffentlicht.
Der After Nature . Ulrike Crespo Photography Prize ist ein gemeinsames Projekt der C/O Berlin Foundation und der Crespo Foundation. Jährlich ermöglicht der Preis die Umsetzung zweier rechercheintensiver Projekte und würdigt Künstler:innen oder Gruppen, die durch ihre Arbeit neue Konzepte von Natur in Fotografie und visuellen Medien erkunden. Der Preis umfasst ein Preisgeld von je 40.000 Euro, eine Ausstellung bei C/O Berlin und eine begleitende Publikation. Vom 26. Februar bis 23. Mai 2027 werden die Ausstellungen im Open Space der Crespo Foundation in Frankfurt am Main gezeigt.