Kuratiert von Kévin Blinderman, Pierre-Alexandre Mateos, Charles Teyssou Mit Arbeiten von Leonore Mau, Reba Maybury, Dean Sameshima, Wolfgang Tillmans, Herbert Tobias
1978 entwarf Karl Lagerfeld ein Lederkostüm für Peter Chatels Theateradaption The Leatherman. Das Stück selbst wäre beinahe verschwunden. Das Kostüm nicht. Chatels Projekt hatte mit Der Ledermann spricht mit Hubert Fichte begonnen, das 1977 von dem deutschen Schriftsteller und Ethnografen Hubert Fichte gemeinsam mit Hans Eppendorfer veröffentlicht wurde. Das Buch, bestehend aus drei stark fiktionalisierten Interviews, die über mehrere Jahre hinweg geführt wurden, bewegt sich auf unsicherem Terrain zwischen Bekenntnis, Ethnografie und Selbsterfindung. Hans Eppendorfer, unter dem Namen Hans-Peter Reichelt geboren, hatte sich bereits mehrfach neu erfunden: als Mörder, Häftling, Schriftsteller, Lederdominator und Chronist der Unterwelt von St. Pauli. Selbst der berüchtigte Bericht über den Mord an einer älteren Frau, weil sie angeblich seiner Mutter ähnelte, wurde durch die Interviews stilisiert, sodass es zunehmend schwieriger wurde, zwischen Zeugenaussage und literarischer Konstruktion zu unterscheiden. Lange bevor Chatel ihn auf die Bühne brachte, hatte Eppendorfer seine eigene Biografie bereits in eine Performance verwandelt.
The Leatherman hat nie wirklich aufgehört, die Kostüme zu wechseln. Die 1979 von Peter Chatel am Théâtre du Lucernaire in Paris uraufgeführte Adaption verwandelte die Interviews von Fichte und Eppendorfer in einen Monolog in drei Akten, der hauptsächlich von Michel Albertini gespielt wurde, während Chatel zugleich als Regisseur und Schauspieler auftrat. Weniger als konventionelles Theaterstück denn als theatralisches dispositif gedacht, verdichtete es unvereinbare Zeitlichkeiten in einem einzigen Raum: archaisches Ritual und Fernsehästhetik, Ledermythologie und Wirtschaftswunder, die nachwirkenden Schatten der jüngeren deutschen Vergangenheit und die Erfindung neuer homosexueller Identitäten. Hamburg verlor allmählich seine Funktion als Schauplatz und wurde zur zentralen Figur des Stücks. Rainer Werner Fassbinder soll erwogen haben, das Werk selbst zu inszenieren, während die Präsenz von Daniel Schmids zwischen Camp und Barock changierendes Kino The Leatherman in eine größere deutschsprachige Konstellation rückte, in der Theater, Kino, Mode und Performance immer wieder ineinander übergingen.
Paris feierte The Leatherman. Die Intellektuellen der Rive gauche applaudierten. Die Mode machte es sich zu eigen. Das Nachtleben erkannte sich darin wieder. Kellerbühnen. Gefährliche Jungs in schwarzem Leder. Philosophie nach Mitternacht. Westdeutschland als ästhetischer Entwurf, noch bevor es zur politischen Erinnerung wurde. Das Stück sammelte Legenden fast so schnell wie Kritiken. Was davon geblieben ist, ist zur Ausstellung selbst geworden: Karl Lagerfelds Originalkostüm, Archivfotografien, Drehbücher, Bühnenrequisiten, Fernsehdokumente, seltene Ephemera und die Erinnerungen Michel Albertinis – jedes einzelne trägt das Stück durch Medien, Generationen und Kontexte.
Hubert Fichte vermutete, dass sich ganze Städte bisweilen in einer einzigen Biografie verbergen und dass Hans Eppendorfers Leben am Ende mehr über Hamburg verraten könnte, als Hamburg jemals über sich selbst preiszugeben vermochte. The Leatherman beginnt dort. In einer Hafenstadt, in der Leder langsam trocknet. In der Regen auf schwarzen Jacken liegen bleibt. St. Pauli entfaltet sich weniger als Stadtteil denn als Atmosphäre: die Reeperbahn im Morgengrauen. Tanzlokale. Hafenanlagen. Jahrmärkte. Zimmer, die stundenweise vermietet werden. Stripclubs. Kellerbars. Billige Hotels. Hafennebel. Billiges Eau de Cologne. Das anhaltende Gefühl, dass jede Straße vielleicht längst zur Geschichte einer anderen Person gehört.
In dieser Landschaft erscheint die Lederszene weniger als Identität denn als diskretes System der Wiedererkennung. Leder hört auf, Fetisch zu sein. Es wird zur Sprache. Jacken. Stiefel. Motorradclubs. Bars. Gemeinsame Rituale. Leder sah schon immer besser aus bei schlechtem Licht. Anstatt Peter Chatels Inszenierung zu illustrieren, vervollständigt, verkompliziert und widerspricht die Ausstellung bisweilen ihren ursprünglichen Intuitionen und führt den Ledermann über das Theater hinaus – in andere Geschichten, andere Körper und andere Bildsprachen: Der Fotograf Herbert Tobias kehrt in das Hamburg der späten 1970er-Jahre zurück, wo diese Fragen erstmals sichtbar wurden, und fotografierte Hafenbaustellen, Cruising-Orte und anonyme Begegnungen, bevor AIDS diese Infrastrukturen in historische Dokumente verwandelte. Wolfgang Tillmans gehört einer anderen Generation an. Die Aschenbecher sind noch voll. Die Gesichter verschwinden im Beschlag. Erinnerung erscheint weniger als Denkmal denn als blasses Nachbild, gefiltert durch die ausgebleichte Bildsprache von Post-Punk, Fotokopien und Underground-Druckkultur. Leonore Mau verwandelt die Ethnografie leise in ein Porträt des Ethnografen selbst. Sie fotografiert Hubert Fichte als einen Körper unter anderen, bis sich die Feldforschung als ebenso sehr eine Praxis des Begehrens und der Präsenz wie der Beobachtung erweist. Dean Sameshima treibt den Reduktionismus bis an seine Grenze und verdichtet eine ganze erotische Kultur in einem einzigen Wort: Anonymous. Das Verschwinden der Identität wird paradoxerweise zu ihrem erkennbarsten Zeichen. Reba Maybury bringt jene Perspektive ein, die Peter Chatels Produktion nie besaß, und ersetzt maskuline Brüderlichkeit durch die Autorität einer weiblichen Domina. Ihre Sub Penis Prints, angefertigt von ihren Submissiven, halten körperliche Spuren fest, die zwischen Abstraktion, Urheberschaft und Beweis hin und her pendeln.
Nach den aufeinanderfolgenden Übersetzungen, durch die aus einem Leben ein Buch, aus einem Buch ein Theaterstück und aus einem Theaterstück schließlich eine Ausstellung wurde, kehrt The Leatherman nun erneut als theatralisches dispositif zurück. Wenn das Theater am Ende jeder Aufführung verschwindet, beginnt sein Nachleben erst am folgenden Morgen wirklich. Statt eine verlorene Inszenierung zu rekonstruieren, folgt die Ausstellung dem, was geblieben ist: Archiven, Gerüchten, Kostümen, Bildern und Erinnerungen, durch die eine verschwundene soziale Welt weiterhin zirkuliert.
Viele der Räume, die einst queeres Leben trugen, sind verschwunden, während AIDS die Netzwerke der Weitergabe, die diese Gemeinschaften am Leben hielten, brutal unterbrach. The Leatherman begreift das Ausstellen daher als eine Form ethnografischer Recherche – nicht, um die Vergangenheit wiederzubeleben, sondern um zu fragen, welche Formen noch weitergegeben werden können, wenn die Welt, die sie hervorgebracht hat, nicht mehr existiert.
Am 16. Oktober veranstaltet der Kölnische Kunstverein in Kooperation mit dem Kölner Club King Georg ein öffentliches Gespräch über Hubert Fichte, Hans Eppendorfer und The Leatherman. Der Kritiker Diedrich Diederichsen und die Künstlerin Lili Reynaud-Dewar sprechen über das Buch, das Theaterstück und die offenen Fragen, die sie bis heute aufwerfen.