läuft
Recklinghausen

VideoKunstNächte 2026/27

Flo Kasearu
(De)fence, 2014
Video (HD), 5:44 Min 

George Landow
The Evil Faerie, 1966
16-mm-Film, 28 Sek., 

 

In diesem Herbst und Winter steht ein historisches Werk von George Landow (1944–2011) im Dialog mit einer Arbeit von Flo Kasearu (*1985) aus der Sammlung der Kunsthalle Recklinghausen. Häufig kommende Besucher:innen könnten die Videoarbeit der jungen Estin Kasearu bereits zweimal gesehen haben: zunächst groß projiziert in der obersten Etage während ihrer Ruhrfestspiele-Ausstellung 2022 und im letzten Jahr recht intim im Erdgeschoss während der Sammlungspräsentation »Affinities«. Nun ist ihre Arbeit »(De)fence« (2014) im Fenster der Fassade zu sehen und findet damit vielleicht eine dem ursprünglichen Drehort angemessenste Präsentation, denn es geht um die Idee der Begrenzung und des Schutzes von Räumen, gerade an der Schnittstelle von Privat und Öffentlich. Und um den Museumskontext.

 

Flo Kasearu hatte die Warschauer Nationalgalerie gebeten, während ihrer Abwesenheit aus ihrem eigenen »Flo Kasearu House Museum«, dem Haus, in dem sie in Tallinn lebt, für Wachpersonal zu sorgen. Ein Loch im Zaun ihres Gartens wurde fortan von einem Mitarbeiter der Firma bewacht, der in Warschau normalerweise auf die Kunstwerke aufpasst. Während Kasearus Abwesenheit an der polnischen Nationalgalerie übernahm er also die Bewachung dieses Lochs. Er wurde so zum Sujet ihrer Videoarbeit, die dokumentiert, wie er auf und ab geht, sich im Herbst auch an den von den Bäumen fallenden Äpfeln bedient und natürlich, auch etwas ironisch, eine Leerstelle beschützt. Oft wurde Kasearus Arbeit im Zusammenhang mit dem sogenannten Eisernen Vorhang oder den Durchlässigkeiten des Kunstsystems interpretiert. Als Teil der Sammlung der Kunsthalle – als erste von mittlerweile drei Videoarbeiten, die seit 2022 überhaupt in die Sammlung aufgenommen wurden – bekommt das Werk jedoch einen spannenden ortsspezifischen Dreh. Just in den Nachtstunden wandert hier nun im Bild ein Museumswärter auf und ab, als ob er auch unser Haus hinter den Fenstern schützen wollte. Und der Jahreszeit entsprechend stehen unsere Ginkgobäume vor dem Haus in just jener Phase des Jahres wie die Bäume im Video von Kasearu. Zumindest zu Beginn der Laufzeit, Ende November. In einem Fenster als Rückprojektion gezeigt, findet hier nun aber auch mediengeschichtlich etwas Bemerkenswertes statt: Denn der Blick hinein in ein Haus von der Straße her bietet wiederum den Blick hinaus in einen Garten an. Die architektonische Öffnung in das Innere zeigt ein anderes Außen und ist damit einer westlich-klassischen Idee von Malerei verwandt, die bis ins 20. Jahrhundert als »Fenster zur Welt« fungieren sollte. Seit dem 19. Jahrhundert auch vermehrt als Motiv in Naturdarstellungen.

 

Der darauffolgende Film von lediglich 28 Sekunden entstammt abermals der »Flux Film Anthology«, dem von George Maciunas zusammengestellten Kompendium von Filmen aus den Jahren 1962 bis 1970. Der experimentelle Filmemacher George Landow, der sich auch Owen Land nannte, zeigt in seinem Film »The Evil Faerie« den heute weitestgehend unbekannten Schauspieler Steven M. Zinc. Er steht auf einem Hausdach, trägt Sonnenbrille und grinst, während er Bewegungen macht, die an Flügelschlagen und das Flattern eines Kolibris erinnern. Oder eben an eine Fee. Erst ganz zum Schluss erscheint für einen kleinen Moment das Bild eines sogenannten »China Girls«. Ein aus heutiger Perspektive streitbarer Begriff, der auf eine mediengeschichtliche Besonderheit des Millimeterfilms verweist. Der US-Amerikaner Landow kannte diese »geheimen« Motive gut und wird sie später in seinem zehnminütigen Farbfilm von 1976 sogar als Motiv reinszenieren. »China Girls«, »Kodak LAD Girls« oder »leader ladies« waren Farbtestbilder, die entweder zu Beginn oder zum Ende des Films eingebaut wurden, um den Filmvorführer:innen die Möglichkeit zu geben, noch vor Beginn des Films Farbkorrekturen vorzunehmen. Oft wurden dafür Puppengesichter aus Porzellan (im Englischen veraltet als »China« bezeichnet), aber auch tatsächliche Porträtfotos verwendet, oft von weiblichen Porträtierten. Häufig in vielfarbigen Seidenkostümen gekleidet und von einer Farbskala begleitet, fungierten diese Bilder als unsichtbare Korrekturen und waren vor allem immer auf dem Filmmaterial präsent, ohne dass sie je vom Publikum gesehen wurden. Die böse Fee, wie der Titel des 28-sekündigen Films lautet, bezieht sich also sowohl auf den Protagonisten, der in den ersten 15 Sekunden eine schwebende Fee nachahmt und mit Sonnenbrille und aufgesetztem Lächeln wohl nicht unserem Bild einer guten Fee entspricht. Auf ihn bezieht sich wohl mehr das Wort »evil«. Die versteckte Fee zum Schluss, im Verborgenen operierend, die vieles möglich macht, ohne dass wir es wussten, ist dann die tatsächliche Fee und weniger böse.

 

Im Zusammenspiel sind beide Werke aber vor allem durch die Figur der Abwesenheit besonders spannend: Während sich Kasearus Video um die Abwesenheit der Künstlerin und die Abwesenheit eines Zaunstücks als Leerstelle dreht, die überhaupt erst den Anstoß dafür gibt, dass sich der Protagonist, hier der Museumswärter, vor dem Haus im Garten aufhält, ist Landows fliegende männliche Fee oben auf dem Hausdach eigentlich auch nur die Vorankündigung für die verborgene weibliche Figur, die heimlich im Teststreifen wohnt, ohne dass wir es wussten. Es geht hier also auch um die Sichtbarkeit von nicht-männlichen Figuren im Kunstbetrieb oder der Gesellschaft an sich. Anders gesagt: Sowohl Flo Kasearus als auch Landows Werk beschäftigen sich mit dem Aufzeigen nicht immer sichtbarer Räume, Zugangsmöglichkeiten und der Sichtbarkeit derjenigen, die vieles überhaupt erst möglich machen. Landow geht dabei mitunter Wege des jüdischen Mystizismus in Form der Kabbala, Kasearu entwirft dahingegen ihr ganz eigenes Königreich als Künstlerin – in einer Welt, die nicht zuletzt ein paar mehr Königinnen als einen weiteren König gebrauchen könnte.

 

Seit jeher sind die Fenster der Kunsthalle ein weithin sichtbarer Teil des Gebäudes, der auch immer wieder in einzelne Ausstellungsprojekte integriert wurden. Mit der Übernahme der Museumsdirektion durch Dr. Nico Anklam im Sommer 2021 bekam dieser Teil des Gebäudes nicht nur sein altes Gesicht zurück mit der Öffnung der Fenster sondern wurde auch für die Wintermonate neu gedacht: nächtlich ab 18 Uhr abends ist Videokunst im südlichsten Fenster als Rückprojektion zu sehen. Umsonst und für jede:n zugänglich die ganze Nacht.

Diese Ausstellung endet in
118
Tage
10
Std
42
Min
5
Sek
Termine
Start23.10.2026
Ende01.03.2027
Öffnungszeiten
Montagab 18:00
Dienstagab 18:00
Mittwochab 18:00
Donnerstagab 18:00
Freitagab 18:00
Samstagab 18:00
Sonntagab 18:00
Veranstaltungsort
Kunsthalle Recklinghausen
Kunsthalle Recklinghausen Große-Perdekamp-Straße 25–27, 45657 Recklinghausen

Geschichte Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand Deutschland vor einem Trümmerfeld. Nicht nur wortwörtlich, auch die Kunst- und Kulturlandschaft wurde im Zuge der Nationalsozialistischen Ideologie ausgedünnt und größtenteils vernichtet. 1944 fiel in Recklinghausen das Vestische Museum und mit ihm seine gesamten heimatkundlichen Bestände einem Luftangriff zum Opfer. Jahre zuvor wurden im Zuge der Aktion »Entartete Kunst« sämtliche Bestände moderner Kunst vom NS-Regime diffamiert, verschleppt und zerstört. Eine Ausgangslage die es der Stadt und ihren Kulturschaffenden, allen voran Franz Große-Perdekamp, ehemaligem Leiter des Vestischen Museums, erschwerte an die Vorkriegszeit anzuknüpfen. Dennoch fand 1947 auf Initiative von Große-Perdekamp und Thomas Grochowiak, eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst in der leeren Lebensmitteletage des Kaufhauses Althoff in Recklinghausen statt. Eingeladen waren Künstler:innen des rheinisch-westfälischen Raums. Resultierend aus der Vernetzung der Kunstschaffenden instituierte sich 1947 die Künstlergruppe »junger westen« mit ihren Mitgliedern: Gustav Deppe, Thomas Grochowiak, Ernst Hermanns, Emil Schumacher, Heinrich Siepmann und Hans Werdehausen. Ein Bildhauer und fünf Maler, die für die nächsten vierzehn Jahre als lose, aber freundschaftlich eng verbundene Gruppe die Kunstlandschaft im Ruhrgebiet gen Abstraktion und Gegenstandlosigkeit führen sollten. 1950 öffnete die Kunsthalle Recklinghausen im Rahmen der vierten Ruhrfestspiele erstmalig ihre Türen für die simultan stattfindende Ausstellung Deutsche und Französische Kunst der Gegenwart . Ihr Domizil bezog sie in dem seit 1949 zum Ausstellungshaus umgebauten Hochbunker am Bahnhof der Stadt. Korrespondierend mit der Gründung der Gruppierung »junger westen« stiftete die Stadt Recklinghausen im selben Jahr erstmals den gleichnamigen Kunstpreis. Dieser wurde bis 1955 im Rahmen der Gruppenausstellungen und ihrer geladenen Gäste vergeben, bevor er ab 1956 deutschlandweit ausgeschrieben wurde. Seitdem wird ein dezidiertes Bild deutscher Nachkriegskunst, durch Aufnahme ausgewählter Künstler:innen in die Sammlung der Kunsthalle Recklinghausen, gezeichnet, welches sich als eigenständiger Sammlungsschwerpunkt am Haus manifestiert. Heute widmet sich das Ausstellungsprogramm der Kunsthalle Recklinghausen der Kunst nach 1945, insbesondere zeitgenössischen Positionen, wie den Preisträger:innen des Kunstpreises »junger westen«. Sammlung Die Sammlung der Kunsthalle Recklinghausen umfasst rund 3.500 Werke überwiegend des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Anfänge der Kunstsammlung liegen in den 1920er Jahren, als man mit Gründung des Vestischen Museums neben heimatkundlichen und historischen Objekten auch sogenannte »Moderne Kunst« zu sammeln begann. Bereits 1937 wurde die noch junge Sammlung dezimiert, weil die Nationalsozialisten 37 als »entartet« verfemte Werke aus dem Museum entfernen ließen, darunter Bilder von Peter August Böckstiegel, Käthe Kollwitz, Wilhelm Morgner, Christian Rohlfs und Max Schulze-Sölde. Weitere Kunstwerke fielen der Kriegszerstörung zum Opfer und so bedeutete das Ende des Zweiten Weltkriegs auch für Recklinghausen einen absoluten Neubeginn der Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit. Ein wesentlicher Schwerpunkt der Sammlung liegt auf Werken der 1947 in Recklinghausen gegründeten Künstlergruppe »junger westen« und dem deutschen Informel, auf Preisträger:innen des gleichnamigen Kunstpreises sowie auf einer konzentrierte Sammlung der Kunst der Moderne sowie der naiven Kunst, vorwiegend aus dem Ruhrgebiet. Trotz nur geringer Ankaufsmittel wächst die Sammlung der Kunsthalle Recklinghausen kontinuierlich. Neben den Neuerwerbungen von Werken der Träger:innen des Kunstpreises »junger westen« haben vor allem Schenkungen aus Privatbesitz und von Künstler:innen, aber auch Dauerleihgaben, etwa aus dem Kunstbesitz des Landes NRW, die Sammlung in den letzten Jahren wesentlich abgerundet.