läuft
Recklinghausen

What Lies Below Is Another Above

Samuel Baah Kortey
Monai de Paula Antunes
Rubén D'Hérs
Diana Ejaita
Jessica Ekomane
Sajan Mani
Tuli Mekondjo
Elia Nurvista
Pınar Öğrenci
Chaveli Sifre
Raul Walch
Sergio Zevallos

 

What Lies Below Is Another Above beginnt mit einer einfachen Unmöglichkeit: Was unter uns liegt, ist niemals einfach nur darunter. Jeder Untergrund ist bereits eine andere Oberfläche.

 

Orte sind durchzogen von sich verschiebenden Zeitlichkeiten, vergessenen Infrastrukturen, verschütteten Gesten und unabgeschlossenen Geschichten, die die Gegenwart weiterhin bewohnen. Welten gehen ineinander über. Unerwartet tauchen sie wieder auf, in Landschaften und Materialien, in Körpern, Erinnerungen und Formen der Beziehung. Eine Oberfläche kann eine andere Geografie verbergen; was sedimentiert oder erschöpft erscheint, kann darunter noch immer in Bewegung sein.

 

In What Lies Below Is Another Above treten die künstlerischen Praktiken der Villa Romana Fellows der Jahre 2023 bis 2025 in Recklinghausen miteinander in Beziehung. Sie sind unabhängig voneinander, in unterschiedlichen geografischen Kontexten und aus unterschiedlichen künstlerischen Sprachen, Forschungsansätzen und politischen Dringlichkeiten hervorgegangen. Die Ausstellung ist weder um ein einzelnes Thema herum organisiert, noch wurden die Werke innerhalb eines gemeinsamen kuratorischen Rahmens entwickelt. Erst ihre Begegnung in Recklinghausen lässt eine neue Konstellation entstehen. Jedes Werk bewahrt die Autonomie und Eigenart seiner jeweiligen Entwicklung, während aus der Nähe neue Bedeutungen hervorgehen: zwischen den Werken und Praktiken sowie zwischen diesen künstlerischen Positionen und einem Territorium, dessen Boden dichte und vielschichtige Geschichten in sich trägt.

 

Diese Dynamik prägt die Villa Romana seit Langem. Künstler:innen, die von radikal unterschiedlichen Positionen ausgehen, bewohnen für eine begrenzte Zeit dasselbe Haus, teilen Zeit und Raum und verfolgen zugleich ihre jeweils eigene Recherche. Aus dieser Nähe entstehen Affinitäten, Reibungen, Gespräche und bisweilen unerwartete Formen der Interdependenz, ohne dass die Unterschiede verschwinden. Die Ausstellung trägt diese Ökologie von Florenz nach Recklinghausen, wo sie mit einem anderen Territorium, einer anderen institutionellen Geschichte und einer anderen materiellen Vorstellungswelt in Beziehung tritt.

 

Das Ruhrgebiet bildet für diese Begegnung ein besonders dichtes Terrain. Rohstoffabbau hat seine Landschaften, Architekturen, Ökonomien und sozialen Geschichten geprägt. Was unter Tage geschieht, verändert alles, was darüber liegt: Städte, Infrastrukturen, Arbeitsformen, Migration, politische Bewegungen, Körper und Lebensräume. Wie Kathryn Yusoff gezeigt hat, lässt sich Geologie selbst nicht von Kolonialismus, racial capitalism und der ungleichen Verteilung von Arbeit, Körpern und Ressourcen trennen. Unter der Oberfläche dieser Region erstreckt sich ein Geflecht aus Stollen und aufgegebenen Infrastrukturen, verbunden mit Geschichten von Klassenkampf und Migration sowie mit den Erfahrungen von Generationen migrantischer und rassifizierter Arbeiter:innen, deren Beitrag in den dominanten Erzählungen häufig an den Rand gedrängt wurde. Geologie und Sozialgeschichte sedimentieren sich im selben Boden.

 

Die in der Ausstellung versammelten Praktiken durchqueren diese Schichten auf unterschiedlichen Wegen. Sie bewegen sich zwischen mündlich überlieferten Geschichten und Archiven, Ritual und Ökologie, Landwirtschaft und Industrie, Klang und Erinnerung, Arbeit und materieller Kultur. Einige befragen das Fortwirken kolonialer Infrastrukturen; andere folgen versetzten Materialien, verdrängten Geschichten, migrantischen Körpern, Pflanzen, Frequenzen, Geistern oder Wissensformen, die sich den dominanten Regimen der Sichtbarkeit entziehen. Gemeinsam zeigen sie, wie Geschichten weit über ihr vermeintliches Ende hinaus weiterwirken.

 

Anna Tsings Begriff der disturbed landscapes eröffnet einen möglichen Zugang zu dieser Konstellation: Landschaften, die durch Rohstoffabbau, Entwurzelung und ökologische Zerstörung tiefgreifend verändert wurden und in denen das Leben dennoch weiterhin unerwartete Formen des Zusammenlebens hervorbringt. Es sind Praktiken, die in den Rissen gedeihen: nicht weil sie den Bruch feiern, sondern weil die Störung selbst zur Bedingung wird, unter der andere Beziehungen entstehen können. Die Fellows bewegen sich durch diese instabilen Landschaften und folgen dem, was überlebt, sich verwandelt, wiederkehrt oder Wurzeln schlägt.

 

Ihre Praktiken öffnen Passagen zwischen Extraktion und Fürsorge, Sichtbarkeit und Opazität, Gewalt und Reparatur, menschlichen Geschichten und tierischen wie animierten Welten. Sie verweilen bei dem, was eine Landschaft mit sich trägt, was ein Körper erinnert, was ein Objekt aufgenommen und was ein Archiv ausgeschlossen hat. Aus dieser Perspektive ist der Boden niemals neutral: Er ist dicht mit dem, was sich auf ihm und in ihm ereignet hat, und mit Möglichkeiten, die noch darauf warten, Gestalt anzunehmen.

 

Der Titel What Lies Below Is Another Above kehrt die Perspektive noch einmal um. Untergrund und Oberfläche bezeichnen keine einfache vertikale Hierarchie mehr. Jedes „Darunter“ kann zur Oberfläche einer anderen Welt werden; jeder scheinbar stabile Boden birgt andere Orientierungen. Nach unten zu schauen wird so zugleich zu einer Möglichkeit, anderswohin zu blicken. Der Bergbau hat die Erde durch Schächte und Stollen geöffnet und unter dem Ruhrgebiet eine umgekehrte Architektur geschaffen. Die Ausstellung nimmt diese räumliche Bedingung zum Anlass, die etablierten Koordinaten von »oben« und »unten«, Zentrum und Rand, Sichtbarkeit und Verschwinden neu zu denken.
Die Ausstellung nimmt Gestalt an einem Ort an, der selbst tiefgreifende Transformationen durchlaufen hat. Die Kunsthalle Recklinghausen entstand in der Nachkriegszeit aus der Umnutzung eines ehemaligen Luftschutzbunkers: Eine Architektur, die dem Schutz im Krieg dienen sollte, wurde zu einem Raum für Kunst und Begegnung. Seither haben Generationen von Künstler:innen, auch im Rahmen des Kunstpreises junger westen, ihre jeweilige Gegenwart in dieses Gebäude eingeschrieben. Seine Wände bewahren diese sich überlagernden Geschichten, ohne sie zu einer einzigen Erzählung zusammenzufügen.

 

Villa Romana und Kunsthalle Recklinghausen begegnen sich so als zwei Institutionen, die auf sehr unterschiedliche Weise von der Frage geprägt sind, wie sich überlieferte Strukturen anders bewohnen lassen. Die Villa Romana, 1905 als Künstlerhaus und Ort künstlerischer Autonomie gegründet, wurde über die Jahrzehnte von den Generationen von Künstler:innen verändert, die dort gelebt und gearbeitet haben. Die Kunsthalle trägt die materielle Erinnerung an Zerstörung und Wiederaufbau in ihre Architektur eingeschrieben. An beiden Orten bleibt Geschichte lebendige Materie, mit der es sich auseinanderzusetzen gilt: ein Boden, den man aufgraben, bewegen und neu imaginieren kann.

 

What Lies Below Is Another Above bewohnt diesen Boden, ohne ihn festschreiben zu wollen. Die Werke folgen unterirdischen Verbindungen, vergessenen Passagen und versetzten Materialien und lassen Geschichten und Geografien miteinander in Berührung kommen, ohne ineinander aufzugehen. Es entsteht eine Landschaft aus Landschaften: Florenz und Recklinghausen, Plantagen und Bergwerke, häusliche Räume und industrielle Territorien, Archive und Körper, Erde und Atmosphäre.

 

Ob wir in die Tiefe graben oder uns in die entgegengesetzte Richtung bewegen: Vielleicht gelangen wir am Ende ganz woanders hin.

 

Was darunter liegt, ist ein anderes Darüber.   
 

Die Ausstellung ist Teil von Mutual Presence, einem Austausch- und Kooperationsprojekt zwischen der florentinischen Villa Romana in Italien und der Kunsthalle Recklinghausen in Deutschland – den beiden ältesten deutschen Kunstpreisen.

 

Kuratiert von Dr. Elena Agudio und Mistura Allison

Diese Ausstellung endet in
54
Tage
4
Std
27
Min
8
Sek
Termine
Start13.09.2026
Ende22.11.2026
Öffnungszeiten
Montaggeschlossen
Dienstag11:00–18:00
Mittwoch11:00–18:00
Donnerstag11:00–18:00
Freitag11:00–18:00
Samstag11:00–18:00
Sonntag11:00–18:00
Veranstaltungsort
Kunsthalle Recklinghausen
Kunsthalle Recklinghausen Große-Perdekamp-Straße 25–27, 45657 Recklinghausen

Geschichte Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand Deutschland vor einem Trümmerfeld. Nicht nur wortwörtlich, auch die Kunst- und Kulturlandschaft wurde im Zuge der Nationalsozialistischen Ideologie ausgedünnt und größtenteils vernichtet. 1944 fiel in Recklinghausen das Vestische Museum und mit ihm seine gesamten heimatkundlichen Bestände einem Luftangriff zum Opfer. Jahre zuvor wurden im Zuge der Aktion »Entartete Kunst« sämtliche Bestände moderner Kunst vom NS-Regime diffamiert, verschleppt und zerstört. Eine Ausgangslage die es der Stadt und ihren Kulturschaffenden, allen voran Franz Große-Perdekamp, ehemaligem Leiter des Vestischen Museums, erschwerte an die Vorkriegszeit anzuknüpfen. Dennoch fand 1947 auf Initiative von Große-Perdekamp und Thomas Grochowiak, eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst in der leeren Lebensmitteletage des Kaufhauses Althoff in Recklinghausen statt. Eingeladen waren Künstler:innen des rheinisch-westfälischen Raums. Resultierend aus der Vernetzung der Kunstschaffenden instituierte sich 1947 die Künstlergruppe »junger westen« mit ihren Mitgliedern: Gustav Deppe, Thomas Grochowiak, Ernst Hermanns, Emil Schumacher, Heinrich Siepmann und Hans Werdehausen. Ein Bildhauer und fünf Maler, die für die nächsten vierzehn Jahre als lose, aber freundschaftlich eng verbundene Gruppe die Kunstlandschaft im Ruhrgebiet gen Abstraktion und Gegenstandlosigkeit führen sollten. 1950 öffnete die Kunsthalle Recklinghausen im Rahmen der vierten Ruhrfestspiele erstmalig ihre Türen für die simultan stattfindende Ausstellung Deutsche und Französische Kunst der Gegenwart . Ihr Domizil bezog sie in dem seit 1949 zum Ausstellungshaus umgebauten Hochbunker am Bahnhof der Stadt. Korrespondierend mit der Gründung der Gruppierung »junger westen« stiftete die Stadt Recklinghausen im selben Jahr erstmals den gleichnamigen Kunstpreis. Dieser wurde bis 1955 im Rahmen der Gruppenausstellungen und ihrer geladenen Gäste vergeben, bevor er ab 1956 deutschlandweit ausgeschrieben wurde. Seitdem wird ein dezidiertes Bild deutscher Nachkriegskunst, durch Aufnahme ausgewählter Künstler:innen in die Sammlung der Kunsthalle Recklinghausen, gezeichnet, welches sich als eigenständiger Sammlungsschwerpunkt am Haus manifestiert. Heute widmet sich das Ausstellungsprogramm der Kunsthalle Recklinghausen der Kunst nach 1945, insbesondere zeitgenössischen Positionen, wie den Preisträger:innen des Kunstpreises »junger westen«. Sammlung Die Sammlung der Kunsthalle Recklinghausen umfasst rund 3.500 Werke überwiegend des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Anfänge der Kunstsammlung liegen in den 1920er Jahren, als man mit Gründung des Vestischen Museums neben heimatkundlichen und historischen Objekten auch sogenannte »Moderne Kunst« zu sammeln begann. Bereits 1937 wurde die noch junge Sammlung dezimiert, weil die Nationalsozialisten 37 als »entartet« verfemte Werke aus dem Museum entfernen ließen, darunter Bilder von Peter August Böckstiegel, Käthe Kollwitz, Wilhelm Morgner, Christian Rohlfs und Max Schulze-Sölde. Weitere Kunstwerke fielen der Kriegszerstörung zum Opfer und so bedeutete das Ende des Zweiten Weltkriegs auch für Recklinghausen einen absoluten Neubeginn der Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit. Ein wesentlicher Schwerpunkt der Sammlung liegt auf Werken der 1947 in Recklinghausen gegründeten Künstlergruppe »junger westen« und dem deutschen Informel, auf Preisträger:innen des gleichnamigen Kunstpreises sowie auf einer konzentrierte Sammlung der Kunst der Moderne sowie der naiven Kunst, vorwiegend aus dem Ruhrgebiet. Trotz nur geringer Ankaufsmittel wächst die Sammlung der Kunsthalle Recklinghausen kontinuierlich. Neben den Neuerwerbungen von Werken der Träger:innen des Kunstpreises »junger westen« haben vor allem Schenkungen aus Privatbesitz und von Künstler:innen, aber auch Dauerleihgaben, etwa aus dem Kunstbesitz des Landes NRW, die Sammlung in den letzten Jahren wesentlich abgerundet.