läuft
Berlin

ZEIT GEHT NICHT VERLOREN – Skulpturen für bewohnte Räume von Ruth Maria Linde-Heiliger

Die Holzskulpturen von Ruth Maria Linde-Heiliger werden in diesem Jahr, 30 Jahre nach ihrem Tod, erstmals im ehemaligen Atelier des Bildhauers Bernhard Heiliger gezeigt. Die Werke stammen aus dem Besitz der Kinder Jutta, Stefan und Anita und sie geben einen gültigen Überblick über das bildhauerische Schaffen der Künstlerin.

 

Ruth Maria Linde, geboren am 18. August 1916 in Berlin, entschied sich früh, im Alter von ungefähr 17 Jahren für Bildhauerei. Anfänglich nahm sie Privatunterricht bei einem anthroposophischen Holzschnitzer, der wohl bald nach 1933 Berlin verlassen musste. Ruth Maria Linde führte es Mitte der 1930er Jahre zur Werkkunstschule nach Krefeld, dort studierte sie bei Johannes Itten (1888–1967), der ganz in der Tradition der Bauhauslehre stand. Nach zwei Jahren kehrte sie nach Berlin zurück und setzte ihr Studium bei der Bildhauerin Milli Steger (1881–1948) an der sogenannten ›Damenakademie im Verein der Künstlerinnen Berlin‹ fort. Steger, aus Wuppertal-Elberfeld stammend, von Karl Ernst Osthaus in Hagen gefördert, wechselte nach dem ersten Weltkrieg nach Berlin und unterrichtete von 1927 bis 1942 Bildhauerei und Aktzeichnen, u.a. in Kursen an der Hochschule der bildenden Künste, der heutigen Universität der Künste, am Steinplatz, wo Ruth Maria Linde 1938 Bernhard Heiliger kennenlernte.

 

Aufgrund der Geburt der ersten Tochter und der Heirat mit Bernhard Heiliger, der Kriegszeit sowie der schwierigen Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs in Berlin, reduzierte Ruth Maria Linde ihre bildhauerischen Bestrebungen und widmete sich ganz der Erziehung der drei Kinder Jutta, Stefan und Anita. Im Alter von 37 Jahren entschließt sie sich, sich von Bernhard Heiliger scheiden zu lassen. Als schließlich die Kinder erwachsen sind, verlässt sie im Mai 1966 im Alter von 50 Jahren Berlin und zieht sich auf die Halbinsel Eiderstedt nach Schleswig-Holstein zurück, wo sie in Osterhever ein Haus erwarb und sich diese Kate für ihre Zwecke zum Atelier- und Wohnhaus umbaute. Im Zentrum steht eine Hobelbank, die sich bis heute in dem Haus befindet. An dieser Hobelbank nahmen alle Werke ihre heutige Gestalt an. Die physische Bearbeitung der Holzstücke, das Sägen, Schneiden, Schleifen, Schnitzen mit Beitel ohne Nutzung jedweder Maschinen war ihr wichtig. Diese sich selbst gesetzten Regeln und technischen Voraussetzungen bestimmen ganz wesentlich Proportionen und Formate der Skulpturen. Fortan arbeitet sie unter ihrem Mädchennamen Maria Linde; die meisten Werke sind jedoch mit den Initialen ihres vollständigen Namens signiert: R.M.L.H.

 

»Alle Skulpturen gehen vom Holz aus«, wie Maria Linde sagte, das meint, wie sie es gefunden oder erworben hat, gesammelt als Strandgut bei langen Wanderungen im nahen Wattenmeer wie die Mooreiche, erworben bei Nachbarn und Freunden, die ihre Obstbäume aufgrund von Windbruch fällen mussten. Formen folgen den Vorgaben des Holzes und seinen Maserungen, sie erscheinen als organisch vegetative Motive oder als eine in die Form hineingesehene Figuration aus der Tierwelt wie Vogelmotive oder Katzen. Damit reiht sich Maria Lindes Werk in eine facettenreiche Tradition von Tierplastiken ein, die in Deutschland mit August Gaul (1869–1921) im 19. Jahrhundert begann, mit Renée Sintenis (1888–1965) in Berlin und Ewald Mataré (1887–1965) im Rheinland einen Höhepunkt im 20. Jahrhundert erfuhr.

 

Die einzelnen Werke von Maria Linde sind in den seltensten Fällen datiert und sie tragen offiziell keine Titel, eher Hilfsbezeichnungen in Anführungszeichen, wie in einem Katalog der edition galerie lüth in Halebüll aus dem Jahre 1990, dem zu Lebzeiten Lindes wohl einzigen, der erschienen ist. Die umfangreiche Publikation Ruth Maria Linde-Heiliger – Holzskulpturen aus dem Jahre 1997, ediert als Hommage an die Mutter von den Kindern, versucht eine Chronologie in der Abfolge der Abbildungen. Diese »Zeitlosigkeit« begründet den Titel unserer Ausstellung und es ist das Motto ihrer autobiographischen Aussagen in dieser Publikation. So sind die Werke zeitlos im doppelten Sinn, sie sind nicht konkret zu datieren und zudem zeitlos in der Abstraktion, weil immer noch gültig in der Wirkung ihrer Ästhetik.

 

Der Untertitel beschreibt die Intention Maria Lindes, Skulpturen zu schaffen. Sie selbst nannte ihre Werke »Skulpturen für bewohnte Räume«, weil ihrer Auffassung nach einerseits jedes Holz nur im geschützten Innenraum seine Wirkung entfalten kann und sie andererseits mit diesen Skulpturen leben, eben wohnen wollte. Diese Idee der Gestaltung des persönlichen Lebensraums geht mutmaßlich auf ihre Ausbildung bei Johannes Itten zurück, der nach seiner Zeit am Bauhaus in Dessau, nach dessen Schließung 1933, an der Werkkunstschule in Krefeld lehrte und die Bauhaus-Idee dort selbstverständlich weiterführte. Deren Kern war es immer gewesen, Alltag und Leben in einer gestalteten Umgebung als Einheit zu denken, Funktion und Ästhetik zusammenzuführen und ein bewusstes Leben zu führen. Das hat Ruth Maria Linde-Heiliger sich errungen und geleistet. Sie verstarb in Eiderstedt am 14. Juni 1996. So ist in 30 Jahren aus der zurückgezogenen Lebensweise seit 1966 in dieser Westküstenregion Schleswig-Holsteins, im Schutz der Deiche, ein Werk entstanden, das mit dieser Ausstellung nach nochmals 30 Jahren nun neu gewürdigt und entdeckt werden soll.

 

Friedrich Meschede

 

Ausstellungskatalog

 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag Hatje Cantz.

Diese Ausstellung endet in
103
Tage
9
Std
18
Min
3
Sek
Termine
Start25.10.2026
Ende14.02.2027
Öffnungszeiten
Montag11:00–17:00
Dienstaggeschlossen
Mittwoch11:00–17:00
Donnerstag11:00–17:00
Freitag11:00–17:00
Samstag11:00–17:00
Sonntag11:00–17:00
Veranstaltungsort
Kunsthaus Dahlem
Kunsthaus DahlemKäuzchensteig 8–12, 14195 Berlin

Das unmittelbar am Grunewald in direkter Nachbarschaft des Brücke Museums gelegene historische Gebäude ist ein Ausstellungshaus für die Nachkriegsmoderne in Deutschland. Ein wesentlicher Schwerpunkt des Ausstellungshauses liegt auf der Präsentation plastischer Kunst, ergänzt durch Malerei, grafische Arbeiten sowie Fotografie. Dabei stehen insbesondere die Jahre 1945 bis 1961 im Fokus. Das Kunsthaus Dahlem hat seinen Sitz im ehemaligen Staatsatelier des Bildhauers Arno Breker. Breker (1900–1991) war während des »Dritten Reichs« neben Josef Thorak der bekannteste Bildhauer, der die nationalsozialistische Ideologie in seinen Werken zur Anschauung brachte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das ehemalige Atelier von Arno Breker erst von russischen Einheiten besetzt und dann von der US-­amerikanischen Besatzungsmacht als Lagerraum der PX-Shops genutzt. Nachdem die Amerikaner das Gebäude verlassen hatte, wurde es 1946 der städtischen Verwaltung übertragen und von Berliner Steinmetzinnung genutzt. Kurt Reutti, damaliger Mitarbeiter der Zentralstelle zur Erfassung und Pflege von Kunstwerken, schlug zudem vor, Teile des Ateliers für »bedeutende Bildhauer zur Ausführung größerer bildhauerischer Arbeiten« zur Verfügung zu stellen. Daraufhin zog 1949 Bernhard Heiliger (1915–1995) in den Ostflügel des Gebäudes. Heiliger war einer der wichtigsten Bildhauer der westdeutschen Nachkriegsmoderne. Eine repräsentative Auswahl seiner Werke steht heute im Garten des Kunsthaus Dahlem.