Diese Kunstwoche hat vieles zu bieten: Eine Weltmesse macht ihre Tore früher zu, ein Regenbogen leuchtet in einem der ältesten Wissenschaftsmuseen der Welt, und eine verschleierte Marmorbüste erzielt in Wien den 160-fachen Schätzpreis. Dazu kommen eine Weltpremiere in Wiesbaden und eine Retrospektive in den Schweizer Alpen, die nur noch bis Anfang November zu sehen ist. Hier ist unser Überblick über die wichtigsten Nachrichten aus der Kunstwelt.
Art Basel Paris: Millionenverkäufe und vorzeitiges Ende
Die fünfte Ausgabe der Art Basel Paris war als dreitägige Messe im Grand Palais geplant, von 23. bis 25. Oktober 2026. Mehr als 200 Galerien aus 41 Ländern und Territorien nahmen teil. Nun endete die Messe zwei Tage früher als vorgesehen: Sie schloss am Freitag, 23. Oktober, um 19 Uhr und blieb am Wochenende für das Publikum geschlossen. Die Veranstalter nannten Sicherheitsgründe und verwiesen auf die für Samstag angekündigten Demonstrationen in Paris. Schon am Wochenende davor waren Proteste in Gewalt umgeschlagen. Der Schutz von Besuchern, Galerien, Mitarbeitenden und Kunstwerken habe oberste Priorität, hieß es.
Auch das Programm im öffentlichen Raum vor dem Grand Palais war betroffen. Die Künstlerin Alicja Kwade zog ihre Skulptur "L'Élévation des Mondes" (2026) vorzeitig ab.
Henry Taylor am Stand von Hauser & Wirth
Trotz der angespannten Lage liefen die Geschäfte in den Preview-Tagen gut. Die Galerie Hauser & Wirth meldete Spitzenverkäufe von Gerhard Richter und Georg Baselitz im Bereich von jeweils rund 10 Millionen US-Dollar. Zu sehen war am Stand auch ein Acrylwerk von Henry Taylor. Der Maler wurde 1958 in Ventura, Kalifornien, geboren und lebt in Los Angeles. Mit einer Ausstellung von ihm eröffnete Hauser & Wirth 2023 seine Pariser Galerie. Taylors Gemälde "WTF's my 40 acres & my mule, you lying…" (2023–26) fand laut Medienberichten für rund eine Million Dollar einen Käufer.
Dresden: Ein Regenbogen im Globensaal
Im Mathematisch-Physikalischen Salon der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) im Zwinger leuchtet seit Kurzem ein dauerhaftes Kunstwerk von Olafur Eliasson. Die Freunde der Staatlichen Kunstsammlungen haben die Neuerwerbung möglich gemacht. "Euphorisches Licht für den Mathematisch-Physikalischen Salon" hat einen Durchmesser von etwa zwei Metern. Es entsteht aus wenigen Elementen: einer Vollspektrum-LED, einem konischen Spiegel und einem prismatischen Glasring, der das Licht in seine Spektralfarben zerlegt. Das Ergebnis ist ein kreisrunder Regenbogen, der von Violett und Tiefblau bis zu kräftigem Rot strahlt.
Der Gedanke dahinter ist so einfach wie überraschend. Physikalisch sind Regenbögen immer vollständige Kreise, nur der Horizont verdeckt uns den Blick darauf. Eliasson, 1967 in Kopenhagen geboren, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Licht, Wasser und Reflexion. Weltbekannt wurde er mit "The Weather Project" (2003) in der Turbinenhalle der Tate Modern. Das Werk hängt im Globensaal, dem dunkelsten Raum des Museums, in dem historische Erd- und Himmelsgloben gezeigt werden. Der Salon wurde 1728 gegründet und gilt als eines der ältesten wissenschaftshistorischen Museen der Welt. Er zeigt rund 500 historische Instrumente, von Uhren bis zu Teleskopen.
Stuttgart: Gego bleibt
Gute Nachrichten für alle, die die Kunst von Gego (1912–1994) lieben: Das Kunstmuseum Stuttgart und die Fundación Gego verlängern den Leihvertrag über 100 Werke. Außerdem schenkte die Stiftung dem Museum eine Zeichnung von 1970.
Gertrud Goldschmidt, genannt Gego, studierte von 1932 bis 1938 Architektur an der Technischen Hochschule Stuttgart. Als Jüdin musste sie 1939 nach Venezuela emigrieren. Mitte der 1950er-Jahre begann sie dort ihre Laufbahn als Künstlerin. Berühmt wurde sie für ihre filigranen, netzartigen "Reticuláreas", die sie selbst als "Zeichnungen ohne Papier" beschrieb. Das Kunstmuseum Stuttgart hat die Werke 2017 als Dauerleihgabe erhalten und seither gemeinsam mit der Universität Stuttgart und der Wüstenrot Stiftung erforscht. Es ist das einzige deutsche Museum mit einem großen Gego-Bestand.
Wien: Rekord für Corradinis "Donna Velata"
Zum Auftakt der Classic Week hat das Dorotheum einen "Paukenschlag" erlebt. Bei der Auktion am 20. Oktober 2026 erzielte die spätbarocke Marmorbüste "Donna Velata" von Antonio Corradini (1688–1752) 1,925 Millionen Euro. Geschätzt war sie auf 12.000 bis 16.000 Euro, der Zuschlag lag damit beim rund 160-Fachen. Ein Telefonbieter bekam das Los, nachdem sich mehrere Interessenten im Saal und am Telefon einen Bietkampf geliefert hatten.
Den Preissprung erklärt eine Entdeckung kurz vor der Auktion: Bei einem Restaurierungsprojekt im Museum Ca' Rezzonico in Venedig tauchte das Gipsmodell zu der Büste auf, wodurch sich die Zuschreibung an Corradini erhärtete. Der Venezianer machte verschleierte Frauenfiguren zu seinem Markenzeichen. Ein Marmorschleier, der so durchscheinend wirkt wie echter Stoff, ist bis heute ein Meisterstück der Bildhauerei.
Köln: Der Kongress des Nicht-Wissens
Was bleibt unsichtbar, wenn Fotografie scheinbar alles zeigt? Dieser Frage geht die Internationale Photoszene Köln mit dem Kongress "Not Knowing – Photography and the Unknown" nach. Er läuft vom 22. bis 25. Oktober im Orangerie Theater (Volksgartenstraße 25). Über 30 Referentinnen und Referenten aus Kunst, Wissenschaft, Theorie und Praxis diskutieren in den Themenblöcken Perception, Practices, Traces und Potentials. Dazu gibt es Vorträge, Performances, Screenings und vier Workshops, unter anderem zu kritischer Archivarbeit und Speculative Design. Tickets gibt es über rausgegangen.de. Der Kongress ist zugleich der Auftakt zum nächsten Photoszene-Festival, das vom 14. Mai bis 13. Juni 2027 stattfindet.
Unsere Empfehlungen
Die Blauen Reiterinnen im Museum Wiesbaden
Franz Marc, Wassily Kandinsky und Paul Klee prägen unser Bild des "Blauen Reiter". Die Künstlerinnen aus dem Umfeld der Gruppe blieben dagegen lange im Schatten. Das Museum Wiesbaden zeigt vom 23. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027 erstmals umfassend ihre Rolle für die Moderne. Im Zentrum stehen Marianne von Werefkin und Gabriele Münter, von der allein 48 Arbeiten zu sehen sind. Daneben erhalten weniger bekannte Malerinnen wie Emmi Dresler und Carla Pohle seit Langem wieder museale Aufmerksamkeit. Der Titel geht auf einen Brief von Else Lasker-Schüler an Werefkin aus dem Jahr 1913 zurück. Wiesbaden besitzt außerdem die weltweit bedeutendste Sammlung von Werefkins Lebensgefährten Alexej von Jawlensky. Die Schirmherrschaft hat Iris Berben. Danach wandert die Schau nach Bremen, München und Ascona.
Leiko Ikemura in Venedig
Wer der japanisch-schweizerischen Künstlerin Leiko Ikemura begegnen möchte, hat dazu gerade viele Gelegenheiten. In den Gallerie dell'Accademia in Venedig treten ihre Glasskulpturen unter dem Titel "TransLucent" noch bis 22. November in einen Dialog mit Werken von Carpaccio, Tiepolo und Canova. Ihre Malerei zeigt die Berliner Galerie Contemporary Fine Arts. Ikemuras Werk verbindet Körper und Landschaft und reicht von leuchtenden Gemälden bis zu Skulpturen aus Terrakotta, Glas und Bronze.
Mariuccia Secol im Muzeum Susch
Nur noch bis 1. November 2026 läuft im Muzeum Susch im Unterengadin die erste große Retrospektive von Mariuccia Secol. Die Künstlerin und Aktivistin wurde 1929 in der Provinz Varese geboren und ist heute 97 Jahre alt. "Unraveling", kuratiert von Monika Branicka und Eva Brioschi, folgt mehr als sieben Jahrzehnten ihres Schaffens. Sie machte Stoffe, Schürzen und Haushaltsmaterialien zu einer politischen Sprache und gründete 1974 die Gruppo Femminista Immagine in Varese. Das Herzstück ist die über zehn Meter lange Textilinstallation "Donna ponte" (1989). Das Museum widmet sich gezielt Künstlerinnen, die lange übersehen wurden.
Praktische Informationen
- Mathematisch-Physikalischer Salon, Dresden: im Zwinger, Teil der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Aktuelle Öffnungszeiten und Preise auf skd.museum.
- Kunstmuseum Stuttgart: Kleiner Schlossplatz 1, 70173 Stuttgart. Informationen auf kunstmuseum-stuttgart.de.
- Photoszene-Kongress: Orangerie Theater, Volksgartenstraße 25, 50677 Köln, bis 25. Oktober. Haltestelle Eifelplatz (Linie 12).
- Die Blauen Reiterinnen: Museum Wiesbaden, 23. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027. Programm und Tickets auf museum-wiesbaden.de.
- Mariuccia Secol: Muzeum Susch, Sur Punt 78, 7542 Susch, bis 1. November 2026.
Fazit: Jetzt planen
Die Kunstwelt zeigt sich diese Woche von ihrer vielseitigsten Seite: Sie ist Markt und Mahnmal, Wissenschaft und Wunder. Wenn Sie nur einen Termin einplanen können, dann ist es Susch, denn die Secol-Schau endet bald. Alle anderen Ziele, vom Eliasson-Regenbogen in Dresden bis zu den Blauen Reiterinnen in Wiesbaden, bieten Ihnen noch länger Gelegenheit zum Besuch. Haben Sie schon etwas davon gesehen? Erzählen Sie es uns in den Kommentaren und abonnieren Sie unseren Newsletter, damit Sie keine Ausstellung verpassen.

