12 Aug. 2026

Schlingensief im MAK Wien: Radikale Kunst, die fehlt

Die MAK-Ausstellung „Es ist nicht mehr mein Problem!“ zeigt Christoph Schlingensiefs provokante Kunst.

Schlingensief im MAK Wien: Radikale Kunst, die fehlt

Wien hat ein besonderes Verhältnis zu Christoph Schlingensief: Es ist eine Stadt, die seine Kunst einst lautstark bekämpfte, sich von ihr provozieren ließ – und heute spürt, wie sehr diese Stimme fehlt. Wer sich fragt, warum Schlingensiefs Arbeiten auch 2026 noch so gegenwärtig wirken, findet im MAK eine Ausstellung, die nicht nostalgisch zurückblickt, sondern mitten in aktuelle Debatten hineinragt.

Eine Ausstellung, die nicht beruhigt, sondern aufweckt

Unter dem Titel „CHRISTOPH SCHLINGENSIEF. Es ist nicht mehr mein Problem!“ zeigt das MAK – Museum für angewandte Kunst erstmals in Österreich eine umfassende Einzelausstellung zu Schlingensief. Zu sehen ist sie vom 13. Mai 2026 bis 13. September 2026 in der Oberen Ausstellungshalle. Das Projekt entsteht in Kooperation mit den Wiener Festwochen | Freie Republik Wien sowie dem Gropius Bau in Berlin.

Schon der Titel ist programmatisch: Er verweist auf ein Zitat Schlingensiefs aus dem Jahr 2005, das im Wiener Kontext bewusst „gekürzt“ erscheint – und damit eine zentrale Frage aufwirft: Was bedeutet Verantwortung in einer Gesellschaft, die sich gern wegduckt, sobald es unbequem wird? Schlingensief war ein Künstler, der genau diese Komfortzone attackierte – nicht als moralischer Oberlehrer, sondern als radikaler Humanist, der Widersprüche sichtbar machte.

Warum Schlingensief in Wien „vermisst“ wird

Schlingensief (1960–2010) sprengte die Grenzen zwischen Theater, Film, Installation und politischer Aktion. Seine Kunst war selten „über“ Politik – sie war Politik als ästhetische Erfahrung: laut, überfordernd, manchmal grotesk, oft zutiefst berührend. Gerade deshalb wirkt sie heute so aktuell, weil sie Mechanismen offenlegt, die sich wiederholen: mediale Zuspitzung, Sündenbocklogik, Angst als Treibstoff, das schnelle Urteil in der Menge.

Wien ist dabei kein beliebiger Ort in seiner Biografie. Hier eskalierte 2000 eine seiner bekanntesten Interventionen: „Bitte liebt Österreich – Erste österreichische Koalitionswoche“, eine Aktion im Rahmen der Wiener Festwochen, die direkt neben der Staatsoper stattfand und die Stadt in Aufruhr versetzte. Schlingensief nutzte die Ästhetik von Reality-TV, Abstimmung und öffentlicher Erregung, um den Umgang mit Migration, Ausgrenzung und politischer Rhetorik zu spiegeln – und das Publikum in die eigene Rolle zu verwickeln.

„Bitte liebt Österreich“: Provokation als Spiegel der Gesellschaft

Die Container-Aktion von 11. bis 17. Juni 2000 gilt bis heute als Schlüsselwerk, um Schlingensiefs Methode zu verstehen: Er setzte nicht auf Distanz, sondern auf Konfrontation. Die Arbeit war nicht „nur“ Skandal – sie war ein Experiment darüber, wie schnell sich Menschen in Lager teilen, wie leicht sich Empathie in Aggression verwandelt und wie bereitwillig Öffentlichkeit an Inszenierungen teilnimmt, wenn sie sich als „Meinung“ tarnt.

Dass die Ausstellung im MAK diese Wiener Episode nicht isoliert als historische Sensation zeigt, sondern in ein größeres Werkgefüge einordnet, ist ihre Stärke. Denn Schlingensief war nie nur der Provokateur. Er war auch ein Künstler der Verletzlichkeit, der Krankheit, des Glaubens, der Angst – und der Hoffnung, dass Kunst etwas verändern kann, wenn sie nicht gefällig ist.

Zwei Zeitlinien: Wie das MAK Schlingensiefs Werk erzählt

Die Schau entfaltet sich laut MAK entlang zweier Zeitlinien, die von der Installation „Church of Fear“ (2003–2005) ausgehen. Diese Arbeit, ursprünglich im Kontext der Venedig Biennale 2003 präsentiert, übersetzt die globale Stimmung nach 9/11 in eine parodistische Glaubensgemeinschaft: Angst wird zum Dogma, Ritual zur Medienform, Gemeinschaft zur Bühne. Von dort aus führt die Ausstellung einerseits zurück zu den politischen Interventionen der späten 1990er und frühen 2000er Jahre (wie Chance 2000 oder „Bitte liebt Österreich“), andererseits nach vorn zu filmischen und opernhaften Projekten wie „The African Twin Towers“.

So entsteht kein lineares „Best-of“, sondern ein Netz aus Motiven: Angst und Öffentlichkeit, Körper und Krankheit, Glaube und Ideologie, Theater und Realität. Wer Schlingensief nur als Skandalfigur kennt, entdeckt hier die Komplexität eines Künstlers, der seine Mittel ständig wechselte – und doch immer dasselbe riskierte: sich selbst.

Kuratorischer Rahmen und internationale Perspektive

Dass das MAK-Projekt Teil einer größeren Zusammenarbeit ist, zeigt auch der Blick nach Berlin: Im Herbst 2026 folgt im Gropius Bau die Ausstellung „Christoph Schlingensief: Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine“ (9. Oktober 2026 bis 17. Januar 2027). Kuratiert wird sie von Raphael Gygax (mit Team) in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz, die den Nachlass betreut. Diese internationale Achse macht deutlich: Schlingensief ist längst nicht nur ein deutschsprachiges Phänomen, sondern eine Referenz für politische Kunst im 21. Jahrhundert.

Abbildung: Christoph Schlingensief, The African Twin Towers, Production Still, 2005
© Aino Laberenz

 

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