Leere und Spannung, Stille und Energie: In den Arbeiten von Lee Ufan treffen scheinbare Gegensätze aufeinander und kommen dabei zur Ruhe. Nun ehrt Köln den Künstler mit einer der renommiertesten Auszeichnungen für zeitgenössische Kunst in Deutschland. Der Wolfgang-Hahn-Preis 2026 geht an den südkoreanischen Maler und Objektkünstler, der in Kamakura in Japan lebt. Die Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig vergibt ihn zum 32. Mal. Für alle, die Kunst nicht nur anschauen, sondern spüren wollen, ist das ein Termin für den Kalender.
Preisverleihung am 6. November 2026 während der Art Cologne
Die öffentliche Preisverleihung findet am Freitag, 6. November 2026, um 18:30 Uhr im Museum Ludwig statt, und zwar während der Art Cologne. Der Eintritt zur Preisverleihung ist frei. Am Tag darauf, am 7. November 2026, eröffnet die Präsentation zum Preis. Sie ist bis zum 4. April 2027 zu sehen und zeigt das für die Sammlung erworbene Werk. Die Gesellschaft für Moderne Kunst nennt die Termine auf ihrer Seite zum Wolfgang-Hahn-Preis.
Was ist der Wolfgang-Hahn-Preis?
Der Preis wird seit 1994 vergeben. Der erste Preisträger war James Lee Byars. Er würdigt international anerkannte Künstlerinnen und Künstler, die in Deutschland noch nicht so bekannt sind, wie sie es verdienen. Ihre Werke fehlen zudem bislang in der Sammlung des Museum Ludwig. Mit dem Preis verbunden ist kein Preisgeld, sondern ein Ankauf: Bis zu 100.000 Euro fließen in den Erwerb eines Werks für das Museum. Finanziert wird das aus den Beiträgen der über 650 Mitglieder der Gesellschaft für Moderne Kunst.
Benannt ist der Preis nach dem Kölner Sammler und Gemälderestaurator Wolfgang Hahn (1924–1987). Er engagierte sich für die europäische und amerikanische Avantgarde in Köln. Hahn war Gründungsmitglied der Gesellschaft und leitete die Restaurierungswerkstätten des Museums. Zu den bisherigen Preisträgerinnen und Preisträgern zählen Cindy Sherman, Rosemarie Trockel, Pipilotti Rist, Kerry James Marshall, Haegue Yang, Francis Alÿs und zuletzt Evelyn Taocheng Wang.
Lee Ufan: Maler, Bildhauer, Philosoph
Von Südkorea nach Tokio
Lee Ufan wurde 1936 in Südkorea geboren. Mit Anfang 20 ging er nach Tokio, wo er Philosophie an der Nihon University studierte. Diese Prägung ist in seinem Werk bis heute spürbar. Er veröffentlichte Bücher zu Philosophie, Kritik und Lyrik und gilt als Künstler und Theoretiker zugleich. Von 1973 bis 2007 lehrte er als Professor an der Tama Art University in Tokio. 2001 erhielt er den Praemium Imperiale für Malerei.
Mono-ha: die „Schule der Dinge“
In den späten 1960er-Jahren wurde Lee Mitbegründer der Mono-ha-Bewegung. Das Künstlerkollektiv arbeitete zwischen 1968 und 1975 in Tokio. Seine Mitglieder lehnten westliche Repräsentationskonzepte ab. Sie ordneten Naturmaterialien wie Stein und Holz sowie industrielle Materialien wie Stahl oder Glas, ohne sie stark zu bearbeiten. Im Zentrum standen Beziehungen: zwischen den Dingen, zum Raum und zu den Betrachtenden. Lee sucht dabei bis heute eine harmonische Neuordnung der Dinge. Besonders bekannt sind seine Skulpturen der Serie Relatum. Dafür kombiniert er Steine und Eisenplatten zu minimalistischen Arrangements.
Reduzierte Malerei mit internationaler Strahlkraft
Seit den 1970er-Jahren prägt vor allem Lees reduzierte Malerei die internationale Kunstszene. Sie ist vom koreanischen Dansaekhwa beeinflusst, der „monochromen Malerei“. In den Serien From Point und From Line setzt er wiederholt Pinselstriche, bis die Farbe im Pinsel zur Neige geht. Jede Leinwand wird so zum Protokoll von Zeit, Geste und Atem. Während eines Strichs hält der Künstler den Atem an. Der Kreislauf von Fülle zu Leere vollzieht sich also im Körper und auf dem Bild zugleich.
Die jüngste Serie „Response“ (2024–2026)
In der aktuellen Serie Response arbeitet Lee mit einem breiten Pinsel auf großformatigen Leinwänden. Er setzt Punkte, Linien und diffuse Rechtecke. Sie erscheinen als isolierte Formzeichen, als rhythmisch strukturierte Muster oder in lockeren, nicht erzählerischen Figurationen. Den Malakt versteht Lee als reines, absolutes Ereignis. Er beschreibt ihn als transzendente Erfahrung des Einsseins mit der Welt. Wer vor solchen Bildern steht, merkt, wie sich das eigene Tempo verlangsamt. Das macht sie in einer reizüberfluteten Gegenwart besonders reizvoll.
Warum diese Wahl so gut nach Köln passt
Museumsdirektor Dr. Yilmaz Dziewior betont, Lee Ufans Werke stünden schon lange auf seiner persönlichen Wunschliste für die Sammlung. Der heute 90-jährige Künstler pflegt einen engen Bezug zur Kunstszene im Rheinland. Zur Eröffnung des Museum Ludwig vor 50 Jahren waren seine Arbeiten in der Kunsthalle Düsseldorf, im Glaskasten in Marl, in der Galerie m in Bochum und im Museum Ludwig selbst zu sehen. Bis heute fehlte jedoch ein Werk von ihm in der Sammlung. Diese Lücke schließt der Ankauf zum Preis.
Die Gastjurorin Mami Kataoka, Direktorin des Mori Art Museum in Tokio, hob hervor, Lee habe in seiner sechzigjährigen Laufbahn die Bedeutung der Existenz in Beziehungen erforscht, die Ost und West überschreiten. Dabei folge er weder der westlichen Moderne noch ziehe er sich in östliche Spiritualität zurück. Passend dazu verweist die Gesellschaft für Moderne Kunst auf die Sammelleidenschaft von Peter und Irene Ludwig, die sich von Beginn an für asiatische Kunst interessierten. Nach Haegue Yang ist Lee erneut eine künstlerische Position aus Südkorea in der Sammlung.
Wer Lee Ufans Werk weiter erkunden möchte, findet mit dem Lee Ufan Museum auf Naoshima und dem Ausstellungszentrum Lee Ufan Arles zwei von Tadao Ando gestaltete Orte. In Deutschland war seine Kunst zuletzt 2023/24 in einer Retrospektive im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen.
Praktische Informationen für Ihren Besuch
- Preisverleihung: Freitag, 6. November 2026, 18:30 Uhr, Eintritt frei
- Präsentation zum Wolfgang-Hahn-Preis: 7. November 2026 bis 4. April 2027
- Ort: Museum Ludwig, Bischofsgartenstraße 1, 50667 Köln, direkt zwischen Dom, Hauptbahnhof und Rhein
- Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr; jeden ersten Donnerstag im Monat bis 22 Uhr. Heiligabend, am 1. Weihnachtstag, an Silvester und an Neujahr bleibt das Museum geschlossen.
- Eintritt: Erwachsene 15,40 Euro, ermäßigt 10,40 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei. Mit der KölnCard gibt es 20 Prozent Ermäßigung. Aktuelle Preise und Tickets finden Sie auf der Ticketseite des Museums.
- Anfahrt: Die Haltestelle Dom/Hauptbahnhof liegt direkt am Museum und ist für alle öffentlichen Verkehrsmittel der Anlaufpunkt.
- Barrierefreiheit: Ein barrierefreier Zugang ist über einen Aufzug an der Bischofsgartenstraße möglich. Leihrollstühle gibt es kostenlos an der Kasse, Führungen für Blinde und Sehbehinderte auf Anfrage. Informationen und Anmeldung: Barrierefreiheit im Museum Ludwig.
- Führungen: Kostenlose Führungen finden laut Stadt Köln dienstags um 14 Uhr, mittwochs um 16:30 Uhr und sonntags um 11:30 Uhr statt.
Weitere Hintergründe finden Sie in der Presseinformation der Museen der Stadt Köln.
Fazit: Ein Moment der Ruhe in der Art-Cologne-Woche
Der Wolfgang-Hahn-Preis 2026 ist mehr als eine Auszeichnung. Er bringt einen der einflussreichsten Künstler der Gegenwart dauerhaft in die Kölner Sammlung. Lee Ufans Kunst lädt dazu ein, innezuhalten, genauer hinzusehen und zu atmen. Das ist ein guter Ausgleich zur Betriebsamkeit einer Kunstmesse. Kommen Sie am 6. November um 18:30 Uhr zur kostenlosen Preisverleihung ins Museum Ludwig. Oder planen Sie Ihren Besuch der Präsentation zwischen dem 7. November 2026 und dem 4. April 2027. Teilen Sie diesen Beitrag gern mit Freundinnen und Freunden, die Kunst und Kultur lieben, und erleben Sie die Stille der Malerei von Lee Ufan selbst.

