Ein ausgestopftes Pferd, das von der Decke hängt. Ein Kind mit dem Gesicht Adolf Hitlers, das in sich versunken kniet. Ein Raum voller Tauben. Kaum ein Künstler der Gegenwart arbeitet so konsequent an der Grenze zwischen Lachen und Erschrecken wie Maurizio Cattelan. Jetzt kehrt er nach Berlin zurück, und zwar mit seiner ersten großen Einzelausstellung in Deutschland. NIGHT ist bis zum 7. März 2027 in der Neuen Nationalgalerie zu sehen und markiert den Höhepunkt des Preises der Nationalgalerie 2026.
Maurizio Cattelan in Berlin: Warum diese Ausstellung zählt
Cattelan, 1960 in Padua geboren, gehört zu den einflussreichsten Positionen der zeitgenössischen Kunst. Seine Arbeiten provozieren, irritieren und lassen sich nie auf eine einzige Lesart festlegen. Weltweit bekannt wurde er zuletzt durch Comedian (2019): eine Banane, die er mit Klebeband an eine Galeriewand heftete und für Millionenbeträge verkaufte. Die Arbeit zeigte, wie eng Kunst, Markt und Inszenierung miteinander verwoben sind.
Wer Cattelan auf den Scherz reduziert, übersieht aber das Wesentliche. Hinter der scheinbaren Leichtigkeit stehen existenzielle Fragen nach Macht, Religion, Schuld, Tod und Erinnerung. Dazu kommt ein präziser, oft bissiger Blick auf den Kunstbetrieb, den er seit Jahrzehnten von innen seziert.
Auch für Berlin ist Cattelan kein Unbekannter. Er war Ko-Kurator der 4. Berlin Biennale im Jahr 2006. Die Rückkehr mit einer umfassenden Museumsschau schließt also einen Kreis.
Preis der Nationalgalerie 2026: Auszeichnung und Ausstellung
Der Preis der Nationalgalerie wurde im Jahr 2000 von den FREUNDEN der Nationalgalerie gegründet. Er gilt als Deutschlands renommiertester Museumspreis für zeitgenössische Kunst. 2026 wählte eine internationale Jury Maurizio Cattelan aus. Die Auszeichnung ist mit einer Einzelausstellung in der Neuen Nationalgalerie verbunden, gefördert wird sie von BMW.
Kuratiert wird NIGHT von Lisa Botti, Kuratorin an der Neuen Nationalgalerie, und Klaus Biesenbach, dem Direktor des Hauses. Beide arbeiteten eng mit dem Künstler zusammen. Die Schau kreist um Geschichte, Macht, Gedenken, Identität und Glauben.
NIGHT: Was Besucher:innen erwartet
Arbeiten aus drei Jahrzehnten und neue Werke
Die Ausstellung bringt zentrale historische Arbeiten mit mehreren Neuproduktionen zusammen, die eigens für Mies van der Rohes Gebäude entstanden. Zu den Schlüsselwerken zählen unter anderem:
- Novecento (1997): das ausgestopfte Pferd, das von oben herabhängt und Betrachter:innen zwischen Komik und Beklemmung zurücklässt.
- La Rivoluzione Siamo Noi (2000): eine Arbeit, die Selbstinszenierung und Anspruch auf Veränderung ironisch bricht.
- Him (2001): die kniende Figur mit dem Gesicht Hitlers, die Täterschaft und Erinnerung in einem schwer erträglichen Bild verdichtet.
- Untitled (2003): eine Arbeit, die von Günter Grass’ Roman Die Blechtrommel inspiriert ist. Auf Ausstellungsansichten sitzt ein Kind mit roter Trommel auf der Dachkante, umgeben von Tauben.
Ein Museum als zeitgenössische Kirche
Besonders reizvoll ist das Konzept für den Raum. Die Schau wurde für Mies van der Rohes gläserne Halle entworfen und gibt dem Museum vorübergehend den Charakter einer Kirche. Es wird zu einem Ort des Zusammenkommens, der Erhebung und der Reflexion. Die klare, nüchterne Architektur der Moderne trifft auf Bilder, die an Altäre, Totenwachen und Rituale erinnern. Der Titel NIGHT passt dazu: Er verweist auf Dunkelheit, Wachen und Trauer, aber auch auf das Unbewusste.
Cattelan verschiebt vertraute Bilder und Figuren nur minimal, doch ihre Bedeutung kippt. Ironie und Mehrdeutigkeit lassen sich nicht mehr trennen. In Berlin, einer Stadt der überlagerten Geschichten und anhaltenden Erinnerungsprozesse, entfaltet das eine besondere Wirkung.
Das Museum als Feind? Cattelans veränderte Haltung
Im Gespräch mit KUNSTFORUM-Autor Heinz-Norbert Jocks reflektiert Cattelan über das Altern von Kunstwerken und die Bedeutung von Kreativität. Er erklärt außerdem, warum er das Museum nicht mehr als Feind betrachtet. Das ist bemerkenswert für einen Künstler, der den Kunstbetrieb jahrzehntelang mit Streichen, Eingriffen und Verweigerungen herausgefordert hat. Die Berliner Schau zeigt einen Künstler, der die Institution nicht mehr nur angreift, sondern als Raum für Begegnung und Nachdenken nutzt.
Und die Werke altern tatsächlich. Was 1997 oder 2001 als Tabubruch galt, wird heute anders gelesen. Neue Generationen bringen eigene Fragen mit, und manche Arbeiten gewinnen durch den historischen Abstand an Schärfe.
Praktische Informationen zum Besuch
Zeitraum und Ort
- Laufzeit: 10. September 2026 bis 7. März 2027
- Ort: Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin
- Anfahrt: Am bequemsten mit der U2 bis Potsdamer Platz. Von dort sind es wenige Minuten zu Fuß zum Kulturforum.
Öffnungszeiten
Das Museum ist dienstags bis mittwochs von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags von 10 bis 20 Uhr und freitags bis sonntags wieder von 10 bis 18 Uhr. Montags bleibt es geschlossen. An Feiertagen gelten teils abweichende Zeiten, die Sie auf der Besuchsseite der Staatlichen Museen zu Berlin finden.
Eintritt und Tickets
Laut Museumsportal Berlin kostet das Museumsticket für alle Ausstellungen 20 Euro, ermäßigt 10 Euro. Das Kulturforum-Ticket für alle Ausstellungen liegt bei 22 Euro, ermäßigt bei 11 Euro. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt. Donnerstags von 16 bis 20 Uhr gibt es zudem ein Angebot mit freiem Eintritt. Weil sich die Regelungen ändern können, lohnt vorab ein Blick auf die offizielle Website. Tickets für NIGHT erhalten Sie auch über den Ticketkalender von Berlin.de. Wer mehrere Häuser besuchen möchte, kann den Berliner Museumspass nutzen. Eine Zeitfensterbuchung vorab empfiehlt sich, besonders am Wochenende.
Tipp für Ihre Planung
Ein Besuch am Donnerstagabend verbindet Cattelans Werke mit dem besonderen Licht der gläsernen Halle in den Abendstunden. Das passt zum Titel der Ausstellung. Weitere Informationen zu Preis und Ausstellung finden Sie auch auf der Seite der FREUNDE der Nationalgalerie.
Fazit: Cattelan in Berlin ist ein Muss
NIGHT ist mehr als eine Retrospektive des Mannes mit der Banane. Die Ausstellung verwandelt Mies van der Rohes Glashalle in einen Raum für Geschichte, Glauben und Erinnerung. Sie zeigt außerdem einen Künstler, der Humor als Mittel nutzt, um an schwere Themen heranzukommen. Wer wissen möchte, warum Cattelan zu den prägendsten Stimmen der Gegenwartskunst zählt, findet in Berlin dafür bis März 2027 die beste Gelegenheit.
Planen Sie Ihren Besuch jetzt: Sichern Sie sich Ihr Zeitfenster-Ticket, nehmen Sie Freund:innen mit und diskutieren Sie danach, was Sie gesehen haben. Cattelans Werke geben genug Stoff dafür. Und wenn Sie die Schau besucht haben, schreiben Sie uns gern, welche Arbeit Sie am meisten beschäftigt hat.

