Auf den ersten Blick mag es ungewöhnlich erscheinen, dass eine Sammlung orthodoxer Ikonen heute in einem Museum für zeitgenössische Kunst beheimatet ist. Gerade hierin liegt jedoch ihre besondere Stärke. Die Ikonen spannen einen weiten Bogen durch die Kunstgeschichte vom ausgehenden Mittelalter bis in den Dialog mit der Gegenwart. In ihrer streng geordneten Bildstruktur, der bewussten Abkehr vom Naturalismus und der zentralen Rolle des Lichts berühren sie Fragestellungen, die auch zeitgenössische Künstler beschäftigen: Fragen nach Symbolik, Spiritualität, Erinnerung und existenzieller Verletzlichkeit.
Die Ikonensammlung Fritz Glöckle umfasst über 100 Ikonen, darunter Christus- und Marienbilder, Festtags- und Heiligenikonen, Kalenderikonen sowie Ikonostasen. Nach 25 Jahren im Gunnar-Wester-Haus präsentieren sich die Ikonen nun im neuen Kontext der Kunsthalle Schweinfurt. Angeregt durch zahlreiche Russlandreisen begann der Dipl.-Ing. Fritz Glöckle (1913–2014), Ikonen zu sammeln, um sie dauerhaft zu bewahren. 2001 wurden die Ikonen der Stadt Schweinfurt gestiftet und gemeinsam die Fritz Glöckle Kulturstiftung gegründet.
Im Dialog mit zeitgenössischer Kunst eröffnen ausgewählte Ikonen neue Perspektiven auf das Bild als Bedeutungsträger und auf das Verhältnis von Sichtbarem und Unsichtbarem – als vera icon im Spannungsfeld von Gegenwart und Tradition.
Ikonen sind in der orthodoxen Kirche auf Holz gemalte Tafelbilder, die nicht als bloße religiöse Darstellungen verstanden werden, sondern als Gegenstand gläubiger Verehrung. Ihre Entstehung gilt als liturgischer Akt. Ikonen werden nicht gemalt, sondern geschrieben, streng nach überlieferten Regeln. Sie vermitteln keine naturalistischen Abbilder, sondern Heilsgeschichte, symbolische Ordnung und geistige Präsenz.
Diese strukturellen und inhaltlichen Prinzipien finden in der zeitgenössischen Kunst neue Entsprechungen. Zeitgenössische Künstler wie Helmut Rieger (1931–2014), Robert Höfling (1919–1997), Volker Stelzmann (geb. 1940), Jürgen Hochmuth (geb. 1958), Gerhard Rießbeck (geb. 1964) oder Michael Morgner (geb. 1942) nehmen in ihren Werken theologische oder existenzielle Fragen auf, jedoch anders als die Ikonenmeister: sie arbeiten mit offenen, persönlichen, fragmentarischen Formen und setzen eigene Perspektiven auf Gegenwart, Spiritualität und Erinnerung in Bilder um.
Ergänzt wird dieser Dialog im Untergeschoss der Kunsthalle durch ein umfangreiches Begleitprogramm, das Räume für persönliche und kollektive Auseinandersetzung mit Erinnerung, Trost und Grenzerfahrungen eröffnet. Die begleitende Veranstaltungsreihe erkundet die produktive Reibung zwischen Ikone und zeitgenössischer Kunst: Wie verändern sich Menschenbilder, wenn heilsgeschichtliche Ordnung auf offene, fragmentarische Formen trifft? Wie lassen sich Leid, Unsichtbares oder Erinnerung heute bildlich fassen? Und warum bleiben Bilder auch in einer säkularen Gegenwart unverzichtbare Orte der Reflexion, Sinnsuche und Selbstvergewisserung?