Neuss
Museum

Langen Foundation

Raketenstation Hombroich 1, 41472 Neuss

Viktor und Marianne Langen haben nicht nur Malerei des 20. Jahrhunderts und japanische Kunst gesammelt, sondern auch Objekte aus zahlreichen außereuropäischen Kulturen erworben. So gehören zu ihrer Sammlung über 100 buddhistische Skulpturen aus Indien, Kambodscha und Thailand sowie über 130 Objekte präkolumbischer Kunst. Hinzu kommen kleinere Gruppen chinesischer, koreanischer, afrikanischer, ozeanischer, ägyptischer, alt-griechischer und alt-persischer Kunst.

 

Angeregt zum Kauf von Objekten fremder Kulturen wurden Viktor und Marianne Langen während ausgedehnter Fernreisen, die sie oft über mehrere Wochen in andere Länder führten. Lange bevor der Tourismus in diese Weltgegenden vordrang, besuchte das rheinische Sammlerpaar Burma, Thailand, Laos, Kambodscha, Kenia, Ägypten, Marokko, Peru, Mexiko und China. Von Anfang an hatte das Reisen eine ebenso zentrale Bedeutung im Leben von Viktor und Marianne Langen wie die Kunst und ihre Begeisterung dafür war unmittelbar gekoppelt an ihre Sammelleidenschaft. ihre Kunstsammlungen, »das handgreifliche Ergebnis unserer Reisen«, so Marianne Langen, können als Ausdruck ihres Bedürfnisses gelten, sich die Welt über die Kunst zu erschließen und verständlich zu machen.

 

Das von Marianne Langen initiierte und gestiftete Ausstellungshaus liegt auf einer ehemaligen NATO-Basis inmitten der niederrheinischen Landschaft. Für dieses Gelände entwickelte der Sammler Karl-Heinrich Müller ab 1994 ein visionäres Projekt, bei dem Kunst und Natur zu einer einmaligen Synthese zusammengebracht werden sollten.

 

Auf Einladung von Karl-Heinrich Müller besuchte der japanische Architekt Tadao Ando 1994 die Raketenstation und sah diese in ihrem Urzustand. Begeistert von Müllers Plänen, entwickelte er ein Architekturmodell, das ebenfalls Teil des Projektes wurde. Als Marianne Langen Tadao Andos Pläne im Jahr 2001 zum ersten Mal sah, entschied sie sich sehr schnell, dieses Haus als das letzte und größte Kunstwerk ihrer Sammlung bauen zu lassen. Ihrer Maxime entsprechend, verzichtete sie auf jegliche Fördermittel von Dritten.

 

Tadao Andos ausgeprägte Vorliebe für Beton und sein Gespür für das Spezifische des Ortes bestimmen auch seinen Entwurf für die Langen Foundation. So verwendete er Beton, Glas und Stahl und passte das Gebäude in die topographischen Gegebenheiten der umlaufenden Wälle ein. Geöffnet wurden diese lediglich im Eingangsbereich. Dieser ist durch eine vier Meter hohe, halbrunde Betonwand markiert, in der ein eingeschnittenes Portal den Blick auf das Gebäude und den davor liegenden großen Spiegelteich freigibt.

 

Das 2004 eröffnete Ausstellungshaus setzt sich aus zwei architektonisch unterschiedlichen und miteinander verbundenen Gebäudetrakten zusammen. An einen langgestreckten, von einem Glasmantel umhüllten Betonriegel schließt sich im Winkel von 45 Grad der Haupttrakt an. Dieser besteht aus zwei parallelen Quadern, die etwa sechs Meter tief in die Erde gegraben sind. Zwischen den beiden Trakten führt eine große Freitreppe wie eine Art Himmelsleiter aus der Tiefe zurück in die Natur.

 

Die Langen Foundation verfügt über drei Ausstellungsräume mit einer Gesamtfläche von 1.300 Quadratmetern. Im ebenerdigen Betonriegel untergebracht ist der sogenannte Japanraum – eine ungewöhnlich lange und schmale Galerie, die Tadao Ando als Raum der »Stille« speziell für den japanischen Teil der Sammlung Langen konzipiert hat. Für den modernen Teil der Sammlung sind die beiden in die Erde gesenkten Ausstellungsräume vorgesehen, deren Raumhöhe überraschende acht Meter beträgt.

Veranstaltungen und Ausstellungen

11.10.26 - 11.04.27

Alexandra Bircken – Silver Lining

Für Silver Lining präsentiert Alexandra Bircken (geb. 1967 in Köln) eine dreiundzwanzig Meter lange Collage, die aus Fotografien, Zeitungsausschnitten und Magazinseiten, Screenshots, Readymades sowie eigenem Material besteht, das die Künstlerin seit den frühen 90er-Jahren zusammengetragen und selbst hergestellt hat. Zwischen persönlicher und populärer Kultur angesiedelt, eröffnet dieses visuelle Archiv den Besucherinnen und Besuchern einen Rundgang durch das Universum der Künstlerin.

 

Silver Lining bildet einen Gegenpol zu Birckens viel beachteter skulpturaler Praxis. Während ihre dreidimensionalen Arbeiten Fragen nach Materialität, Körperlichkeit und gesellschaftlichem Leben aufwerfen, entfaltet Silver Lining diese Auseinandersetzung über eine Vielzahl einzelner Fragmente. In ihrem stetigen Fluss lassen sich sechs wiederkehrende Konstellationen ausmachen: Ornamentale Ordnung: Wiederholung, Raster und symmetrische Anordnungen – Strukturen, die zugleich als System und als Ornament gelesen werden können. Kommerzialisierte Weiblichkeit: Kosmetik, Schmuck, redaktionelle Fotografien und sexualisierte Körperfragmente, die auf Produkt und Oberfläche reduziert werden. Rohe Materie: Unverarbeitete organische Materialien und Texturen, die sich der Glätte und Perfektion ihrer Umgebung widersetzen. Zirkulierende Krise: Nachrichtenbilder, Werbung und Unternehmensdarstellungen, in denen wiederkehrende, ungelöste Probleme auf derselben Seite neben der geschmeidigen Sprache von Industrie und Beständigkeit erscheinen. Rekonstruierte Körper: Mechanische, orthopädische und cyborgartige Formen – Körper, die durch Strukturen neu aufgebaut, erweitert oder ersetzt werden. Häusliche Absurdität: Alltagsgegenstände und private Schnappschüsse, die durch Übersteigerung oder Verschiebung ins Befremdliche kippen.

 

Diese Konstellationen sind keine voneinander abgegrenzten Kategorien, sondern vielmehr Anziehungspunkte innerhalb eines Universums von Bildern – eines Universums, in dem Bedeutungen zwischen unterschiedlichen Zentren wandern.

 

Jenseits dieser Konstellationen gibt es weder eine Hierarchie der Bilder und Objekte noch eine Chronologie. Material aus drei Jahrzehnten steht gleichberechtigt nebeneinander und wird nicht durch eine zeitliche Abfolge, sondern durch Ähnlichkeiten miteinander verbunden: ein formales Echo, eine wiederkehrende Struktur, eine gemeinsame Textur. Bircken beschreibt die einzelnen Bildmotive als eindeutig und auf den ersten Blick lesbar. In ihrer Gesamtheit jedoch nimmt die Ansammlung den Charakter einer Abstraktion an: Bedeutung entsteht aus der Nähe und dem Aufeinandertreffen der Bilder, nicht aus einem einzelnen Bild.

 

Silver Lining hinterfragt zugleich eine Vorstellung, die traditionell mit der Skulptur verbunden ist: dass sie für sich allein stehen müsse. Jedes Fragment wurde ausgewählt, weil es Bircken aus sich heraus interessierte. Die Collage stellt somit die Beziehung über die Eigenständigkeit, das Netzwerk über das abgeschlossene Objekt und rückt damit den Akt der Auswahl ins Zentrum. Zugleich ist die Arbeit nicht abgeschlossen. Bircken beschreibt den Prozess als einen metabolischen: Ständig wird neues Material aufgenommen, und die Arbeit bleibt – in den Worten der Künstlerin – technisch gesehen unvollendet.

 

Auch der Titel trägt mehrere Bedeutungen zugleich. Silver bezeichnet das Material des fotografischen Bildes, das Silberhalogenid, mit dem Licht einst auf Papier fixiert wurde. Ein Lining wiederum ist die verborgene innere Schicht eines Kleidungsstücks, die ihm seine Form verleiht. Zusammengenommen beschreiben die beiden Begriffe die Beschaffenheit dieser fortwährenden Arbeit: Fotografisches Material verdichtet sich über Jahre hinweg zu einer Einheit, während eine darunterliegende Struktur durch die Ansammlung zunehmend sichtbar und lesbar wird. Zugleich tritt darin Birckens ganz eigene Art hervor, sich mit jener Bildkultur auseinanderzusetzen, die parallel zu unserer Existenz verläuft.

 

Kuratiert von Nadim Samman

 

Alexandra Bircken wurde 1967 in Köln geboren. Sie studierte Modedesign am Central Saint Martins College of Art and Design in London, wo sie anschließend im Masterstudiengang Fashion lehrte. Während ihrer Zeit in London entwickelte sie ihr eigenes Modelabel und arbeitete später als Designerin für verschiedene Modehäuser in Paris. Nach ihrer Rückkehr nach Köln eröffnete sie den Laden »Alex«, in dem sie Objekte und Accessoires schuf. Darüber hinaus absolvierte sie Atelieraufenthalte bei der Imhoff Stiftung, im Studio Voltaire in London und an der National Gallery in Harare. Bircken war 2019 an der 58. Biennale di Venezia beteiligt. Ihre Einzelausstellungen wurden unter anderem in der Secession in Wien, im Fridericianum in Kassel, im Museum Brandhorst in München und im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin gezeigt. Ihre jüngste Ausstellung SomaSemaSoma war anschließend im Culturgest in Lissabon, im Kunsthaus Biel, im Capc musée d’art contemporain de Bordeaux und im Marta Herford zu sehen. Von 2018 bis 2023 hatte Bircken eine Professur an der Akademie der Bildenden Künste München inne. Seit 2023 lehrt sie an der Kunstakademie Düsseldorf. Alexandra Bircken lebt und arbeitet in Berlin und Düsseldorf.

11.10.26 - 11.04.27

Unter Einem Himmel –400 Jahre Götter, Menschen und Tiere in der japanischen Kunst

Wie haben Menschen ihren Platz in einer Welt verstanden, die sie mit Göttern, Tieren und ihren Mitmenschen teilen? Unter einem Himmel: 400 Jahre Götter, Menschen und Tiere in der japanischen Kunst geht dieser zeitlosen Frage anhand einer außergewöhnlichen Auswahl von Meisterwerken aus der Sammlung Viktor und Marianne Langen nach.

 

Über vier Jahrhunderte japanischen Kunstschaffens hinweg vereint die Ausstellung rund siebzig Werke – darunter Stellschirme, Hängerollbilder, Handrollen, Skulpturen, Inrō, Netsuke und kunstvolle Gebrauchsgegenstände – zu einer reichen Bildwelt, in der das Göttliche, das Menschliche und das Tierische nicht als getrennte Sphären erscheinen, sondern als miteinander verwobene Dimensionen eines gemeinsamen Daseins. Mit meisterhafter Handwerkskunst und außergewöhnlicher Vorstellungskraft schufen japanische Künstler:innen Bilder, die bis heute zum Nachdenken über das Verhältnis von Natur, Spiritualität und Alltag einladen.

 

Den Auftakt bildet ein eindrucksvolles Ensemble von Porträts, in dem buddhistische und shintoistische Gottheiten in einen Dialog mit erleuchteten Zen-Meistern und Darstellungen schöner Frauen treten. In der japanischen Porträtkunst war das äußere Erscheinungsbild stets nur ein Teil der Erzählung: In Gesichtern, Gesten, Kleidung und Attributen spiegelten sich Charakter, spirituelle Vollendung, soziale Identität und Schönheitsideale gleichermaßen wider. So werden diese Werke zu weit mehr als bloßen Bildnissen Einzelner – sie sind Ausdruck der Werte und Sehnsüchte ihrer Zeit.

 

Von dort führt die Ausstellung in eine lebendige Menagerie realer und imaginärer Wesen, in der majestätische Falken, schelmische Affen, mächtige Löwen und exotische Elefanten einen zentralen Platz einnehmen. Tiere erscheinen in der japanischen Bildkultur nie bloß als dekoratives Motiv, sondern als bedeutungsvolle Akteure innerhalb der sozialen und spirituellen Ordnung: als Boten der Götter, Beschützer des Hauses, Glückssymbole und Protagonisten überlieferter Geschichten. Durch sie werden die Grenzen zwischen der natürlichen und der übernatürlichen Welt auf wunderbare Weise durchlässig.

 

Als Brücke zwischen der Welt der Menschen und jener der Tiere widmet sich ein eigener Ausstellungsbereich einer der markantesten Eigenschaften der japanischen Kunst: der Freude am Spielerischen. Seit Jahrhunderten nutzen Künstler:innen Humor, Parodie und Satire, um religiöse Lehren, moralische Botschaften und gesellschaftliche Kommentare zu vermitteln – furchterregende Wesen werden durch Übertreibung liebenswert, während heilige Figuren durch feine Karikatur einen entwaffnend menschlichen Charakter gewinnen. Hinter diesem Humor verbirgt sich ein raffiniertes Gespür für die Kraft des Lachens, die zu unterhalten, zu belehren und selbst das Heilige dem Alltag näherzubringen vermag.

 

So begegnen die Besucher:innen auf ihrem Rundgang immer wieder dem außergewöhnlichen Einfallsreichtum japanischer Maler:innen und Kunsthandwerker:innen, die vertraute Themen und Bildtraditionen stets neu interpretierten. Ob eindrucksvolle Gottheiten, gefeierte historische Persönlichkeiten oder bezaubernde Tiere – aus etablierten Motiven schufen sie ein unendlich vielfältiges, faszinierendes Bilderrepertoire.

 

Schlussendlich zeichnet Unter einem Himmel das Bild einer Weltanschauung, in der das Heilige und das Alltägliche, das Menschliche und das Tierische, das Komische und das Erhabene in ständigem Dialog miteinander standen. Vom fünfzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert, zeigt die Ausstellung, wie Generationen japanischer Künstler:innen ein Universum dachten, das von Verbundenheit statt von Trennung geprägt war.

 

Indem Unter einem Himmel all diese Stränge zusammenführt, lädt die Ausstellung dazu ein, einer zeitlosen Frage nachzuspüren: Was bedeutet es, Teil einer größeren Gemeinschaft von Lebewesen zu sein, die alle unter demselben Himmel leben?

 

Kuratiert von Khanh Trinh

 

Zur Kuratorin: Khanh Trinh schloss ihr Studium der Ostasiatischen Kunstgeschichte, Japanologie und Sinologie an der Universität Zürich im Jahr 2000 mit einer Promotion über den japanischen Maler Tani Bunchō (1763–1840) ab. Von 1997 bis 2015 wirkte sie als Dozentin und Kuratorin für japanische Kunst in Berlin, Rom, Tokio und Sydney, ehe sie 2015 die Position der Kuratorin für Japanische und Koreanische Kunst am Museum Rietberg Zürich übernahm. In ihrer wissenschaftlichen und kuratorischen Arbeit widmet sie sich vor allem den sozialen und kulturellen Kontexten der japanischen Kunstproduktion im 18. und 19. Jahrhundert. Als Kuratorin und Autorin hat sie an zahlreichen Ausstellungen mitgewirkt und zu den begleitenden Publikationen beigetragen; darüber hinaus publiziert sie regelmäßig zu verschiedenen Aspekten der japanischen Malerei und angewandten Kunst der Edo-Zeit (1603–1868) sowie zur zeitgenössischen japanischen und koreanischen Kunst. Khanh Trinh schloss ihr Studium der Ostasiatischen Kunstgeschichte, Japanologie und Sinologie an der Universität Zürich im Jahr 2000 mit einer Promotion über den japanischen Maler Tani Bunchō (1763–1840) ab. Von 1997 bis 2015 wirkte sie als Dozentin und Kuratorin für japanische Kunst in Berlin, Rom, Tokio und Sydney, ehe sie 2015 die Position der Kuratorin für Japanische und Koreanische Kunst am Museum Rietberg Zürich übernahm. In ihrer wissenschaftlichen und kuratorischen Arbeit widmet sie sich vor allem den sozialen und kulturellen Kontexten der japanischen Kunstproduktion im 18. und 19. Jahrhundert. Als Kuratorin und Autorin hat sie an zahlreichen Ausstellungen mitgewirkt und zu den begleitenden Publikationen beigetragen; darüber hinaus publiziert sie regelmäßig zu verschiedenen Aspekten der japanischen Malerei und angewandten Kunst der Edo-Zeit (1603–1868) sowie zur zeitgenössischen japanischen und koreanischen Kunst.

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Raketenstation Hombroich 1, 41472 Neuss
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