Die Staatliche Graphische Sammlung München bewahrt neben den Kabinetten in Berlin und Dresden die bedeutendste Sammlung für Zeichnungen und Druckgraphik in Deutschland und gehört weltweit zu den führenden Graphiksammlungen. Ihre Bestände von über 400.000 Blatt umfassen alle Epochen der europäischen und nordamerikanischen Zeichenkunst und Druckgraphik vom 12. bis ins 21. Jahrhundert.
Die Sammlung
Kunst auf Papier ist das Medium des zündenden Einfalls, der packenden Direktheit, aber auch der anschaulichen Verbreitung von Ideen. Ohne Zeichnung und Druckgraphik sind Werke der Malerei, Skulptur oder Architektur kaum denkbar. Künstler erfinden in der Zeichnung und schöpfen aus den Bildern der Druckgraphik. Die im Münchner Kabinett verwahrten Schätze sind immens: Über 400 000 Blätter aus allen Epochen, vom 12. bis zum 21. Jahrhundert, werden für Besucher bereitgehalten. Wechselnde Ausstellungen in der Pinakothek der Moderne eröffnen immer neue Einblicke und machen mit unterschiedlichsten Facetten des Bestands vertraut. Der Studiensaal der Sammlung – das größte »Schaudepot« der Stadt – lädt die Besucher zum Studium der Originale ein: Näher kann man Kunst nicht kommen. Der internationale Ruf der Sammlung gründet unter anderem auf deutschen Holzschnitten des 15. Jahrhunderts, italienischen Renaissancezeichnungen von Künstlern wie Leonardo, Michelangelo, Raffael, einem maßgebenden Rembrandt-Schwerpunkt, auf dem Bestand an Werken von Künstlern um Ludwig I. und nicht zuletzt auf einer in Europa konkurrenzlosen Sammlung US-amerikanischer Kunst seit den 1960er-Jahren. Hier verbinden sich auf einmalige Weise Tradition und Aktualität.
Veranstaltungen und Ausstellungen
STEFAN RINCK – DER ALPEN-CLAN KEHRT ZURÜCK
Rotundenprojekt 2025 – Part I
Zweifellos sind die Skulpturen von Stefan Rinck keine Leichtgewichte. Und doch erscheinen sie wie federleichte Phantasiespiele, in denen der Bildhauer Facetten der High- und Low-Kultur mit Epochen der Kultur- und Kunstgeschichte wagemutig verwirbelt. Ihre widersprüchliche Natur wirkt bezwingend, da sie weniger als steinschwere Monumente denn mehr als freigeistige Capriccios Eindruck machen. Es ist diese Selbstverständlichkeit, die einnehmend auf uns wirkt. Allesamt sind es künstlerische Parameter, die Stefan Rinck in seinem Werk verfolgt. Mit Fingerspitzengefühl justiert er sie von Skulptur zu Skulptur fortwährend neu aus. Vice versa stimulieren sie seine künstlerische Auseinandersetzung mit der Welt.
Unter seinen Händen wachsen sich rohe Gesteinsbrocken zu unbekannten sublimen Wesen aus. Schon bei der Vorauswahl der jeweiligen Steinart denkt er die für das Material spezifischen Bearbeitungsmethoden mit, um der allure der zukünftigen Skulptur gerecht zu werden. Mit der Kennerschaft des Steinmetzes kann sich sein Blick sprunghaft vom eher spröden, lehmfarbenen Elbsandstein hin zum harten und farbintensiven blauen Macauba- oder grünen Atlantis-Quarzit wenden, um unvermutet einen Block schneeweißen Statuario-Marmor, das Nonplusultra jedes klassischen Bildhauers, für seine nächste folie ins Auge zu fassen. Die Material-Melange seines Skulpturenparks beschwört ein phantastisches Panoptikum flirrender Lebensgeister herauf, denen er Leben einhaucht. Mit ihrem vielfach überdrehten Habitus erinnern sie an Picassos extraterrestrische Gaukler der blauen und rosa Periode. Wie sie bevölkern Rincks Statuen unsere Lebenswelt, ohne unsere Realität zu teilen. Das macht sie für uns so anziehend. Unvermittelt werden wir berührt von der Fremde ihres märchenhaften Habitats, das aus der Nähe, aber mit sicherem Abstand betrachtet, unserer menschlichen Natur mit ihren Sehnsüchten und Ängsten nicht unähnlich ist.
Daniel Grüttner – Out of the Web
Mit der aktuellen Ausstellung Daniel Grüttner – Out of the Web erörtert die Staatliche Graphische Sammlung München zum wiederholten Mal die Frage nach dem Stellenwert der Zeichenkunst im 21. Jahrhundert. Das Projekt bildet den Auftakt zu drei aufeinanderfolgenden Ausstellungen im Jahr 2026, die das Verhältnis zwischen Malerei und Zeichnung innerhalb eines individuellen künstlerischen Œuvres diskutieren.
Neu ist, dass Grüttner sich mit seiner aktuellen Ausstellung auch als Zeichner vorstellt. Bisher unbeachtet blieb, dass er normalerweise in dem Zeitraum, in dem ein einzelnes Ölbild entsteht, geradezu tagebuchartig den Schaffensprozess im Atelier mit Zeichnungen begleitet. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass er die vom Tagewerk mit Ölfarbe gesättigten Pinsel auf Papierbögen fieberhaft »ausstreicht«. Tatsächlich aber reflektiert er beim Zeichnen mit Verve sein Tagewerk – das aktuelle Bild, das sich im Werden befindet, kommentiert, überdenkt und treibt er von Zeichnung zu Zeichnung weiter. Im Kontext der Gemälde kommt den Blättern damit eine nicht geringe Bedeutung zu, da sie weder Skizzen oder Vorstudien darstellen noch im Nachgang zu einem Bild als eine Art Reflexion oder Kommentar zu verstehen sind. Vielmehr sind sie ebenbürtige Dialogpartner im voranschreitenden Prozess der Werkgenese. Das erklärt im Fall seiner jüngsten monochromen Gemälde auch die außerordentliche Dynamik und Spannung der zeichnerischen Grapheme auf jedem einzelnen Zeichnungsblatt, wenn die Gestaltform jenseits der Farbe für den schöpferischen Prozess unabdingbar wird.
Ein zentrales künstlerisches Phänomen, das ihn in seinem Werk umtreibt, ist die grundsätzliche Überlegung, wie sich im Schaffensprozess jenseits der planen Oberfläche malerisch ein Bildraum einstellt und festgehalten werden kann, ohne zu erstarren. Gerade weil die Farbigkeit in der Werkgruppe Out of the Web nicht im ersten Rang steht, wird dieser Prozess für den Betrachter zur reizvollen visuellen Herausforderung. Mit großer Sicherheit gelingt es Grüttner in dieser minimalistisch anmutenden Serie, einzelne Strichtypen und Spolien, die zunächst nur den Eindruck ephemerer Gesten erwecken, im monochromen Bildraum so zu balancieren, dass sie eine überzeugende Komposition darstellen und doch flüchtig erscheinen. Pentimenti sind hier kaum möglich, da sie sich fraglos als sichtbare Spuren abzeichnen würden.
Beeindruckend ist, wie es Grüttner gelingt, trotz der monochromen Bildgründe in Gelb oder Blau sowie mehrheitlich in einem farblosen Weißgrau die Quintessenz seines malerischen Denkens ins Bild zu setzen. Mehr noch unterstreicht die Monochromie die Konsequenz seiner malerischen Gedankenwelt und ruft zugleich sein vielfarbiges Werk in Erinnerung, das damit umso radikaler wirkt. Andererseits strahlen die abstrakten Bildräume der nicht weniger komplexen monochromen Kompositionen eine ungewöhnliche Form von Ruhe gegenüber seinen bekannten impulsiven Farbwelten aus. In der Zusammenschau fällt ins Auge, dass auch hier die Frage von Form und Nichtform außer Diskussion steht. Das Bild wird vielmehr im Zustand des Entstehens und Vergehens gehalten, womit die Suche nach einem Motiv obsolet ist – eine konzeptuelle Entscheidung, die als das Nonplusultra abstrakter Malerei gelten kann, sich aber selten überzeugend einstellt.
Es ist unerheblich, ob das Werk von Grüttner als gegenständlich oder ungegenständlich, will sagen figurativ oder non-figurativ zu bezeichnen ist, wenn ihn vielmehr der transitorische Zustand zwischen diesen Polen interessiert, in dem er seine Werke halten will, wenn er sie für gültig erklärt und aus dem Atelier entlässt.
Sicher ist, dass der Maler und Zeichner Daniel Grüttner die lustvolle Introspektion unter dem Titel Out of the Web weniger als eine Zäsur denn mehr als eine Reflexion seiner künstlerischen Mittel versteht. Sie stellt einen Moment des Innehaltens dar, bevor er sich anderen künstlerischen Fragestellungen zuwenden wird und in neue Bildwelten voranschreitet.
Michael Hering
Direktor Staatliche Graphische Sammlung München

