Wer heute über das Bauhaus spricht, denkt oft zuerst an Architektur, Möbel und Typografie – an klare Linien, Stahlrohr und radikale Funktionalität. Doch die Moderne wurde nicht nur gebaut, sie wurde auch gesehen und ins Bild gesetzt. Genau hier setzt die Berliner Ausstellung „Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen“ an: Im Museum für Fotografie Berlin entfaltet sich ein Panorama weiblicher Bildpraxis, das lange im Schatten der großen Bauhaus-Namen stand – und gerade deshalb so überraschend frisch wirkt.
Mit rund 300 Fotografien aus dem Bestand des Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung zeigt die Schau bis zum 4. Oktober 2026, wie Bauhaus-Fotografinnen vor rund 100 Jahren Porträt, Stillleben, Architektur und Abstraktion neu dachten. Und sie macht sichtbar, wie eng Emanzipation, Berufsbild und ästhetische Innovation in der Fotografie der Zwischenkriegszeit miteinander verschränkt waren.
„Neue Frau, Neues Sehen“: Worum geht es in der Ausstellung?
Der Titel ist Programm: „Neue Frau“ verweist auf das gesellschaftliche Leitbild der 1920er-Jahre – auf Selbstbestimmung, Erwerbsarbeit, neue Rollenbilder und eine veränderte Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum. „Neues Sehen“ wiederum steht für eine Fotografie, die sich von malerischen Traditionen löst und die Kamera als Experimentiergerät begreift: mit ungewöhnlichen Perspektiven, harten Kontrasten, seriellen Studien und dem Mut zur Abstraktion.
Die Ausstellung versammelt Arbeiten von Marianne Brandt, Gertrud Arndt, Etel Mittag-Fodor, Grit Kallin-Fischer, Lotte Collein und Lucia Moholy. Ergänzt wird der historische Kern durch einen zeitgenössischen Dialog: Kalinka Gieseler, Caroline Kynast und Sinta Werner wurden eingeladen, mit den Bauhaus-Fotografien in Beziehung zu treten – nicht als dekorativer Kommentar, sondern als eigenständige künstlerische Antwort.
Warum Bauhaus-Fotografinnen heute so aktuell sind
Das Bauhaus war ein Labor der Moderne – aber auch ein Ort, an dem sich Widersprüche bündeln. Frauen waren zwar von Beginn an zugelassen, wurden jedoch häufig in bestimmte Werkstätten gedrängt (allen voran die Weberei). Umso bemerkenswerter ist, wie viele Künstlerinnen sich dennoch Räume eroberten: technisch, ästhetisch und beruflich. Fotografie spielte dabei eine doppelte Rolle. Sie war einerseits ein Medium der Dokumentation – und andererseits ein Feld, in dem sich neue Identitäten erproben ließen: im Selbstporträt, in der Inszenierung, im Spiel mit Maske, Licht und Material.
Gerade die Bauhaus-Fotografie zeigt, wie modern ein Blick sein kann, wenn er nicht nur abbildet, sondern analysiert: Architektur wird zur Strukturstudie, Alltagsobjekte werden zu Form- und Schattenkompositionen, Gesichter zu Statements über Haltung und Zeitgeist. Wer sich für Fotogeschichte, Gendergeschichte oder die Bildkulturen der Moderne interessiert, findet hier nicht nur „schöne Vintage-Prints“, sondern einen Schlüssel zum Verständnis der 1920er-Jahre – und ihrer Nachwirkungen bis in die Gegenwart.
Highlights: Diese Positionen prägen den Rundgang
Marianne Brandt: Selbstbild, Objekt, Spiegelung
Marianne Brandt ist vielen als Gestalterin der Metallwerkstatt bekannt – ihre ikonischen Teekannen und Leuchten stehen sinnbildlich für Bauhaus-Design. In der Fotografie begegnet sie als präzise Beobachterin und als kluge Selbstinszeniererin. Besonders eindrücklich sind Selbstporträts, in denen sie mit Spiegelungen und der Präsenz der Kamera spielt: Das Bild wird zum Nachdenken über Autorschaft, Technik und den eigenen Platz im Atelier.
Gertrud Arndt: Masken, Rollen, frühe Selbstinszenierung
Gertrud Arndts berühmte „Maskenfotos“ wirken wie Vorboten späterer Performance- und Identitätskunst: Kostüm, Pose und Blick werden zu Werkzeugen, um Rollenbilder offenzulegen – und zugleich lustvoll zu unterlaufen. Diese Arbeiten sind nicht nur kunsthistorisch relevant, sondern auch emotional unmittelbar: Sie zeigen, wie stark Fotografie als Bühne funktionieren kann, lange bevor der Begriff „Self-Fashioning“ zum Standardvokabular wurde.
Lucia Moholy: Die Architektin des Bauhaus-Bildgedächtnisses
Wenn es ein fotografisches Bildgedächtnis des Bauhauses gibt, dann ist es zu einem großen Teil Lucia Moholy zu verdanken. Ihre sachlich-klaren Aufnahmen von Gebäuden, Werkstätten und Personen prägten, wie das Bauhaus bis heute in Publikationen und Ausstellungen erscheint. In Berlin lässt sich diese Qualität als stille Radikalität erleben: präzise, unprätentiös, mit einem Sinn für Struktur und Licht, der Architektur nicht romantisiert, sondern lesbar macht.
Lotte Collein, Grit Kallin-Fischer, Etel Mittag-Fodor: Stillleben, Porträt, Alltag als Experiment
Die Ausstellung öffnet den Blick auch auf weniger bekannte Namen – und genau darin liegt ihr Reiz. Stillleben werden zu Studien über Materialität und Schattenwurf, Porträts zu Momentaufnahmen eines Milieus zwischen Aufbruch und Disziplin. Man spürt: Das „Neue Sehen“ war kein einheitlicher Stil, sondern ein Spektrum – von nüchterner Sachlichkeit bis zu spielerischer Abstraktion.
Dialog mit der Gegenwart: Drei zeitgenössische Künstlerinnen
Ein kluger Schachzug der Ausstellung ist der Brückenschlag ins Jetzt. Denn statt die Bauhaus-Fotografie als abgeschlossenes Kapitel zu präsentieren, wird sie als offenes Archiv verstanden, das weiterarbeitet – in heutigen Bildfragen, Raumwahrnehmungen und Medienreflexionen.
- Kalinka Gieseler (Berlin) arbeitet als Künstlerin und Fotografin und bringt eine zeitgenössische Sensibilität für Bildproduktion und fotografische Erzählweisen ein. Mehr zur Künstlerin findet sich u. a. über ihr Profil an der Berlin International University of Applied Sciences.
- Sinta Werner ist bekannt für Arbeiten an der Schnittstelle von Fotografie, Architektur und Installation – oft geht es um Verschiebungen zwischen Fläche und Raum, Realität und Projektion. Ein Einstieg ist ihre Website sintawerner.net sowie die Buchpublikation beim Kerber Verlag.
- Caroline Kynast erweitert den Ausstellungsraum als Dialogpartnerin der historischen Positionen und setzt damit ein Zeichen: Bauhaus-Fotografie ist nicht nur „damals“, sondern eine ästhetische Fragestellung, die sich in aktuellen Praktiken fortschreibt.
Gerade dieser Dialog macht den Besuch auch für Menschen spannend, die bereits viele Bauhaus-Ausstellungen gesehen haben: Die historischen Arbeiten werden nicht museal „abgehängt“, sondern als lebendige Bildprobleme neu lesbar.
Abbildung: Grit Kallin-Fischer, Selbstporträt mit Zigarette, um 1928, Bauhaus-Archiv Berlin

