Kaum ist die Manifesta 16 Ruhr verklungen, richtet sich der Blick der Kunstwelt schon auf das nächste große Ereignis im Revier: Vom 23. April bis 17. Oktober 2027 findet die Internationale Gartenausstellung (IGA) im Ruhrgebiet statt. Und sie ist weit mehr als eine Blumenschau. Besonders spannend für Kunstinteressierte ist der Zukunftsgarten Gelsenkirchen, wo auf einem früheren Zechengelände der Klangkunstparcours „Laute Landschaften – Wie klingt eigentlich Kunst?“ entsteht.
Von der Manifesta zur IGA: Das Ruhrgebiet bleibt Kunstregion
Die Manifesta 16 Ruhr lief vom 21. Juni bis 4. Oktober 2026 in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum. Unter dem Titel „This is not a church“ verwandelte die nomadische Biennale zwölf leerstehende oder umgewidmete Nachkriegskirchen in Ausstellungsräume. Die Bilanz der Veranstalter: rund 200.000 Menschen besuchten die Ausstellungen oder nahmen am Programm teil. Allein die zwölf Hauptstandorte zählten 185.855 Besuche, hinzu kamen rund 9.000 Teilnehmende beim lokal organisierten Programm Manifesta 16+. Das gesamte Angebot war kostenlos.
Mit der IGA 2027 geht es nahtlos weiter, wenn auch mit anderem Schwerpunkt. Erstmals findet die Gartenausstellung nicht in einer Stadt, sondern in einer ganzen Region statt. Sie verbindet industrielles Erbe, moderne Garten- und Landschaftsarchitektur sowie Zukunftskonzepte für Nachhaltigkeit und urbanes Leben. Die drei großen, kostenpflichtigen Zukunftsgärten liegen in Dortmund, Duisburg und Gelsenkirchen. Zwei weitere, kostenlos zugängliche Standorte gibt es in Lünen und im Emscherland. Kunst spielt dabei an allen Orten eine Rolle, in Gelsenkirchen aber ganz besonders.
Der Zukunftsgarten Gelsenkirchen: Ein Ort mit Geschichte
Der Nordsternpark ist ein Lehrstück für den Strukturwandel. Der Zukunftsgarten liegt zwischen Rhein-Herne-Kanal und Emscher auf einem Gelände, auf dem von 1868 bis 1993 Kohle gefördert wurde. Mit der Bundesgartenschau 1997 wurde die ehemalige Zeche Nordstern zum viel genutzten Park. Nun wird die Emscherinsel zur „Zukunftsinsel“ weiterentwickelt. Laut der Stadt Gelsenkirchen entsteht auf rund 28 Hektar ein Raum, in dem Natur, Wasser und Industriekultur zu einer neuen Parklandschaft verschmelzen.
Zu den Blickfängen zählt der Greentower, der aus einem ehemaligen Kohlenbunker entsteht und als grüne Landmarke dienen soll. Das Grün-Blaue Band lädt mit Wasser- und Erlebnisräumen zum Verweilen ein. Das Leitmotiv der gesamten IGA lautet „Wie wollen wir morgen leben?“. Die Kunst liefert dazu eine besondere Perspektive: Sie lädt dazu ein, genauer hinzuhören.
„Laute Landschaften“: Wie klingt eigentlich Kunst?
Der Klangkunstparcours wird von den RuhrKunstMuseen gemeinsam mit der IGA 2027 und unter Beteiligung von Urbane Künste Ruhr entwickelt. Er verbindet bestehende Werke mit Neuproduktionen, die eigens auf den Ort und seine Bedingungen reagieren. Zu erleben sind Arbeiten der Klangkunst und der Kunst im öffentlichen Raum, verteilt über die gesamte Emscherinsel.
Garten und Klang: eine lange Verbindung
Die Idee knüpft an eine alte Tradition an. Gärten waren kulturgeschichtlich immer auch Orte des Hörens. Die Kuratorinnen und Kuratoren nennen den Gesang in Klostergärten, die Wasserspiele in Renaissance- und Barockanlagen und die Windharfen in Landschaftsgärten. Hinzu kommt die Klangwelt der Natur, von Vogelstimmen über raschelndes Laub bis zu knackendem Unterholz. „Laute Landschaften“ überträgt diesen Gedanken in die zeitgenössische Kunst.
Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler arbeiten mit Gesang, (elektronischen) Musikzitaten, Alltagsgeräuschen, Sprache und vor Ort aufgenommenen Klängen (Field Recordings). Daraus entwickeln sie eigenständige Kompositionen. Georg Elben, Leiter des Skulpturenmuseums Marl, betont, dass dieser Parcours auf der ganzen Emscherinsel erlebbar sein wird. Julia Höner, Direktorin des Kunstmuseums Gelsenkirchen, hebt hervor, dass die Ausstellung den Blick auf die Industrierelikte, artenreichen Brachen und stillen Naturschönheiten des Geländes lenkt. Klangkunst mache Verborgenes hörbar und schaffe Verbindungen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Wer steckt dahinter?
Das Kunstprogramm wird von einem Kollektiv aus Museumsleitungen der RuhrKunstMuseen kuratiert, darunter Julia Höner, Georg Elben und Regina Selter. Zum kuratorischen Team gehören außerdem Nico Anklam (Kunsthalle Recklinghausen), Alisha Danscher (Urbane Künste Ruhr), die freie Kuratorin Marijke Lukowicz, Margot Olbertz (Projektmanagerin Kunst der IGA 2027) und Barbara Walter, die den Bereich Bildung und Vermittlung verantwortet. Eine Besonderheit: Das Kuratorium kommt aus mehreren Städten der Region. So wird die Ausstellung auch zu einem Gemeinschaftsprojekt der Ruhrgebietsmuseen.
Die Künstlerinnen und Künstler
Angekündigt sind Arbeiten von Nevin Aladağ, Lilian Beidler, Ângela Ferreira, Tim Löhde, Philipp Modersohn und Denise Ritter. Hinzu kommt das Sound Practice Research Kollektiv der Folkwang Universität der Künste unter der künstlerischen Leitung von Jan St. Werner.
- Nevin Aladağ, Ângela Ferreira und Philipp Modersohn gehören zu den Namen, die der Parcours prominent nennt. Sie stehen für unterschiedliche Zugänge zu Skulptur, Raum und Klang.
- Jan St. Werner ist Künstler, Musiker und Komponist und lebt in Berlin. Er war unter anderem bei der documenta 14 und der Ruhrtriennale zu sehen und gehörte 2024 zu den sechs Künstlern im Deutschen Pavillon der 60. Biennale von Venedig. Bekannt ist er außerdem als Mitglied der Elektronik-Gruppe Mouse on Mars. Seit 2025 ist er Professor an der Folkwang Universität der Künste. Mehr zu ihm bietet sein Porträt bei Urbane Künste Ruhr.
Weitere Namen und Details zu den einzelnen Werken dürften bis zur Eröffnung folgen. Ein Blick auf die Seiten der RuhrKunstMuseen und der IGA lohnt sich also.
Praktische Informationen für Ihren Besuch
Wann und wo?
- Zeitraum: 23. April bis 17. Oktober 2027 (178 Tage)
- Ort: Zukunftsgarten Gelsenkirchen, Emscherinsel im Nordsternpark, Grothusstraße 201, 45883 Gelsenkirchen
- Öffnungszeiten: Die täglichen Zeiten gibt die IGA rechtzeitig auf iga2027.ruhr bekannt.
Tickets und Eintritt
Der Klangkunstparcours liegt im eintrittspflichtigen Zukunftsgarten, ein Ticket für die IGA genügt. Die Tickets gibt es im offiziellen IGA-Ticketshop. Nach Angaben des Veranstalters gelten derzeit folgende Preise:
- Tageskarte: 29,50 Euro für Erwachsene, 16,50 Euro ermäßigt für 15- bis 24-Jährige. Sie gilt für je einen Eintritt in die Zukunftsgärten Dortmund, Gelsenkirchen und Duisburg an einem frei wählbaren Tag.
- Entdeckerkarte: 59 Euro, ermäßigt 33 Euro, für je einen Besuch pro Standort an unterschiedlichen Tagen.
- Dauerkarte für einen Zukunftsgarten: ab 67,50 Euro, weitere Varianten bis zur Dauerkarte für alle drei Standorte.
- Kinder bis 14 Jahre haben freien Eintritt.
Tages- und Entdeckerkarten enthalten die Nutzung von Bus und Bahn im gesamten Gebiet von VRR und WestfalenTarif. Das macht die Anreise zu einem der drei Gärten unkompliziert. Die Fristen für vergünstigte Dauerkarten finden Sie im Ticketshop.
Barrierefreiheit
Für die Emscherinsel ist laut dem Regionalverband Ruhr unter anderem eine barrierefreie Mobilitätsachse vorgesehen. Beachten Sie: Solange das Gelände noch Baustelle ist, ist es nicht durchgehend barrierefrei. Aktuelle Informationen zur Barrierefreiheit der fertigen Anlage bietet die IGA-Website.
Tipp: Gelsenkirchen vorab entdecken
Wer schon vor der Eröffnung hineinschnuppern möchte, kann an Führungen über das künftige Gelände teilnehmen. Und wer Industriekultur mag, sollte den denkmalgeschützten Nordsternturm samt Förderturm mit Panoramaterrasse einplanen. Im Kunstmuseum Gelsenkirchen lässt sich der Besuch mit einer Ausstellung verbinden.
Fazit: Ein Sommer zum Hinhören
„Laute Landschaften“ verspricht eine der originellsten Kunstbegegnungen des IGA-Sommers. Statt Werke nur anzuschauen, geht es ums Zuhören: um das Rauschen des Kanals, die Spuren der Zechenvergangenheit und die Geräusche einer Natur, die sich ehemals industrielle Flächen zurückerobert. Das passt zum Ruhrgebiet, das sich immer wieder neu erfindet. Nach der kostenlosen Manifesta 2026 ist die IGA 2027 die nächste Gelegenheit, die Region als Kunstlandschaft zu erleben.
Merken Sie sich den 23. April 2027 vor. Sichern Sie sich Ihr Ticket im IGA-Ticketshop, folgen Sie den Neuigkeiten der RuhrKunstMuseen und planen Sie einen Ausflug an den Rhein-Herne-Kanal. Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit Ihnen der Landschaft zuzuhören.

